Die EM 2012 Vorschau: Gruppe B – Gefährliche Gegner für Deutschland

Als im vergangenen Dezember die Gruppen zur EM 2012 ausgelost wurden, gab es bei den Ziehungen zur Gruppe B stets ein Raunen zu hören. Die Verantwortlichen Dänemarks, Portugals und der Niederlande mussten danach erst einmal tief durchatmen, um zu verarbeiten, welch schwierige Aufgabe ihnen die angebliche Glücksfee gestellt hatte. Nur einer blieb scheinbar ruhig: Joachim Löw. Der deutsche Bundestrainer wirkte so, als sei er auf alles und jeden eingestellt gewesen. Auf dem Weg zum Europameistertitel müsse man halt jeden schlagen, daher sei es gar nicht schlecht, wenn man von Anfang an gefordert werde, so sein Credo.  Aber ist die deutsche Elf im Augenblick wirklich reif für den großen Wurf und wie sieht die Lage in den Lagern der Gruppengegner aus?

Deutschland: Auf dem Weg zum Titel der EM 2012?

Nach der enttäuschenden EM 2004 trat mit Rudi Völler der letzte Bundestrainer ab, der auf die berühmten deutschen Tugenden setzte. Danach übernahmen Jürgen Klinsmann und Joachim Löw das Ruder und entfachten bekanntermaßen eine neue nationale Fußballbegeisterung bei der Heim-WM, zu der vor allem ein erfrischender und höchst ansehnlicher Kombinationsfußballstil beitrug. Seitdem gehört das deutsche Team wieder zur Weltspitze und ist im Gegensatz zu früheren Zeiten mittlerweile auch höchst angesehen für spielerische Qualität, taktische Fortschrittlichkeit und das schier unerschöpfliche Potential an jungen Spielern durch hervorragende Ausbildung in den Vereinen. Doch die Krönung dieser Entwicklung in Form eines Titels fehlte bisher. Beachtliche bis begeisternde Leistungen bei den Turnieren zwischen 2006 und 2010 reichten „nur“ zu den Plätzen 2 und 3. Diese sind höchst respektabel, wenn man bedenkt, wie rückständig der deutsche Fußball zur Jahrtausendwende daher kam. Doch das hungrige und begeisterungsfähige deutsche Fußballvolk lechzt nun nach einem großen Erfolg. Und Löws Mannschaft ließ in der Zeit nach der südafrikanischen WM auch nicht nach. Eine Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen war nur ein Beweis ihrer herausragenden Form. Zusätzlich dominierte man auch noch gegen Topteams in Freundschaftsspielen wie Brasilien (3:2) und die Niederlande (3:0), denen man nun wieder gegenüber stehen wird. Ist also alles bereitet für den vierten EM-Triumph Deutschlands?

In den letzten Wochen kommt das Gefühl auf, als ob es doch noch einige Hürden zu überwinden gibt für Löws Team. Die Vorbereitung lief alles andere als glatt. Nach dem Bundesliga-Abschluss fand sich der Kader erst nach und nach im Trainingslager zusammen, da die Topleute von Real Madrid, Borussia Dortmund und Bayern München noch länger im Einsatz waren. Ein gemeinsames Einstudieren von Spielzügen war daher nur in geringem Umfang möglich. Dazu kommt die mentale Befindlichkeit der Bayern-Spieler, die mit der Bürde dreier Vizetitel ins Nationaltrikot schlüpfen. Vor allem das bittere Champions-League-Finale wird sicherlich noch in den Köpfen nachhallen. Mit Recht fragt sich Fußballdeutschland daher, ob Löw am etablierten und eingespielten Bayern-Block in der Nationalelf festhalten soll oder ob er stärker auf die Dortmunder Spieler zurückgreifen soll, die allerdings ihre internationale Tauglichkeit bisher eher selten nachweisen konnten. Sicher ist, dass der Bundestrainer nicht an Leuten wie Neuer, Lahm, Schweinsteiger oder Gomez vorbei kommt, aber auch Hummels oder Götze eine Chance geben muss. An die übrigen Spieler dürfen ebenfalls Erwartungen gestellt werden. Andre Schürrle aus Leverkusen ist pünktlich zur EM aufgeblüht, der Gladbacher Marco Reus will seine Ausnahmesaison fortsetzen und der „alte Hase“ Miroslav Klose von Lazio Rom sowie der Neu-Londoner Lukas Podolski wollen es ebenfalls noch einmal wissen.

Fazit: Es gibt eigentlich wenig Anlass für echte Besorgnis für Löws Team. So oft hat es seine Qualität zuletzt nachgewiesen, dreimal hat der Trainer auch gezeigt, dass er eine Mannschaft pünktlich zu einem Turnier fit bekommt. Doch die Zweifel müssen ausgeräumt, echte Schwierigkeiten der Vorbereitung hingegen ernst genommen werden. Dann braucht sich Deutschland in der Tat vor niemandem verstecken und wird die Gruppe als Erster abschließen können.

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Die Niederlande: Pragmatismus als Mittel zum Zweck

Als holländischer Fußball-Fan muss man sich derzeit verwundert die Augen reiben. Während die Oranje höchst nüchternen Ergebnisfußball herunter spielt, glänzt der ungeliebte Nachbar Deutschland mit einem Zauberkick, den man früher noch selbst veranstaltet hat. Der Stil, den Trainer Bert van Marwijk favorisiert, passt so gar nicht zur niederländischen Fußball-Seele, die sich schon fast daran gewöhnt hatte, dass ihre Mannschaft begeistert, um irgendwann während des Turniers mit fliegenden Fahnen unter zu gehen. Zuletzt sah man das 2008 als in der Vorrunde Frankreich und Italien an die Wand gespielt wurden, im Viertelfinale aber eine schwache Leistung gegen Russland das Aus bedeutete. Nun also Pragmatismus und Erfolgsorientiertheit im Tausch gegen Voetbal total. Das mag den Anhängern nicht recht schmecken, doch die Spieler akzeptieren und verinnerlichen es, nachdem sie gesehen haben, dass dieser Stil 2010 beinahe zum ersehnten Weltmeistertitel gereicht hätte. Erst Andres Iniesta zerstörte in der Verlängerung die orangenen Träume. Wird es in Kiew eine Neuauflage dieses Endspiels geben?

Spieler um zu zaubern hätten die Niederlande nach wie vor. Ob die Altstars Wesley Sneijder und Rafael van der Vaart, die Flügelflitzer Ibrahim Affelay und Arjen Robben oder die Tormaschinen Robin van Persie und Klaas Jan Huntelaar – vorn macht den Oranjes keiner was vor. Dahinter treibt Mark van Bommel unermüdlich das Spiel an. Und im Tor steht mit Maarten Stekelenburg ein Klassemann in Tradition eines Edwin van der Sar. Einzig die Abwehrreihe erscheint etwas wackelig. Da Chef Joris Mathijsen angeschlagen ist, holte van Marwijk kurzerhand den 33-jährigen Bouma zurück. Ansonsten findet man eher Mitteklasseleute in der Defensive, mit dem 18-jährigen Jetro Williams aber auch ein Talent der Zukunft. Unabhängig davon zeigten die Niederlande beim jüngsten 6:0 gegen Nordirland auch mal wieder spielerische Leckereien. Wenn sie hingegen auf eine so enge Gruppenkonstellation treffen wie bei der diesjährigen EURO, dürfte wieder mehr Zweckorientiertheit einziehen.

Fazit: Die Niederlande sind ohne Frage Deutschlands härtester Konkurrent in Gruppe B. Und doch dürfen sie sich nicht sicher fühlen. Die Gefahr, mit Hurra in den Untergang zu steuern, scheint zwar gebannt, doch die Gruppengegner lösen wenig Begeisterung aus. Mit Portugal verbindet man zwei bittere Ausscheiden, die Deutschen sind ein in zahlreichen Duellen bespielter, immer unbequemer Gegner und Dänemark stand 1992 zwischen den Oranje und dem EM-Titel.

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Der klassische Underdog: Dänemark

Eine Situation wie bei der EM 2012 ist den Dänen grundsätzlich bekannt. Die Skandinavier fühlen sich wohl in der Rolle des Außenseiters, auch wenn sie gegen eine etwas leichtere Konstellation sicher nichts einzuwenden gehabt hätten. Doch Zusammenhalt und Kampfgeist hat den dänischen Fußball schon ein ums andere Mal in der Welt bekannt gemacht. Zuvorderst steht dabei natürlich der Sensationstitel aus dem Jahr 1992, als Dänemark erst kurz vor Beginn des Turniers als Vertreter des bürgerkriegsgeschüttelten Jugoslawiens nachrückte – und gewann. Doch auch 1986, 1998 oder 2004 ließ das Team mit einigen großen Spielen aufhorchen. Nun behaupten Kenner des dänischen Fußballsports nichts weniger, als dass das Team Morten Olsens aktuell den schönsten Kick in der Verbandsgeschichte spielen solle. Eine beachtliche Einschätzung, wenn man bedenkt, dass Deutschlands nördlicher Nachbar schon eine Spielergeneration um die Laudrup-Brüder und Preben Elkjaer-Larsen hervor gebracht hat, die das berühmte „Danish Dynamite“ begründeten. In der Qualifikation bewies die aktuelle Mannschaft, dass sie dieser Behauptung durchaus standhalten kann. Zum zweiten Mal in Folge ließ man das hochgelobte Portugal hinter sich und kam um die Relegationsspiele herum. Und auch mit Deutschland und den Niederlanden hat man in Pflichtspielen durchaus gute Erfahrungen gemacht. Reicht dies, um genug Optimismus für die Vorrunde zu schüren?

Realistisch betrachtet sind die Kader Deutschlands und der Niederlande ohne Frage bessere besetzt. Dänemark braucht alle seine Topleute gesund und in Bestform, um diese beiden großen Teams des Weltfußballs bezwingen zu können. Diese Voraussetzung ist schon deshalb nicht ganz erfüllt, weil Stammtorwart Sörensen vor wenigen Tagen passen musste. Ersatzmann Stephan Andersen machte im Testspiel gegen Australien allerdings eine gute Figur. Die Abwehr genügt mit Daniel Agger, Simon Kjaer oder dem jungen Jores Okore internationalen Maßstäben. Weiter vorn setzt Morten Olsen auf bewährte, erfahrene Kräfte wie dem zentralen Mittelfeldspieler Christian Poulsen oder Flügelstürmer Dennis Rommedahl. Doch entscheidend wird sein, ob Superstar Nicklas Bendtner die Erwartungen erfüllen kann. Der selbstbewusste Mittelstürmer neigt manchmal zur Exzentrik, ist aber willensstark und begnadet, wenn da nicht die Formschwankungen wären.

Fazit: Dänemark ist eine Einheit wie eh und je. Gerade gegen Topteams können die Skandinavier mithalten, da sie das Spiel nicht dominieren müssen. Mit einem Bendtner in Bestform könnten die Dänen auch in dieser Gruppe etwas erreichen und einem der Großen ein Bein stellen.

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Portugal: Wann kommt die nächste goldene Generation?

Zwischen 2000 und 2008 sorgte der portugiesische Fußball mehrfach für Furore in Europa. Man nannte die Truppe um Luis Figo, Rui Costa oder Nuno Gomes die goldene Generation. Doch ein kleines Land wie Portugal produziert nicht alle Tage Spitzenkicker am Fließband. Immerhin besitzt man mit Cristiano Ronaldo aber einen der besten Spieler des Planeten. Da es aber sonst keinen ähnlich begabten Mann im Team Paulo Bentos gibt, droht der Fußball Portugals auf eine leicht auszurechnende One-Man-Show hinaus zu laufen. Andere meinen hingegen, dass in letzter Zeit ein variablerer, weniger auf Ronaldo zugeschnittener Stil gepflegt wird, bei dem das Team stärker im Vordergrund steht. So sind auch Nani, Raul Mereiles oder Helder Postiga gefährliche Spieler. Doch wie sollen die Portugiesen in der schwierigen Gruppe B ernsthaft an die großen Erfolge der letzten Jahre anknüpfen können?

Coach Paulo Bento ist der Trainer, der das Ruder nach der enttäuschenden WM 2010 übernehmen durfte. Der unbeirrbare Mann hat sich mittlerweile einiges Ansehen erworben, was während der holprigen Qualifikation nicht immer so war. Das erlösende 6:2 gegen Bosnien zerstörte jedoch zunächst alle Zweifel und war eine echte Befreiung für das Fußballvolk Portugals. So nahm Bento auch niemand übel, dass er nicht vor der Streichung großer Namen haltmachte. Jose Bosingwa und Ricardo Carvalho dürfen sich nun die EM zu Hause anschauen, da sie wegen aufmüpfiger Eskapaden in Ungnade gefallen sind. Die letzten Testspielergebnisse geben allerdings wenig Hoffnung auf eine erfolgreiches EURO-Abenteuer. Einem müden 0:0 gegen Mazedonien folgte am Wochenende eine 1:3-Schlappe gegen die Türkei.

Fazit: Auch wenn Bento einiges bewegt, scheinen die Portugiesen noch nicht ausreichend gestärkt und variabel besetzt, um den Gruppengegnern Paroli bieten zu können.

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