WM 2014 in Brasilien: welche Probleme sind zu überwinden und wie weit ist das Land?

Am 30.07.2007 verkündete das von Sepp Blatter geleitete FIFA-Exekutivkomitee, was eigentlich keine Überraschung mehr war: die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wird nach 1950 zum zweiten Mal in Brasilien ausgetragen. Nachdem Kolumbien seinen Hut aus dem Ring zurückzog, stand das Land des fünfmaligen Weltmeisters als alleiniger Bewerber da. Obwohl Brasilien zu diesem Zeitpunkt kaum eine der FIFA-Forderungen zu erfüllen vermochte, wurde Ihnen die Ehre sowie die damit einhergehenden Verpflichtungen übertragen – trotz vermeintlich eindeutiger Bewerbersituation keine selbstverständliche Entscheidung. Wir bringen euch auf den derzeitigen Stand bezüglich der verschiedenen Baustellen auf dem Weg zur WM 2014 in Brasilien.

WM 2014 in Brasilien – Die Probleme:

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Baustelle Stadien

Brasilien besaß weder zum damaligen, noch zum derzeitigen Zeitpunkt ein WM-taugliches Stadion. Entgegengesetzt der Norm wird es 2014 anstatt 10 gleich 12 Austragungsorte geben, von denen 5 neu gebaut und 7 teils umfangreich ausgebaut werden müssen. Da das neben einer Menge Arbeit auch einer Menge Geld bedarf, sollten sich eine Reihe privater Investoren an der Stadienfinanzierung beteiligen. Der bisherige Erfolg bleibt allerdings äußerst überschaubar. Lediglich beim Umbau der Arenen in Porto Alegre, Curitiba und São Paulo spielen aktuell externe Gelder eine Rolle. Für die restlichen Austragungsorte müssen die entsprechenden Bundesstaaten selbst aufkommen, welche diese Milliardenbeträge kaum eigenständig stemmen können. Das ruft die staatliche Entwicklungsbank BNDES auf den Plan.

2

Kredite von der BNDES

Unter der Prämisse einer umweltfreundlichen Verwendung der Gelder wurden knapp 800 Mio € an Krediten locker gemacht, um die durch politische Uneinigkeiten sowie Streiks ohnehin schon arg verzögerten Baumaßnahmen nicht noch weiter zu gefährden. Sowohl die Außerkraftsetzung der Regel für die Kreditüberschreitungs-Begrenzung als auch die Steuerbefreiung für Güter und Dienstleistungen im Zusammenhang mit dem Stadienbau verdeutlichen zudem die prekäre Situation des Landes. Das zunächst veranschlagte Budget von knapp 500 Mio € erwies sich als maßlos optimistisch. Trotz der längst getätigten Korrektur der zu erwartenden Kosten auf 1,8 Mrd € ist ein Ende der Fahnenstange nicht in Sicht. Angesichts des massiven Drucks der FIFA aufgrund der starken Bauverzögerungen kündigte die Regierung die Fertigstellung von 9 der 12 Stadien bis Ende 2012 an, eine weitere äußerst optimistische Einschätzung

3

Fertigstellung der Spielstätten verzögert sich

Neben dem Neubau des Stadion „Itaquerão“ (Corinthians São Paulo) werden sich auch die Renovierungen der Spielstätten in Manaus und Natal voraussichtlich bis ins Jahr 2013 schleppen, was eine Nutzung beim Confederations Cup, der Generalprobe der WM, verhindert. Anders sieht es dagegen im Final-Stadion Maracana aus, dem einst größten Stadion der Welt, in welchem schon das Endspiel zwischen Brasilien und Uruquay im Jahr 1950 ausgetragen wurde. Bei der damaligen 1:2-Niederlage des Gastgebers zwängten sich unvorstellbare 174 000 Menschen ins Stadion, inoffizielle Schätzungen gehen sogar von 220 000 Besuchern aus. Die heutigen Ansprüche an Komfort und Sicherheit erforderten jedoch immer wieder Umbaumaßnahmen. Gerade wird an einer Verringerung der Platzzahl auf 83.000 gearbeitet. Innerhalb des letzten Jahres verschlangen die Arbeiten am legendären Stadion Rio de Janeiros bereits rund 125 Mio €.

4

Baustelle Öffentlicher Nahverkehr

Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs ist die zweite riesige Herausforderung auf dem Weg zur WM 2014 in Brasilien. Das sportliche Großereignis wird vom Land als Anlass genommen, um dringend notwendige, umfangreiche Urbanisierungsprozesse in die Wege zu leiten, welche in den letzten Jahrzehnten versäumt wurden. So soll neben Hafenerneuerungen vor allem das Bus- und Bahnsystem stark ausgebaut werden, um den zahlreichen Gästen aus aller Herren Länder angemessene Transportmöglichkeiten bieten zu können. Am dringensten ist hierbei natürlich die Verbindung von Flughäfen und Spielstätten, aber auch innerstädtische Strukturen sollen verbessert werden – schließlich wollen die Brasilianer auch lange nach dem einmonatigen Groß-Event von den Maßnahmen profitieren. Insgesamt plant das Land mit gut 5 Milliarden € an Investitionen für den öffentlichen Nahverkehr. Die Einwohner-Umsiedlung oder bürokratische Bremsen wie der Umgang mit kulturell geschützten Stadtteilen werden als Zeitdiebe angegeben.

5

Flughäfen

Laut einer Studie des Instituts für angewandte Ökonomie IPEA würden lediglich die 3 Flughäfen in Rio de Janeiro, Manaus und Campinas den bevorstehenden Massenandrang bewältigen können. Die restlichen 10 für die WM 2014 relevanten Flughäfen wären komplett überfordert, zumal eine Vielzahl der brasilianischen Landeplätze bereits seit geraumer Zeit am Kapazitätslimit arbeiten. Darüber hinaus prognostizierte die IPEA, daß ganze 9 Flughäfen nicht vor 2014 fertig gestellt werden würden. Hoffen wir, dass sich die Verantwortlichen diesen Warnschuss zu Herzen nimmt. Immerhin sollen aufgrund des ansteigenden Flugverkehrs bis zum Turnier fünf temporäre Terminals errichtet werden. Da der Flughafen in Campinas als Drehkreuz von besonderer Wichtigkeit ist, wird hier der Bau einer weiteren Landepiste angestrebt. Aber auch hier reichen die staatlichen Gelder von mehr als 2 Mrd € wohl nicht aus. Private Investoren sind auch hier von Nöten, um der Mindestanzahl von 500 000 erwarteten Fluggästen eine reibungsfreie Reise gewährleisten zu können.

6

Auftreten der Gastgeberstädte

Trotz einer wirtschaftlich zufriedenstellenden Situation beschäftigen Brasilien gravierende soziale Probleme, welche zum Entstehen von Armenvierteln, der sogenannten Favelas sowie geschlossenen und beschützten Siedlungen der Mittel- und Oberschicht, den gated Communities führen. Damit die internationalen Gäste im Sommer 2014 dennoch ein positives Bild von Brasilien zu sehen bekommen, bemühen sich vor allem die Austragungsstädte um ein neues Gesicht. So sollen die allgemein beliebten historischen Stadtkerne aufpoliert, Kanalisationssysteme ausgebaut und Straßen beschildert werden. Darüber hinaus wird auch der Bau neuer Schulen und Krankenhäuser forciert. Ob dies letztendlich nur teures Make-Up ist oder ob auch das brasilianische Volk von den 1,1 Mrd € teuren Maßnahmen profitieren, wird sich noch zeigen müssen.

7

Sicherheit

Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die öffentliche Sicherheit. Durch einseitig negative Medienberichterstattung bezüglich dieser Thematik werden viele internationale Fans die Stirn runzeln und den Aufenthaltsort Ihres Portmonais doppelt überdenken. Mit Investitionen von knapp 800 Mio € will die Regierung die Chance wahrnehmen, sich von dem unvorteilhaften Image zu lösen. Überwachungskameras, eine größere Präsenz von Sicherheitskräften und Militär samt besserer Ausrüstung sollen hierbei eine entscheidende Rolle spielen.

8

Unterkünfte

Neben den aus Brasilien anreisenden Fans rechnet man mit mindestens einer halben Million Fußballverrückter aus aller Welt. Da die 12 Austragungsstädte insgesamt nur 300 000 Betten zur Verfügung haben und nicht nur die WM-Gäste und Manschaftsstäbe ein warmes Bett benötigen, wartet auch hier viel Arbeit auf Brasilien. Von den insgesamt 1,25 Mrd € für Unterkünfte ist 1/3 für Rio de Janeiro und die 19 geplanten Hotels vorgesehen. Ähnliche viele sind in Salvador und Belo Horizonte vorgesehen. Ausrangierte Luxusliner sollen zu Schiff-Hotels umfunktioniert werden, liegen doch viele der 12 Städte am Wasser. Generell will man die Standards der brasilianischen Unterkünfte anheben sowie kostenlose Sprachkurse anbieten, um den verwöhnten fremdsprachigen Gästen einen Aufenthalt zu bieten, der Sie gerne wiederkommen lässt. Allerdings muss hierbei auch abgewogen werden, um einer nicht unwahrscheinlichen Überfüllung mancher Städte vorzubeugen – ein Drahtseilakt par excellence.

9

Telekommunikation

Über 8 Mrd € müssen jährlich in diesen Bereich gesteckt werden, um die FIFA-Richtlinien einzuhalten. Diese fordern unter anderem störungsfreie HDTV-Übertragungen und den reibungslosen Parallel-Betrieb vieler Fernsehstudios in den Medienzentren. Angesichts der Höhe der Geldbeträge kann man sich ungefähr vorstellen, auf welchem Stand Brasilien bisher ist.

10

Korruption

Die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro dürften die beiden größten Sportereignisse der Welt werden und beide finden relativ kurz nacheinander in Brasilien statt. Unvorstellbare Geldsummen sind im Umlauf, daher ist es verlockend, einige Krümel in den eigenen Mund zu stecken. Die beiden Großereignisse führen zu Korruption in großem Stil, deren Ausmaß aber schwer festzustellen ist. Gipfel des Eisberges scheint die Affäre um Orlando Silva, bis vor kurzem Sportminister, welcher nach 12 Tagen der dauerhaften Kritik an seiner Person mit seinem Rücktritt am einen Schlußstrich zog. Selbstredend, dass das jedoch nicht als Schulzugeständnis zu verstehen sei. Ihm wurde vorgeworfen, rund 17 Mio € für ein soziales Kinder-Sportprojekt in die Wahlkampfkasse der kommunistischen Partei PCdoB, welcher er seit Jahren selbst angehört, umgeleitet zu haben. Damit ist er bereits der fünfte Minister, von dem sich die erst seit 10 Monaten amtierende Präsidentin Dilma Rousseff aufgrund von Korruptionsvorwürfen verabschieden musste. Aldo Rebelo, ehemaliger Minister und ebenfalls Mitglied der PCdoB, wird Silvas Nachfolger und soll den Kahn in diesen stürmischen Zeiten ans Ufer führen.

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Erwartungen Brasiliens an die WM

Erfolgreich organisierte Sportereignisse diesen Ausmaßes bringen allerlei Erwartungen seitens des Gastgebers mit sich. So erhofft sich Brasilien in vielerlei Hinsicht einen großen Schritt nach vorne machen zu können: Stärkung der Wirtschaft (allen voran des Dienstleistungs- und Tourismusbereichs und Gewinn neuer Investoren), internationaler Imagegewinn, Verbesserungen im Sozialbereich durch inneren Zusammenhalt aufgrund der guten Organisation oder sportlichen Leistung, höherer Lebensstandard und neue Jobs. Anfang Oktober bezifferte Ex-Sportminister Silva das Job-Wachstum auf 700 000, den wirtschaftlichen Gewinn durch die WM 2014 in Brasilien auf geschätzte 75 Mrd €. Wieviel davon bei den 190 Millionen Brasilianern ankommt und wer von den 700 000 Neubeschäftigten über den Sommer 2014 hinaus Arbeit hat, wird die Zukunft zeigen. Trotz der massiven Vorbereitungsverzögerungen, welche die FIFA noch dramatischer als in Südafrika zum gleichen Zeitpunkt einschätzt, wird der globale Druck und der eigene Anspruch verbunden mit den rosigen Aussichten Brasilien zu einer erfolgreichen WM zwingen. Ich freue mich schon drauf!
Zur offiziellen Seite der WM 2014 geht's hier.

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Foto: Thinkstock, iStock, daboost

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