Die EM 2012 Vorschau: Gruppe D – Pool der Geheimfavoriten

Vergleicht man die Konstellation der Gruppe D mit derjenigen der Gruppe A, so lässt sich unbestritten feststellen, dass es die ukrainische Mannschaft deutlich härter getroffen hat als die polnische. Im Pool des zweiten Gastgebers befinden sich international renommierte Teams, die nicht nur auf vergangene Erfolgszeiten zurückblicken, sondern auch aktuell eine stattliche Auswahl aufzubieten haben. Der Ausgang ist völlig offen. Und doch gibt es Hinweise darauf, wer am Ende die Nase vorn haben könnte.

Gastgeber Ukraine: Die EM 2012 als Premiere

Zum allerersten Mal darf die gelb-blaue Nation an einem EM-Turnier teilnehmen. Bislang war sie zwar schon einige Male nah dran, doch es reichte nur zu einer WM Teilnahme 2006 in Deutschland. Diese wurde gleich zu einem beachtlichen Erfolg: Das Team um Andrij Shevchenko zog immerhin ins Viertelfinale ein und war dort dem späteren Titelträger Italien unterlegen. Dieser Shevchenko ist noch immer im Kader der diesjährigen Mannschaft und das Idol des ukrainischen Fußballs. Dabei hat der ehemalige Weltstar, der vor allem beim AC Mailand für Furore sorgte und dort auch Meisterschaft und Champions League gewinnen konnte, seinen Leistungszenit längst überschritten. Er fungiert eigentlich mehr als Symbolfigur, zu dem das Team aufschauen kann, weniger als der Leistungsträger der früheren Tage und hat bereits angekündigt, nach der EM 2012 seine Karriere zu beenden. Trainer Oleg Blochin hat allerdings das Problem, dass sein Team insgesamt ziemlich überaltert ist. Wichtige Akteure sind somit immer noch Bayerns Tymoschuk (33), der als Spielgestalter im Mittelfeld agiert oder der Ex-Herthaner Andrij Woronin im Sturm. Frische und junge Spieler wie Flügelflitzer Jewhen Konoplanka oder Außenstürmer Andrij Jarmolenko sind dagegen eher rar. Hinzu kommt, dass die Ukraine ein immenses Torwartproblem hat, da Stammkeeper Rybka eine Dopingsperre absitzt und die weiteren Keeper Shovkovski und Dykan verletzt sind. So muss der keineswegs sichere Andrij Pjatow den Kasten sauber halten.

Keine einfache Ausgangsposition also für Oleg Blochin, den großen Linksaußen der 70er und 80er Jahre bei Dynamo Kiew. Er ist wie 2006 Trainer der Nationalauswahl und  vielleicht der größte Hoffnungsträger des Fußballlandes. Eine Heim-EM als Nationaltrainer zu erleben, ist auch für den erfahrenen und sachlichen Mann eine besondere Herausforderung. Die Fans trauen ihm und seinem Kader auf jeden Fall eine ganze Menge zu, fast ist die Euphorie ein wenig zu überbordend. Es ist noch fraglich, ob die Mannschaft vom Druck motiviert wird oder daran zerbricht. Beim 3:3 im Testspiel gegen Deutschland gab es viel Applaus. Dagegen regen die Ergebnisse aus den letzten Testspielen gegen Österreich (2:3) und die Türkei (0:2) kaum zu Optimismus an.

Fazit: Der Heimbonus hat schon so manchem Team Flügel verliehen, warum nicht auch der Ukraine trotz diverser Personalprobleme? Viel wird vom Schlüsselspiel zu Beginn gegen Schweden abhängen. Sollte Blochins Team hier mit einem Sieg starten, ist vieles möglich. Genauso gut kann es aber auch ein ziemlich trostloses Turnier werden, wenn sich die jüngst gezeigten Leistungen wiederholen.

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Schweden: Wer hilft Ibrahimovic?

Die Auswahl der „Tre Kronors“ ist noch mehr als das ähnlich strukturierte portugiesische Team von einem Mann abhängig: dem einzigen Weltstar und Top-Torjäger Zlatan Ibrahimovic vom AC Mailand. In der Tat kann der langhaarige Stürmer ein Spiel allein entscheiden, doch damit ist das schwedische Spiel leicht ausrechenbar. Die anderen Leistungsträger Andreas Isaksson (Tor), Olof Mellberg (Abwehr), Kimm Källström oder Anders Svensson (beide Mittelfeld) stehen einerseits noch ein ganzes Stück hinter der Qualität eines Ibrahimovic zurück und sind andererseits, ähnlich wie das ukrainische Team, schon in die Jahre gekommen. Die direkte Qualifikation in der Gruppe mit den Niederlanden, Ungarn und Finnland geschah daher schon fast etwas überraschend. Schweden spielte dabei wahrlich nicht schlecht, profitierte allerdings auch davon, dass die Niederlande im letzten Spiel nicht mehr voll konzentriert waren und von den Schweden 3:2 besiegt wurden, wodurch die Skandinavier als bester Gruppenzweiter ohne Relegation zur EM fahren durften.

Aber die Schweden sind auch ansonsten nicht schlecht in Form. Sie halten eine solide Grundtaktik, stehen diszipliniert und dürfen vorn dank Ibrahimovic und dessen Sturmkollegen jubeln. Auf diese Weise wurden alle diejährigen Testspiele gegen Kroatien (3:1), Island (3:2) und Serbien (2:1) gewonnen. Einen weiteren Vorteil besitzen die Schweden durch die Tatsache, dass sie während der Vorrunde nicht reisen müssen. Da die Ukraine sich nicht nur in ihrer Hauptstadt zeigen möchte, hat Schweden das seltene Glück dreimal in Kiew antreten zu dürfen. Dies wollen zahlreiche schwedische Fans ausnutzen, die schon einen Campingplatz in der Nähe des Stadtzentrums für sich gebucht haben. An Unterstützung soll es Erik Hamrens Team also nicht mangeln.

Fazit: Die Mannschaft Schwedens scheint sich in guter Form zu befinden und hat ordentliche Chancen auf ein Weiterkommen. Sollte das gelingen, wird sich im weiteren Verlauf aber zeigen müssen, ob die gealterte Elf der Turnierbelastung standhält.

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Frankreich: Schon wieder reif für große Erfolge?

Der Ära Zinedine Zidane hat man in den letzten Jahren bei der Grande Nation sicherlich stark nachgetrauert. Die Franzosen sind nach der letzten erfolgreichen WM mit dem Finaleinzug 2006 mit ihrer Nationalmannschaft nicht sehr glücklich gewesen. In der Todesgruppe 2008 war sie chancenlos gegen die Niederlande und Italien und schied mit nur einem Tor als Tabellenletzter aus. Ebenso wenige Treffer, aber einen weitaus größeren Imageschaden, trug man nach der WM 2010 davon. Als Gruppenfavorit waren Uruguay, Mexiko und Südafrika zu stark für die Equipe Tricolore. Viel schwerer wog jedoch der Konflikt zwischen der Mannschaft und dem hilflosen Raymond Domenech, dessen Training boykottiert wurde und dem das Team kurzerhand die Kompetenz absprach. Mit Schimpf und Schande wurde die Mannschaft nach dem Vorrunden-Aus wieder in der Heimat begrüßt. Neuer Trainer wurde Nationalheld Laurent Blanc und dessen Aufgabe war es zunächst, Fans und Spieler wieder miteinander zu versöhnen.

Zwei Jahre später muss man als Zwischenfazit konstatieren, dass die Franzosen wieder an ihre Mannschaft glauben. Seit 20 Partien ist Blancs Team ungeschlagen, schaffte im Kopf-an-Kopf-Rennen mit Bosnien-Herzegowina Platz 1 in der Qualifikationsgruppe und schlug unter anderem auch Deutschland im Frühjahr in Bremen mit 2:1. Hugo Lloris ist ein international anerkannter Torwart, die Abwehr hält häufig das „zu Null“ und vorn hat sich die Qualität der Franzosen nach dem Abschied Thierry Henrys wieder deutlich erhöht. Karim Benzema ist der neue Sturmführer, dem Olivier Giroud vom Überraschungsmeister HSC Montpellier ordentlich Dampf macht. Auch im Mittelfeld ist Frankreich mit Malouda, Nasri, Ribery und dem jungen Yann M'Vila stark besetzt, allerdings haben alle genannten Spieler noch zu wenig Treffer auf ihrem Länderspielkonto. Es scheint, als habe Laurent Blanc schon zwei Jahre nach der WM-Pleite wieder ein konkurrenzfähiges Team zusammen.

Fazit: Frankreich wird von vielen Experten aufgrund seiner aktuellen Länderspielbilanz zu den Geheimfavoriten auf den Titel gezählt. Allerdings sollte man mit dieser Einschätzung vorsichtig sein. Gerade in der Gruppenphase haben die Franzosen regelmäßig Anlaufprobleme und das Team muss zunächst beweisen, dass es auf Pflichtspielniveau die gezeigten Leistungen bestätigen kann.

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England: Der angeschlagene Boxer

Noch vor drei Wochen hätte ich England zum Topfavoriten dieser Gruppe erklärt. Eine gute Qualifikation, eine auf allen Positionen – sogar im Tor – hervorragend besetzte Mannschaft, dazu der Triumph einer englischen Mannschaft in der Champions League gegen die mit deutschen Nationalspielern gespickten Bayern im Elfmeterschießen – das alles sollte für eine gute EM der Engländer sorgen können. Doch dann brach das Unglück über die englische Elf herein. Gerade hatte man den überraschenden Rücktritt Fabio Capellos als Nationalcoach ausgebügelt. Statt dem favorisierten, aber unbequemen Harry Redknapp arbeitet nun erst seit 01. 05. der Gentleman Roy Hodgson, der die Schweiz 1994 ins WM-Achtelfinale und Inter Mailand 1997 ins UEFA-Cup-Finale gegen Schalke führte, dann aber erfolgsmäßig abtauchte. Zuletzt ließ er allerdings durch seine Erfolge beim Außenseiterklub West Bromwich Albion aufhorchen, die er auf Rang 10 führte. Und Hodgson hat viel Arbeit vor sich: nicht weil die Spieler untauglich wären, nein, es fehlen schlichtweg zu viele. Frank Lampard und Gareth Barry, zwei erfahrene Stützen im Mittelfeld, fielen kurz vor dem Turnier aus und Sturmtank Wayne Rooney fehlt aufgrund einer ziemlich unnötigen Roten Karte im bedeutungslosen letzten Pflichtspiel gegen Montenegro für die ersten beiden Gruppenspiele. Ersatz Danny Wellbeck von Manchester United muss zeigen, dass er Rooney annähernd ersetzen kann, aber es steht außer Zweifel, dass Englands Team ohne den Sturmtank weit weniger wert ist. Weiterer Unfrieden wurde von außen geschürt, da der erfahrene und nicht nominierte Rio Ferdinand gegen Hodgson ätzte, weshalb er ob der Verletzungsmisere nicht auf ihn zurückgegriffen habe.

Allerorts tritt also Ernüchterung auf. Diese wird auch dadurch geschürt, dass man mit Schweden und Frankreich bei großen Turnieren eher negative Erfahrungen verknüpft. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass England nach wie vor ein konkurrenzfähiges Team bei dieser EM 2012 aufbieten kann. Bisweilen können Ausfälle wichtiger Spieler die übrigen Kicker antreiben. Viel wird davon abhängen, ob die Spieler sich gerade in den ersten beiden Partien, die ohne Rooney bestritten werden müssen, beweisen können.

Fazit: England bleibt ein Kandidat für das Viertelfinale – und im Falle des Weiterkommens für mehr.

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