Die Vorrunde der EM 2012 im Rückblick: Triumphe, Enttäuschungen, Sensationen

An Spannung und hohem Spielniveau mangelte es der Europameisterschaft 2012 schon in der Vorrunde nicht. Mit 2,5 Toren pro Spiel fielen bedeutend mehr Treffer als bei der letzten WM in Südafrika und auch in Relation zum Torschnitt, Spielklasse und taktischem Niveau der jüngsten Europameisterschaften braucht sich das Turnier in Polen und der Ukraine nicht zu verstecken. Hinzu kamen am letzten Spieltag mehrere sehr enge Herzschlagfinals, die nur durch die Tatsache getrübt wurden, dass die Kriterien, die über das Weiterkommen bei Punktgleichheit entscheiden, sehr undurchsichtig sind und selbst manchen Kommentator von ARD oder ZDF mächtig ins Schwitzen brachten. Spannend war es dennoch und die kommende K.O.-Runde verspricht daher weitere packende Begegnungen. Einige Teams haben bereits ihre Klasse gezeigt und Ansprüche auf den Titel angemeldet, andere hingegen mussten ernüchtert die Heimreise antreten. Ein Rückblick auf die Geschehnisse der Vorrunde bei der osteuropäischen EM 2012.

Rückblick auf die Vorrunde der EM 2012: Wie schlugen sich die Favoriten?

Mitunter gingen die Medien vor und während des EM-Turniers etwas despektierlich mit den nicht favorisierten Teams um. Man hatte nicht selten das Gefühl, der Fokus der Berichterstattung sei einzig und allein auf ein kommendes Endspiel zwischen Deutschland und Spanien ausgerichtet. Damit tut man den übrigen Mannschaften sicherlich Unrecht, denn es gab einige, die ebenfalls vielversprechenden Fußball boten. Und doch waren es die Deutschen und die Spanier, die ihre Ausnahmestellung untermauerten und ihre jeweils schwierigen Gruppen als Sieger abschließen konnten. Dabei wirkten sie aber nicht immer souverän und standen am letzten Spieltag sogar jeweils kurz vor dem Aus.

Diese Tatsache ist außerordentlich kurios, wenn man bedenkt, dass sowohl die deutsche als auch die spanische Elf ihre Partien jeweils die meiste Zeit dominiert haben. Doch die Gegner waren in der Mehrzahl exzellent auf die Spielweise der Topfavoriten ausgerichtet. Deutschland mühte sich im ersten Match gegen Portugal zu einem 1:0, das vor allem in der Schlussphase stark in  Gefahr geriet. Das 2:1 gegen die Niederlande war hingegen sehr souverän herausgespielt und auch der Anschlusstreffer der Oranje brachte Jogi Löws Team nicht in Panik. Schließlich sollte ein entspannter Sieg gegen die Dänen der versammelten Fußballgemeinde auf den Fanmeilen einen schönen Fußballabend vor den entscheidenden K.O.-Matches bereiten. Doch es kam anders: trotz hoher Überlegenheit erkämpften sich die ehrgeizigen Dänen in der ersten Halbzeit ein 1:1 und als in der zweiten Halbzeit klar wurde, dass eine Niederlage das plötzliche Aus der DFB-Elf bedeuten würde, schwand die Selbstsicherheit der Spieler deutlich. Kaum zwingende Torchancen wurden herausgespielt. Erst als die Dänen schließlich doch nach vorne spielen mussten, gelang Lars Bender mit einem Konter das erlösende 2:1. Die deutsche Mannschaft hat also ihre Pflicht erfüllt, meistens jedoch ohne zu glänzen und noch mit deutlich Luft nach oben. Positiv zu erwähnen ist aber die starke Abwehrleistung, die gute Lenkung des zentralen Mittelfeldes mit Schweinsteiger und Khedira sowie die Treffsicherheit des so lange umstrittenen Mario Gomez.

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Auch für die Spanier wurde es am letzten Spieltag plötzlich eng. Dabei hatte sich der amtierende Welt- und Europameister schon beim 1:1 gegen Italien nicht herausragend verkauft, dort aber auch einen starken Gegner vorgefunden. Das 4:0 gegen die Iren war dann zwar beeindruckend, allerdings kein echter Gradmesser. Schließlich verlangten die Kroaten den Iberern alles ab und deckten erstaunliche Schwächen bei del Bosques Mannschaft auf. Vorne agierten die Spanier immer hilf- und ideenloser, hinten ließen sie zwei riesige Tormöglichkeiten zu und hatten zudem noch Glück, dass den Kroaten ein Elfmeter verweigert wurde. So kam man in den Schlussminuten noch zum schmeichelhaften 1:0-Siegtreffer, der schließlich gar den Gruppensieg bedeutete und ein Endspiel gegen Deutschland weiterhin möglich macht. Eine Steigerung ist dazu aber sicherlich vonnöten.

Ganz andere Sorgen hat der dritte Topfavorit der EM 2012: die Niederlande sind nämlich gar nicht mehr im Turnier. Sang-, klang– und vor allem punktlos schied der Vizeweltmeister in der deutschen Gruppe aus und sorgte für eine mittlerweile Fußballkatastrophe im einstigen Land des Traumfußballs. Nun spielen die Oranje nicht nur ziemlich unansehnlich, sie bringen auch keine guten Ergebnisse mehr zustande. War das 0:1 gegen die Dänen noch unglücklich, wurden beim 1:2 gegen Deutschland schon echte Grenzen aufgezeigt und das 1:2 gegen Portugal war nur noch ein Offenbarungseid. Bert van Maarwijk wird kaum Überlebenschancen auf dem Trainersitz haben.

Tapfere Dänen, spielstarke Portugiesen, erstaunliche Italiener, unglückliche Kroaten

Die Gegner der Topfavoriten in der Gruppenphase gerieten mitnichten zu Statisten. In Deutschlands Gruppe B spielten die Dänen eine gute Rolle. Sie überraschten beim 1:0-Triumph über die Niederlande und hielten auch gegen Portugal (2:3) und Deutschland (1:2) gut mit, verloren jeweils erst in den Schlussminuten. Die Truppe von Morten Olsen war taktisch top eingestellt und nutzte vorn ihre Chancen höchst effektiv. Hätte man das 2:2 gegen Portugal über die Zeit gerettet, wäre ein Weiterkommen möglich gewesen. So aber erlebte der portugiesische Fußball eine Renaissance. Schon gegen das deutsche Team gab es eine kompakte Leistung mit unglücklicher Niederlage, die Siege gegen Dänemark und die Niederlande waren dann Triumphe der Spielklasse und des Willens. Überraschend ist das vor allem deswegen, weil Topstar Cristiano Ronaldo lange nicht ins Spiel fand. Erst im letzten Gruppenspiel taute der exzentrische Popfußballer richtig auf und entschied es quasi im Alleingang. Davor waren es aber eben Spieler wie Nani, Pepe, Helder Postiga oder Varela, die Portugal Hoffnung gaben und nun im Viertelfinale gegen Tschechien den nächsten Schritt gehen wollen.

Auch Spanien erhielt bekanntermaßen in seiner Gruppe heftige Gegenwehr. Da waren einerseits die Italiener, die ungeachtet der Diskussionen um den Wettskandal eine starke Gruppe spielten. Vorbei scheinen die Zeiten des bedingungslosen Catenaccio, denn die Mischung aus alten Haudegen und jungen Wilden klappte überraschend gut. Vor allem gegen Spanien begeisterte das neu formierte Team von Cesare Prandelli und stand kurz vor dem Sieg, ebenso gegen die Kroaten. Der 2:0-Erfolg gegen Irland war letztendlich etwas wackelig, reichte aber zum Einzug ins Viertelfinale und in K.O.-Runden sind die Italiener traditionell besonders gefährlich. Leidtragende Mannschaft war das kroatische Team von Slaven Bilic, welches ebenso zu überzeugen wusste. Doch im Spiel gegen Spanien versagten schließlich nur die Nerven bei einigen Chancen, denn ein Treffer wäre mindestens möglich gewesen.

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Die polnische Gruppe: Spannung bis zum sensationellen Finale

Den kuriosesten Verlauf nahm die Gruppe A unter „polnischem Vorsitz“. Doch der Gastgeber geriet zu einer der großen Enttäuschungen des Turniers. Nur in der Partie gegen Russland überzeugten die Polen zumindest mit Kampf und Einsatz, doch ansonsten ging ihnen in jedem Spiel nach 20 oder 30 Minuten die Luft aus. Besser machten es die Tschechen, welche gegen Russland zunächst mit 1:4 untergingen und abgeschrieben wurden, dann aber mit zwei konzentrierten Leistungen gegen Griechenland (2:1) und Polen (1:0) noch zum Gruppensieg steuerten. Sensationeller war schließlich nur noch das Weiterkommen von Griechenland, das vor der Schlusspartie gegen Russland schon ausgeschieden schien. Die Russen hatten spielerisch mehr als überzeugt und gingen in die Partie gegen die Griechen als großer Favorit. Doch Hellas reanimierte doch noch einmal den Geist von 2004, als man mit großer Effizienz Europameister wurde. Und so erkämpfte man sich tatsächlich wieder einen so typischen 1:0-Erfolg gegen am Ende völlig entnervte Russen, die gar nicht glauben konnten, dass sie am Ende dieser Gruppenphase ausgeschieden waren. Griechenland bereitet sich dagegen auf das Duell mit der deutschen Elf im Viertelfinale vor, was schließlich auch politische Dimensionen hat.

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Die ukrainische Gruppe: Geheimfavoriten und Geh-heim-Favoriten

Auch der zweite Gastgeber muss leider schon nach drei Spielen die Segel streichen. Dabei hatte alles so gut begonnen. Das überraschende 2:1 gegen Schweden weckte Begehrlichkeiten, doch anschließend gab es das ernüchternde 0:2 gegen die Franzosen. Im letzten Spiel gegen England kämpften die Spieler von Oleg Blochin dann noch einmal wie die Löwen, unterlagen aber dennoch mit 0:1, wobei ihnen auch noch ein Tor aberkannt wurde. Die Sympathien der europäischen Fußballfans hat das alternde Team dennoch gewonnen. Eben solches gilt auch für die schwedische Mannschaft, die bereits nach zwei Spielen ausgeschieden war, aber vor allem gegen England (2:3) aufopferungsvoll gekämpft hatte und schließlich noch einen 2:0-Erfolg gegen Frankreich errang. Außerdem begeisterten die schwedischen Fans, die zehn Tage lang in Kiew für eine ausgelassene Fußballatmosphäre sorgten. Das genaue Gegenteil kann man von Frankreich behaupten. Der von vielen Experten zum Geheimfavoriten gepushte zweimalige Europameister lieferte äußerst dürftige Leistungen ab und steht dennoch in der Runde der letzten Acht. Hier muss den Franzosen gegen Spanien eine hundertprozentige Leistungssteigerung gelingen, um eine Chance zu haben. Sieger der Gruppe D wurde etwas unerwartet die englische Mannschaft, die ungeachtet aller Verletzungssorgen und Probleme um Neu-Trainer Hodgson und dem zunächst gesperrten Wayne Rooney sehr ordentliche Leistungen absolvierte. Vor allem das 3:2 gegen Schweden begeisterte und zeigte, dass die Engländer im Sturm mit Walcott, Carroll und Welbeck noch weitere ernstzunehmende Alternativen aufbieten können. Das Spiel England gegen Italien wird somit möglicherweise der Höhepunkt des Viertelfinals am kommenden Sonntag.

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2 Meinungen

  1. wow – das war jetzt einiges zu lesen!!! Vielen Dank für den wirklich tollen Artikel!!!

  2. Die Iren sind die Besten!!!!

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