Vom Winde verweht: Rückblick auf die Vierschanzentournee 2012

Die 60. Auflage der Vierschanzentournee ist Geschichte und die Veranstalter werden deswegen wahrscheinlich tief durchpusten. Selten haben Wind und Wetter den Springern und Traineren dermaßen zugesetzt.

Und selten hing so viel von der Entscheidungsgewalt der Wettkampfjury um Walter Hofer ab. Am Ende sind bis auf den in Oberstdorf gestürzten Tom Hilde alle glimpflich oder mit dem Schrecken davon gekommen und der Gesamt-Erste der Vierschanzentournee 2012 ist letztlich zum Glück auch kein Zufallssieger.

Mit Gregor Schlierenzauer hat sich zum vierten Mal in Folge ein Österreicher die Tourneekrone gesichert, auch wenn der Grand Slam – der Gewinn aller vier Springen – ihm verwehrt blieb. Doch der Reihe nach…

Die Vierschanzentournee 2012 in Oberstdorf: Schlierenzauer nach Neustart souverän

Den lang ersehnten Tourneesieg hätte sich „Schlieri“ beinahe schon nach dem ersten Springen abschminken können. Wie unter anderem sein Landsmann Martin Koch oder der deutsche Hoffnungsträger Richard Freitag lag er nach seinem Einstandssprung hoffnungslos zurück, bevor die Jury entschied, dass der Durchgang wiederholt werden müsse. Die Windverhältnisse hatten sich während des Wettbewerbs verändert und durch stärker werdenden Schneefall war insbesondere die Anlaufspur deutlich langsamer geworden, wodurch die zuerst vom Bakken gegangenen Athleten klar bevorteilt waren. Eine nachvollziehbare und dennoch glückliche Entscheidung, denn Abbrüche gibt es seit der neuen Punktregelung, die unterschiedliche windverhältnisse berücksichtigt und die Veränderung der Anlauflänge erlaubt nicht mehr allzu häufig. Oberstdorf wurde also zum Nachtspringen, denn es wurden tatsächlich noch zwei Durchgänge durchgeführt. Hier zeigten die favorisierten Österreicher dann wieder einmal ihre Klasse, obwohl ihre Dominanz in diesem Winter doch eigentlich zu bröckeln schien. Schlierenzauer gewann mit immensem Vorsprung vor seinen Teamkollegen Andreas Kofler und Thomas Morgenstern. Der Lokalmatador Severin Freund verpasste den ersehnten Podestplatz nur um 0,3 Punkte und war der große Lichtblick der deutschen Skisprungmannschafte. Ansonsten konnten nur noch der Japaner Daiki Ito, der in dieser Saison bärenstarke Norweger Anders Bardal und der Tscheche Roman Koudelka mithalten.

Garmisch: Österreich vorn, Japan in Lauerstellung

Ein vergleichsweise reibungsloses Neujahrsspringen erlebten die Skisprungfans beim diesjährigen Wettbewerb in Garmisch-Partenkirchen. Die Wetterbedingungen hatten ausnahmsweise kaum Einfluss. Auch unter diesen Bedingungen war Schlierenzauer erneut nicht zu schlagen. Andreas Kofler konnte nach einem mäßigen ersten Versuch noch auf Platz 2 vorstoßen und blieb in der Gesamtwertung erster Verfolger. Beeindruckend war zudem die Leistung der Japaner: Daiki Ito war der erste Nicht-Österreicher auf dem Podest der diesjährigen Tournee und untermauerte seine gute Form, die ihm nach wie vor gute Aussichten in der Gesamtwertung bescherten. Hinter ihm liefen sein Landsmann Taku Takeuchi, der Pole Kamil Stoch und Thomas Morgenstern ein. Severin Freund, nach dem ersten Durchgang Zweiter, ließ in seinem zweiten Sprung leider viele Meter liegen und rutschte auf Rang sieben ab. Ein Sieg im Heimspringen war im Bereich des möglichen. Doch im entscheidenden Moment versagten dem Bayern Technik und Nerven.

Innsbruck: Schwarzer Tag der Jury

Sicherlich muss man den Wettkampfrichtern insgesamt Respekt zollen, auf die schwierigen Bedingungen bei der diesjährigen Tournee oft richtig reagiert zu haben. Beim Springen am Bergisel in Inssbruck zeigte sie allerdings kein glückliches Händchen. Die sehr windanfällige Schanze machte den Sportlern schon die ganze Zeit über Probleme und die Wetterbedingungen sollten mit vorgerückter Stunde immer schwieriger werden. Im ersten Durchgang war Kamil Stoch dem Rest der Konkurrenz davon geeilt und war auf dem besten Weg erster nicht-österreichischer Sieger zu werden. Als nur noch 10 Springer oben standen, zogen dunkle Wolken auf und die Jury versuchte, das Tempo des Wettbewerbs zu erhöhen. Dabei wurde der aussichtsreiche Japaner Daiki Ito bei völlig unmöglichen Verhältnissen losgelassen und musste durch einen 91-Meter-Hüpfer alle Chancen begraben. Vor dem nächsten Springer, Andreas Kofler warteten die Richter dann stattdessen lang genug bis der Wind gedreht hatte. Kofler nutzte dies zu einem Riesensprung, der ihm schließlich den Sieg brachte und seinem Kumpel Schlierenzauer, der Zweiter wurde, den Grand Slam verhagelte. Den Ruf, eine Heimjury zu sein, handelten sich die Richter an diesem Tag dann endgültig ein, als der Führende Kamil Stoch unnötigerweise schnell hinter Schlierenzauer abgelassen wurde und ebenfalls abstürzte. Die Deutschen hatten an diesem Tag wenig mit der Entscheidung zu tun und mussten einsehen, dass ihr Angriff auf die Spitze der Gesamtwertung spätestens jetzt gescheitert war. Richard Freitag wurde 12., Severin Freund nur 21. Immerhin schafften Maximilian Mechler und Michael Neumayer mit den Rängen 7 und 8 Top-Ten-Platzierungen.

Bischofshofen: Sieg der Vernunft bringt den Triumph für Schlierenzauer

Auch für das Springen in bischofshofen waren die Vorhersagen mehr als dürftig. Die Qualifikation am Donnerstag wurde abegrochen, der Endkampf aber am Freitag wie geplant gestartet. Echtes Finalfeeling kam leider aber nie so recht auf, da Walter Hofer nach den Geschehnissen in Oberstdorf und Innsbruck darauf bedacht war, den ersten Durchgang so schnell wie möglich durchzuziehen und die Springer im Akkord abzulassen. Dies erwies sich als gute Entscheidung, denn einen zweiten Durchgang bekam man schließlich nicht mehr vollständig zustande. So durfte sich der Vorjahressieger Thomas Morgenstern nach einem überragenden Versuch über seinen Weltcup-Sieg freuen, gefolgt vom Norweger Anders Bardal. Gregor Schlierenzauer verteidigte als Dritter seinen Vorsprung in der Tourneewertung souverän und profitierte zudem vom Blackout Andreas Koflers, der an diesem Tag nur 27. wurde. 

Am Dreifachtriumph der wieder einmal starken Österreicher änderte das aber letztlich nichts. Kofler fiel auf Rang drei hinter Morgenstern zurück und blieb hauchdünn vor Bardal. Die weiteren Ergebnisse zeigen Roman Koudelka als Fünfter, gefolgt von Daiki Ito, dem besten Deutschen Severin Freund, Kamil Stoch und Taku Takeuchi. Gregor Schlierenzauer hat es also endlich geschafft. Obwohl erst 22jährig, hatte er bislang schon mehrere beachtliche Versuche auf den Gesamtsieg, doch die Vierschanzentournee 2012 wurde schließlich sein Meisterstück. Und es könnten noch eine Menge Erfolge vor dem jungen Österreicher liegen.

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