Lost in Narration – Erzähl-Disaster oder PR-Gag?

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich auf „Lost" eingelassen habe. Klingt ja auch ein bisschen langweilig, Flugzeugabsturz auf einsame Insel. Vielleicht lag es aber auch an dem deutschen Versuch einer Adaption, der auf RTL lief, sich „Verschollen" schimpfte, und zu den gruseligsten Machwerken der deutschen Fernsehgeschichte gehört.

Auf jeden Fall habe ich dann doch einen Versuch gewagt und – siehe da – relativ vielschichtige Charaktere nahmen mich bei der Hand und führten mich durch überraschende (bis) abenteuerliche Wendungen, so dass innerhalb von ca. drei Wochen waren Staffel eins und zwei durchgenommen waren, DVD sei Dank. Und jetzt bin ich an dem äußerst merkwürdigen Punkt angelangt, an dem ich nicht zu hundert Prozent froh bin, kein Ami zu sein. Denn in den Staaten läuft ja inzwischen schon die dritte Staffel und ich könnte schneller herausfinden, was auf dieser merkwürdigen Insel nun wirklich los ist.

Oder auch nicht, denn das scheinen nicht einmal die „Lost"-Macher selbst zu wissen, schließlich wurde der dritten Staffel am 8. November nach nur sechs Folgen eine dreimonatige Pause verordnet; erst am 7. Februar geht's weiter. Fehlt den Autoren der sprichwörtliche Plan, sind sie verschollen im Erzähldschungel, irren ziellos umher und finden keinen Ausgang? Zu viele Handlungsstränge mit zu vielen Mystery-Elementen, die irgendwie miteinander verknüpft werden wollen oder, wenn das nicht geht, links liegen gelassen werden. Und so wird auch manchen deutschen Zuschauer ein merkwürdiges Gefühl beschleichen, wenn in ein paar Wochen die zweite Staffel ‚abschließt'.

In seiner Zerfahrenheit, in den abstrusen Wendungen und dem irgendwie übersinnlichen Hintergrund reicht „Lost" inzwischen fast an eine andere, wesentlich ältere TV-Serie heran, die auch irgendwann völlig aus dem Ruder gelaufen ist, die am Ende kaum noch jemand zu verstehen versucht hat – David Lynchs und Mark Frosts „Twin Peaks". Auch wenn einem solchen ausufernden Projekt schnell ein gewisser „Kult"-Faktor anhaftet – irgendwann fängt's die Zuschauer zu nerven an – auf Kosten der Quoten.

Möglich, dass die „Lost"-Macher mit der langen Pause etwas Zeit schinden wollen, um die Erzählstränge doch noch so zusammenzuführen, dass das Bild am Ende stimmt und irgendeine Art von Logik entsteht, eine Gleichung mit nicht allzu vielen Unbekannten. Von mir aus kann auch Gott oder irgendeine andere Form von ‚Schicksal' dahinter stecken oder sich alles nur im Kopf eines der beteiligten Charaktere abspielen. Auch eine moralische Botschaft wäre mir am Ende recht – hauptsache ein bisschen weniger David Lynch und ein bisschen mehr Gebrüder Grimm.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass der „Lost"-Sender ABC die Fans (wer könnte das besser?) auf der offiziellen Homepage dazu auffordert, die Story weiterzuführen. Apropos Internet: Da tauschen die Fans ja ohnehin die buntesten Theorien um Figuren, Schauplätze etc. aus. Vielleicht soll die Pause einfach nur bezwecken, dass nach den ausufernden Erzählsträngen auch die (Online-) Diskussion um „Lost" ausufert, dass die einen Zuschauer ausgiebig spekulieren können, während die anderen wiederum Zeit haben, die ersten beiden Staffeln nachzuholen, und dass – als Resultat des ganzen Theaters – die Quoten explodieren.

Vielleicht ist das der Plan: Die Zuschauer aufpeitschen, um am Ende (die restlichen Folgen sollen ohne Unterbrechung ausgestrahlt werden…) ein Rekord-Season-Finale zu erreichen und nebenbei noch einen neuen „Kult"-Faktor zu generieren. Diese Art von PR-Gag wäre – mir zumindest – neu. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass die Autoren einfach nicht mehr weiter wussten und eine Pause brauchten, um einen Ausgang zu finden aus dem Erzähldschungel, den sie sich selbst zurechtgeschrieben haben.

Eine Meinung

  1. Der einzige Grund für die Pause der Lost-Ausstrahlungen in den USA liegt im amerikanischen TV-System begründet.Bei ca. 40 Wochen innerhalb einer normalen TV-Saison (abzüglich ca. 12 Wochen Sommerpause) und 24 Episoden pro Staffel einer Serie kann man nicht jede Woche eine neue Folge bringen.ABC hatte die Wahl zwischen der Ausstrahlung einer neuen Folge alle zwei Wochen (mit einer Wiederholung in der Woche dazwischen) oder einer Teilung der Staffel in zwei Hälften. Diese Saison hat man sich für zweitere Wahl entschieden, da den Fans die ewigen Wiederholungen letztes Jahr auf den Geist gingen.Eine ähnliche Konzeption verfolgt auch FOX mit der Sendung 24, die in drei Staffel-Abschnitten ausgestrahlt wird.Ansonsten trifft es natürlich zu, dass die Sendung auch in den USA Probleme bei der Quotengenerierung hat, allerdings ist sie noch weit davon entfernt gecancelt zu werden.

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