Another Earth von Mike Cahill: spekulative Fiktion und menschliches Drama

Als eines Abends „Another Earth“ am Himmel erscheint, ändert sich das Leben der Menschheit: Plötzlich sind wir nicht mehr alleine im Universum und der „Erde 2“ genannte Planet scheint eine zu unserer parallel verlaufende Realität zu beherbergen, in der die gleichen Menschen die gleichen Dinge tun. Für die junge Rhoda, soeben im Begriff ihr Studium der Astrophysik zu beginnen, geht das Auftauchen der Parallelerde einher mit einem persönlichen, einschneidenden Erlebnis, als sie angetrunken am Steuer auf den blauen Punkt am Nachthimmel starrt und das Auto von John Burroughs und seiner Familie rammt, seine Frau, seinen Sohn und seine ungeborene Tochter dabei tötet.

Another Earth: beeindruckendes Science Fiction Drama

Vier Jahre verbringt Rhoda im Gefängnis. Als sie freigelassen wird, ist die Welt nicht mehr die gleiche: Erde 2 ist der ersten Version deutlich näher gekommen, ihre eigene Zukunft ist ungewiss, sie ist innerlich zerbrochen. Menschenscheu und nicht über den tragischen Unfall hinweggekommen, nimmt sie eine Stelle als Putzfrau an einer High School an. Um ihrer Existenz zu entkommen, beschließt sie, bei einem Preisausschreiben mitzumachen, dessen Gewinn eine Raumfahrt zur zweiten Erde darstellt.

Als sie am Unfallort sieht, dass John im Autowrack nicht gestorben ist, macht sie sich auf, um sich ihrer Tat zu stellen – und scheitert an dessen Türschwelle. Da er ein ebenso gebrochener, zurückgezogener Mann ist, dessen Leben in Müll, Schmerztabletten und Alkohol vergeht, bietet sie an, als Putzfrau bei ihm zu arbeiten, ohne sich erkennen zu geben. Nach einem zögerlichen Anfang nähern sich die beiden vom Schicksal Gezeichneten einander an, bis Erde 2 ihnen erneut einen ungewissen Weg bedeutet.

[youtube N8hEwMMDtFY]

Psychologische und philosophische Fragen um eine parallele Welt

Dualität ist das Wort, das die verschiedenen Aspekte von „Another Earth“ zusammenhält. Wie Erde 2 als Spiegelbild unserer Realität im Himmel hängt, so spiegeln sich auch die Emotionen der beiden Hauptcharaktere. Wo Rhoda durch ihr Zusammentreffen mit John lernt, sich aus ihrer dumpfen, grüblerischen Lethargie zu erheben, da wird auch John zu einem neuen Lebensmut angeregt. Doch letztlich sind beide nicht in der Lage sich selbst oder dem anderen zu vergeben oder gar zu vergessen, denn nicht nur der Unfall vor vier Jahren ist der definierende Moment in beider Leben, auch die Parallelerde erinnert dauerhaft an die Möglichkeit, dass sich ihr Schicksal hätte anders ergeben können.

Dass Science Fiction in seinem Ursprung nicht nur für hochtechnisierten Eskapismus stand, sondern in erster Linie spekulative Fragen aufwarf, die auf die eigene, aktuelle gesellschaftliche und persönliche Situation rückgeführt werden konnten, wurde von Großmeistern des Fachs wie Isaac Asimov, Arthur C. Clarke oder Philip K. Dick mehrfach bewiesen. In dem Debütfilm von Mike Cahill, der zusammen mit seiner Hauptdarstellerin Brit Marling auch das Drehbuch schrieb, produzierte, den Film schnitt und die Kameraführung übernahm (die an einigen Stellen an die Arbeit von Michel Gondry in „Vergissmeinnicht“ erinnert) wird diese eigentliche Verbindung von Sci-Fi und persönlicher Erfahrung wieder aufgenommen und in den Dienst der Aufarbeitung von Schuld, dem Wunsch nach der Überschreitung von Grenzen und einer ungewöhnlichen Beziehung gestellt.

Brit Marling und William Mapother in Mike Cahills Regiedebüt

Neben philosophisch-psychologisch-physikalischen Fragen aus dem Bereich der spekulativen Fiktion, die Mike Cahills Debütfilm als Regisseur seine Prämisse liefern, sind es vor allem die zwischenmenschlichen, die leisen Noten der beiden Hauptdarsteller Brit Marling und William Mapother („Lost“), durch die „Another Earth“ zu einem eindrucksvollen Science-Fiction-Drama wird. Hier werden keine leichten Lösungen angeboten, dem Film gelingt es, während sich seine Geschichte entfaltet und weit darüber hinaus die Phantasie der Zuschauer anzuregen und sie mit eigenen Fragen zu konfrontieren – ein weiterer Umstand, der das Debüt näher an die ursprüngliche Bedeutung von Science Fiction heranrückt, als es epische Weltraumschlachten und CGI-Aliens je könnten.

Beim 27ten Sundance Film Festival hat „Another Earth“ nicht nur Publikum und Kritiker begeistert, sondern auch den „Alfred P. Sloan Preis“ gewonnen, sowie den Audience Award beim Maui Film Festival. Den elektronisch-klassischen Soundtrack zum Film steuerten Will Bates und Phil Mossman (unter anderem Musik für „Out of Sight“ und „Ocean’s Eleven“) alias „Fall On Your Sword“ bei.

Der Film wird am 10. November 2011 in Deutschland anlaufen.

Another Earth
Regie: Mike Cahill
Buch: Mike Cahill, Brit Marling
Mit: Brit Marling, William Mapother
Studio: Artists Public Domain
Verleih: Fox Searchlight Pictures
Kinostart: 10.11.2011

Schreiben Sie Ihre Meinung

Ihre Email-Adresse wird Mehrere Felder wurden markiert *

*

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.