Wenn Kinder Lügen: Wie man dem Kind etwas über Ehrlichkeit beibringt

Um die Bedeutung und die Funktionsweise einer Lüge zu erkennen, möchte ich zuerst auf den Begriff der Ehrlichkeit eingehen. Ehrlich zu sein wird heute oft damit gleichgesetzt, dass der Mensch die Wahrheit sagt. Die Wahrheit zu sagen über das, was man gesagt, getan oder gemacht hat, genügt in der Regel, um als ehrlicher Mensch zu gelten.

Tatsächlich gibt es einen Bereich der erweiterten Ehrlichkeit, der von den Kindern noch direkt wahrgenommen werden kann: Der Bereich der Gefühle, der auch die Bereiche der „verborgenen“ oder versteckten Gedanken mit umschließt. Kinder können z.B. unterdrückte Wut der Eltern fühlen, unterdrückte Sexualität, unterdrückte Aggressionen, wenn die Eltern sich selbst oder Andere innerlich verurteilen oder abwerten, oder wenn die Eltern etwas Anderes meinen als sie sagen. Die Kinder sind oft zutiefst verwirrt davon, denn sie können eher fühlen als denken und Sprache verstehen.

Hier ein Beispiel:

Mama und Papa schimpfen über Tante Hertha, die geizig ist und der ganzen Familie bei Familienfeiern auf die Nerven geht mit ihrem Gezänk. Klein Frieda hört zu, und spürt die Gefühle von Ablehnung und Verurteilung. Bei der nächsten Familienfeier gibt sie Tante Hertha nicht die Hand, denn mit so etwas möchte sie gar nicht in Berührung kommen. Das gibt ein großes „Hallo“, und klein Frieda wird gezwungen, Tante Hertha die Hand zu geben. Mama und Papa entschuldigen sich sogar bei Tante Hertha für die unerzogene Frieda, und klein Frieda lernt, dass die Welt nicht immer so ist, wie sie scheint. Die ersten Samen zum späteren Lügen sind gesät.

In Zukunft reden die Erwachsenen nicht mehr in Gegenwart von Frieda, die inzwischen größer geworden ist, über die Tante Hertha. Aber da die Gefühle der Ablehnung von Mama und Papa gegenüber Tante Hertha nicht schwächer geworden sind, fühlt sie sie trotzdem. Erst später nicht mehr…

Klein Frieda hat gelernt, dass man durch Lügen keine Verantwortung tragen muss für das, was man gesagt, getan, gedacht oder gefühlt hat.

Es gibt auch andere Formen von Lügen, wie Lügen, um besser dazustehen, oder Lügen, um etwas zu bekommen. Die „besten“ Lügner bringen ihre innere Wahrheit, und damit ihre Gefühle, mit der Lüge in Übereinstimmung. Bei dieser Qualität des Lügens verbiegt der Mensch sein eigenes Inneres, ohne dass er es selbst erkennt. Wenn Kinder lügen auf diesem Niveau, ist professionelle Hilfe angebracht.

Wenn Kinder lügen, haben sie erwachsene Vorbilder gehabt. Egal, wie sehr sich die Eltern bemühen, nicht zu lügen, ehrlich zu sein, und eventuell sogar emotional authentisch zu sein und niemanden zu verurteilen – wir alle sind keine Buddhas. Wir alle haben irgendwann einmal gelogen, und uns vor der Verantwortung dessen gedrückt, was wir getan, gesagt oder gedacht haben. Das ist okay.

Wenn Kinder lügen, macht es Sinn, ihnen zuzuhören. Oft wollen Sie der Verantwortung für etwas, was sie getan haben, entfliehen, weil sie fürchten bestraft zu werden. Bestraft von den Eltern, von den Lehrern, oder vom Leben. Oft kommen Lügner besser davon, als ehrliche Kinder.

Wenn wir den Kindern zuhören, und sie versuchen zu verstehen, wenn wir ihnen helfen, die Konsequenzen für ihre Taten und Worte, Gedanken und Gefühle zu tragen, von denen sie sich überfordert fühlen, wenn wir ihnen helfen, auf anderem Wege zu dem zu kommen, was sie glauben, über die Lüge zu erreichen, dann können wir ihnen beibringen, nicht zu lügen. Und dann werden wir selbst ein Stück ehrlicher, authentischer und verantwortungsbewusster.

Wenn Kinder lügen: brauchen Sie…

  • Zeit
  • Geduld
  • Verständnis
  • Konsequenz
  • Authentizität

 

Wenn Kinder lügen: Sollten Sie auf folgendes beachten!

1

Erzählen

Am Anfang steht die eigene Ehrlichkeit: Am besten, man erzählt dem Kind, dass man herausbekommen hat, dass es lügt, und wie auch immer man das aufgenommen hat: verwundert, irritiert, betroffen, verängstigt, ärgerlich – jeder Erwachsene reagiert anders darauf. Man sollte das nicht erzählen, indem man die Gefühle als Druckmittel nutzt, nach dem Motto „Sieh her was du mir angetan hast“, sondern als  Beweis der Aufrichtigkeit des eigenen Bemühens, herauszufinden, was passiert ist, warum das passiert ist, und was man selbst dazu beitragen kann, das Lügen des Kindes vielleicht überflüssig zu machen.

2

Fragen und Zuhören

Lassen Sie das Kind erzählen, bis sie es wirklich verstehen. Sagen Sie ihm zu, nichts zu verraten. Sagen Sie ihm Hilfe zu, die Folgen des Lügens gerade zu biegen und die Verantwortung zu tragen – sofern Sie das können und wollen. Wenn Sie Eltern sind, und das Ihr Kind ist, das lügt, sollten Sie es können. Lassen Sie es nicht allein. Fragen Sie so lange, bis Sie wirklich verstanden haben, wo das Verwirrspiel des Kindes seinen Ursprung hatte. Oft liegt das Jahre zurück, und das Verhalten hat sich „eingeschlichen“. Wenn es Ihrem Kind hilft, können Sie eine Generalamnestie für alles ausprechen, was in Ihrem Verantwortungsbereich liegt – es ist besser, von etwas zu wissen, als nichts zu wissen. Das heißt nicht, dass künftiges Verhalten nicht Konsequenzen haben sollte, sowohl positiv als auch negativ.

3

Eigener Beitrag

Bedenken Sie folgendes für sich selbst, nicht im Zwiegespräch mit Ihrem Kind: Überprüfen Sie Ihren eigenen Beitrag. Warum hat Ihr Kind Sie angelogen? Oder überhaupt gelogen? Was können Sie selbst beitragen, um das zu verändern? Dazu ist es wichtig zu wissen, dass Kinder über Spiegelneuronen von Erwachsenen lernen. Selbst wenn es Ihnen also nicht aufgefallen sein sollte, haben Sie das Verhalten Ihres Kindes vielleicht an irgendeiner Stelle vorgelebt. Wo? Können Sie es ändern? Es ist nie zu spät.

4

Veränderung

Sprechen Sie mit Ihrem Kind über die Notwendigkeit einer Veränderung. Sprechen Sie mit ihm über Konsequenzen – positive des „Ehrlich seins“ und negative des „Lügens“. Sprechen Sie vor allem über die Konsequenzen der anderen Menschen und des Lebens. Strafe hilft selten, aber Erkenntnis oft. Sprechen Sie mit Ihrem Kind darüber, dass Sie es unterstützen wollen, ehrlich zu sein, und fragen Sie es, ob es ihre Unterstützung haben will, und wie. Stehen Sie ihm zur Seite, treffen Sie Vereinbarungen.

5

Konsequenz

Halten Sie Ihre Vereinbarungen von Ihrer Seite, und helfen Sie Ihrem Kind, seine Vereinbarungsanteile auch einzuhalten, Schritt für Schritt. Leben Sie ihm vor, was Sie für Ihr Kind gern als Realität hätten.

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