Spannend oder nicht? Die KrimiZEIT-Bestenliste September 2015 im Check

September KrimiZEIT

Vier Neulinge sind unter den 10 besten Kriminalromanen des Monats September, die von der Jury um Krimikenner Tobias Gohlis ausgesucht wurden. Vor allem aber: Dauer-Klassenbeste Merle Kröger und ihr „Havarie“ wurden nach drei Monaten doch noch von der Pole Position verdrängt. Wir von Germanblogs machen wie jeden Monat die Probe aufs Exempel: Können wir den Juroren vertrauen? Oder greifen diese auch mal kollektiv daneben?


1 (3) Friedrich Ani: Der namenlose Tag (Suhrkamp)
2 (10) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens (Zsolnay)
3 (2) Newton Thornburg: Cutter und Bone (Polar)
4 (-) Andreas Kollender: Kolbe (Pendragon)
5 (1) Merle Kröger: Havarie (Ariadne)
6 (5) Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman (C. Bertelsmann)
7 (9) Petros Markaris: Zurück auf Start (Diogenes)
8 (9) William Shaw: Kings of London (Suhrkamp)
9 (-) Jax Miller: Freedom’s Child
10 (-) Michael Robotham: Um Leben und Tod

Die süffisant von Tobias Gohlis kommentierte Liste lest ihr hier.

Für regelmäßige Leser dieses Blogs ist der neue Spitzenreiter keine Überraschung: Friedrich Ani macht sich auf dem Thron breit, den Merle Kröger schließlich geräumt hat. Und uns würde es nicht wundern, wenn er dort auch noch im Oktober thronen würde. Anis subtile Zeichnung gebrochener Charaktere, die eine Art geistertanz aufführen, vermag nachhaltig zu beeindruckenden – nicht nur die Jurymitglieder auch uns. Deshalb korrigieren wir uns diesen Monat und vergeben die volle Punktzahl für „Der namenlose Tag“: xxxx

Dror Mishanis „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ auf Platz 2 spielt in einer ähnlichen Liga wie Anis Roman. Aber in einer ganz anderen Umgebung: Israel, dieses zerrissene Land, ist weit mehr als nur Kulisse für eine spannende Krimihandlung. Und das Schönste: „Mishani (…) lässt seinem stillen Roman einen Rest Geheimnis“, wie Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau zu recht findet. xxx

Gar nicht genug Lob kann man dem Polar Verlag zollen, der den halbvergessenen Siebziger-Klassiker „Cutter und Bone“ von Newton Thornburg in neuer und erstmals vollständiger deutscher Übersetzung herausgebracht hat. Das Buch über einen zum Scheitern verurteilten Erpressungsversuch liefert einen sarkastischen, treffenden Kommentar zu einem traumatisierten Amerika, das alle Hoffnung verloren hat. xxxx

Auf Platz 4 folgt ein historischer Roman. Der Hamburger Schriftsteller Andreas Kollender würdigt mit „Kolbe“ den vergessenen Spion Fritz Kolbe, der in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs wichtige Unterlagen aus dem Berliner Auswärtigen Amt in die Schweiz schmuggelte, wo die Amerikaner dankbare Abnehmer waren. Schade nur, dass ihrer Dankbarkeit Grenzen gesetzt waren und sie sich nicht für Kolbe einsetzten, als dieser nach dem Krieg kaltgestellt wurde, damit Alt-Nazis in Deutschland weiter Karriere machen konnten. xxx

Und da ist sie ja, unsere gestürzte Königin: Merle Kröger und „Havarie“ lassen es sich inzwischen auf Platz 5 gutgehen. An ihrem Favoritenstatus für die Jahresendwertung ändert das nichts. xxx

Auch auf Platz 6 ein alter Bekannter: Antonin Varenne, dessen Abenteuer/Krimi/Western-Mix viele Kritiker zu überzeugen weiß, wenn auch manchmal mit Einschränkungen: „Varenne fehlt die letzte Konsequenz eines James Carlos Blake, der mit seinem Roman „Das Böse im Blut“ vergleichbar knietief durch die blutige Vergangenheit der USA watete“, schreibt zum Beispiel Spiegel Online. xxxx

Immer noch nicht gelesen haben wir Petros Markaris, dessen „Zurück auf Start“ sich von Platz 9 auf Platz 7 steigern konnte. Muss also gut sein, oder? —-

Für uns eine Enttäuschung sind die Romane von William Shaw, die Geschichten aus den Swinging Sixties erzählen, denen aber jeder Schwung fehlt. Ist „Kings of London“ besser als „Abbey Road Murder Song“? Kann sein, spielt aber eigentlich keine Rolle. xx

Deutlich mehr Speed hat Jax Miller, die mit ihrem Debüt „Freedom’s Child“ auf Platz 9 eingestiegen ist. Was damit zusammenhängen könnte, dass die Autorin sich früher jede Menge weißes Pulver reingezimmert hat. Und natürlich literweise Jack Daniels. So wie ihre Heldin, eine Frau, die ihre Vergangenheit vergessen will, aber sich ihren Dämonen stellen muss, um ihren Kindern zu helfen. Richtig guter Trash. xxx

Wie man Geschichten erzählt, das weiß Michael Robotham, Neuling auf Platz 10. Sein neues Buch „Um Leben und Tod“ spielt aber in Texas, nicht in London, und seine üblichen Helden haben auch mal Pause. Stattdessen schickt er einen Knacki auf eine Tour der Leiden, an deren Ende die Konfrontation mit den Männern steht, die ihm zehn Jahre zuvor Unrecht getan haben. Könnte auch von Alexandre Dumas sein diese Geschichte. Klasse. xxx

Legende:
x Zum Einschlafen
xx Kann man machen
xxx Spannung garantiert
xxxx Besser geht’s nicht
—- Nicht gelesen


Foto: Auschnitt aus dem Cover, Rowohlt Verlag

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