Paul Simon: So Beautiful Or So What Rezension und Infos

Zugegeben, der erste Song „Getting ready for Christmas Day“ wirkt nicht so, wie man sich den ersten Song eines lang erwarteten Albums vorstellt, aber So Beautiful Or So What beginnt spätestens ab dem zweiten Song, an Momentum zu gewinnen und entfaltet seine afrikanisch inspirierte Schönheit mit jedem weiteren Song.

Paul Simon – So Beautiful Or So What

Und wie weit streckt Simon seine Fühler aus, ein „bee bop a loo la“ auf „The Afterlife“, ein intimes Liebeslied mit südlicher Percussion auf „Dazzling Blue“, „Love and Hard Times“ erinnert sogar an alte Simon & Garfunkel Zeiten, mit einem leicht hymnischen Folksound. Der Song fing laut Simon mit einem einzigen Ton an, der den Song hindurch gehalten werden sollte, wie eine Empfindung, die sich bis hin zum Aufblühen eines sanften Orchesters im Hintergrund hält.
Bereits mit „Love is Eternal Sacred Light“ wird dieser Ton jedoch von einem treibenden Beat in rockige Tanzgefilde abgeworben, eine Kombination, die bereits der australische Songwriter Xavier Rudd perfektioniert hat. Und damit man nicht vergisst, dass in all diesen Erinnerungen an Paul Simon immer auch eine Gitarre dabei war, darf diese auch alleinig in „Amulet“ scheinen, um scheinbar fließend in das melancholische „Questions for the Angels“ überzugehen.

Über Gott und die Liebe

In meiner Rezension zum Ayo-Album habe ich kritisch hervor gehoben, wie oft der religiöse Aspekt in den Texten zum Vorschein kommt, auch Paul Simon spricht wieder und wieder davon, „Getting Ready for Christmas Day“ ist beispielsweise tatsächlich aus einer Predigt von Reverend J.M. Gates aus den 40er Jahren. Dennoch zwingt es sich dem Hörer nie auf, in „Questions for the Angels“ fragt Simon, wer überhaupt noch an Engel glaubt, um ihnen Fragen zu stellen und gibt – beinahe verschämt – zu, dass er es tut. Vielleicht hat es mit der Musik zu tun, die ihn beeinflusst hat, der Soul afrikanischer Klänge geht oftmals einher mit einem tiefen, religiösen Verständnis, aber die Kurve gelingt, die Analogie von Gott zur Liebe, wirkt auch ohne Religionszugehörigkeit (Simon selbst ist nicht wirklich religiös, auch wenn er jüdischer Abstammung ist).

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So Beautiful Or So What ist ungemein vielfältig, was Stil und Genres angeht, derer es sich bedient, gleichzeitig bringt Paul Simons Stimme immer wieder alles zusammen, so dass es am Ende doch homogen ist, allerdings in allen Farben zu schillern weiß. Mit Phil Ramone als Produzenten (Bob Dylan, Paul McCartney) und Doyle Lawson, sowie dessen Bluegrass Band Quicksilver hat Simon ein solides Grundgerüst an Musikern, Chris Bear, Schlagzeuger der Indieband Grizzly Bear, und Simons Stamm-Musiker Vincent Nguini an der Gitarre und Percussionist Steve Shehan runden die Sache ab.

Vom Wesen der Musik

„I loved her the first time I saw her, I know that's an old songwriting chliché…“ singt Simon auf „Love and Hard Times“. Für mich war es eher die andere Art der Liebe, dieses Herantasten, sich Gewöhnen, bis man fest stellt, wie warm es einem wird, wann immer diese Songs durch die Boxen tanzen, so als wäre man in eine private Jam Session befreundeter Musiker hinein gestolpert, so intim, so herzlich ist So Beautiful Or So What. Gleichzeitg – und niemals aufdringlich – werden musikalisch großartige Gitarrenpartien und Kompositionen präsentiert, die mit traditionellen Stilen der ganzen Welt spielen, gleichzeitig gegenwärtig und relevant klingen. „Weltmusik“ hat ja für viele einen bitteren Nebengeschmack von immer gleich klingenden peruanischen Flöten oder afrikanischen Trommelgruppen, aber wenn damit Musik gemeint ist, deren Kontext mehr als nur eurozentrische Popmusik umfasst und damit an allen Enden der Welt als Ausdruck verstanden werden kann, dann darf man diesen Begriff gerne verwenden.

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