Lichte Stoffe

Die Frage, die sich mir stellt ist: was kann ich noch sagen, was nicht Amazon, Libri, Perlentaucher oder die Webseite des Verlages schon gesagt hat? Geht es um ein Hinzufügen meinerseits? Dazu kommt noch, dass ich mich beeilen kann, wie ich will: selbst wenn ich das Buch gleich nach Erscheinen lese, kann ich damit rechnen, dass jemand schon vor mir seine kritische Äußerung getan hat. Was tun? Welchen Sinn kann meine Lesart letztlich haben / bekommen? Muss ich die Kritiken der anderen Rezensenten, teilweise Kritiker von renommierten Zeitungen wie FAZ oder Sueddeutsche kennen? Sollte mein Eintrag eine Stellungnahme oder Kritik der Kritik beinhalten? (Dann werde ich ja nie fertig …)

Jeder muss Antworten auf diese Fragen selbst finden und dabei seinen Stil entdecken. Sollte sich einiges überschneiden, wird der Leser selbst die Schere im Kopf ansetzen. Lesen ist so ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben; ich möchte dem hier im Blogportal einen Platz zuweisen.

Deshalb habe ich mich entschieden, zunächst zu zeigen, wie ich zu dem Buch gekommen bin (auffrischen von Allgemeinwissen; Bestsellerlisten, Empfehlungen von Freunden, Unilektüre) und was mir daran gefiel. Sicher auch ein oder zwei Zitate einzufügen, um die Sprache des Autors zu präsentieren.

Larissa Boehnings Lichte Stoffe (2007) Buch habe ich geschenkt bekommen. Teilweise habe ich mich darin wiedergefunden. Eine der Protagonistinnen lebte ein paar Jahre in Amerika, machte ähnliche Beobachtungen zu den Amerikanern wie ich und schlägt sich mit dem Heimatbegriff herum. Gleich wiedererkannt habe ich mich auf der ersten Seite des Buches, die mit einer Szene auf dem Flughafen anfängt. Nele Niebuhr ist auf dem Weg zurück nach Deutschland und hat extreme Flugangst. Ihr Sitznachbar lenkt sie schließlich durch ein Gespräch und eine Flasche Whiskey ab. Das ist die Rahmenhandlung, Nele fliegend über dem Ozean, mit Rückblenden zu ihrem Leben in Chicago,ihrer Ehe, ihrer Arbeit als Designerin und ihren Eltern. In jedem Kapitel wechselt die Erzählperspektive, wir sind also immer im Kopf einer anderen Person.

So erfahren wir von Neles Mutter Evelyn, die als Kind einer deutschen Frau und eines schwarzen GI das Leben eines Außenseiters geführt hat. Der Roman geht zeitlich zrück bis zum Nachkriegsdeutschland. Wir lernen also auch Neles Großmutter, eine Hutmacherin, und den Ami Harold kennen. Es gelingt Larissa Boehning ausgezeichnet, diese Zeit vor dem Auge des Lesers lebhaft erscheinen zu lassen. Dazu nutzt sie die Geschichte der Beutekunst und kann so ein bisschen über Malerei philosophieren. Ausserdem lässt sie ein anderes Medium sprechen, nämlich Kassetten, die Neles Großmutter mit ihrer Lebensgeschichte gefüllt hat. Damit gelingt es der Autorin, Interesse zu wecken, Spannung zu erzeugen (was passierte mit dem Gemälde; warum trennte sich die Hutmacherin vom amerikanischen Soldaten usw.) und einen großen zeitlichen Rahmen zu kreieren, von 1945 bis zur Gegenwart.

Am besten gefiel mir die Metapher zur Brotherstellung, die sich durchs ganze Buch zieht. Zuerst ist Neles Vater Bernhard ganz gegenständlich Teil dieses Prozesses. Es wird beschrieben, wie die Brote „käferbraun und glänzend" (57) aus dem Ofen herausrollen, auf Laufbänder zu Schneidemaschinen und schliesslich Packmaschinen. Dieser reibungslose Prozess erfüllt Bernhard mit Freude, steht für sein eingeteiltes, ordentliches, sicheres Leben: „Für Bernhard war es eine Pracht, diesen präzis kontrollieren Ablauf zu betrachten" (58). Später in der Handlung kippt diese positive Assoziation und er vergleicht sich mit so einem eingepackten Brot auf dem Laufband, unfähig zu handeln bzw. vom vorgegebenen Weg abzuweichen.

Alle Figuren im Buch machen eine Entwicklung durch. Die Fäden kommen am Ende alle zusammen, sogar eine kleine einsame Katze findet wieder ein Zuhause. Nichts ist zufällig in diesem Buch, es klingt ein bisschen glatt an manchen Stellen, eine Episode scheint total absurd. Ein Buch, das man nicht gern aus der Hand legt. Und wenn es ausgelesen ist, atmen man auf: nochmal (fast) alles gut gegangen, neue Chancen werden genutzt, neue Wege aufgezeigt.

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