Hollywood und 9/11

Das Erste, was man nach 9/11 aus Hollywood hörte war, dass das Publikum angesichts der realen Bilder von Gewalt und Zerstörung nun erst einmal genug von Gewalt und Action im Kino haben würde. Natürlich war das Gegenteil der Fall. Ob das amerikanische Publikum angesichts der bedrohlichen politischen Lage, der von der Bush-Administration immer weiter geschürten Kultur der Angst ein besonderes Bedürfnis nach Ablenkung, nach eskapistischer Unterhaltung hatte sei dahingestellt. Seichte Komödien und stumpfsinnige Actionfilme waren immer Publikumsrenner, egal in welcher Lage sich die Nation befand. Für eine unmittelbare  Auseinandersetzung mit den Anschlägen, musste sich das Gemüt der Amerikaner erst etwas beruhigen, und selbst als im April diesen Jahres mit United 93 der erste Film anlief, der sich direkt mit 9/11 beschäftigte, waren viele Zuschauer und Journalisten der Meinung, dafür sei es noch zu früh. Dass sich dieser Film ebenso wie Oliver Stones World Trade Center mit zwei der wenigen Geschichten von 9/11 annahm, die angesichts ihres Heroismus als Sieg für Amerika zu interpretieren sind ist natürlich kein Zufall. Gerade Hollywood war schon immer Spezialist darin, jedes noch so furchtbare Ereignis in eine aufbauende Heldengeschichte umzuwandeln.

Viel interessanter als diese unmittelbare Beschäftigung mit 9/11, die auch in Zukunft kaum interessante Filme hervorbringen dürfte, ist eine unterschwellige Veränderung der Grundstimmung vieler amerikanischer Filme. Der ganze Rattenschwanz an Ereignissen, die Folge von 9/11 war, angefangen bei den Kriegen in Afghanistan und Irak, über die massive Einschränkung der Bürgerrechte, die Missachtung der Menschenrechte in Abu Ghraib und Guantanomo, den ständigen Nachrichten von gefallenen amerikanischen Soldaten, bis hin zum ständig wachsenden Misstrauen in die Bush-Administration, sorgte für ein zunehmendes Unsicherheitsgefühl. Woran soll man noch glauben, an welchen Werten sich orientieren, wenn die eigene Regierung Gesetze ignoriert, die Bevölkerung belügt und Amerika weltweit so unbeliebt ist, wie seit dem Vietnamkrieg nicht mehr. Diese düstere Stimmung schlägt sich auf vielfältige Weise im Hollywoodkino der vergangenen Jahre wieder. Es ist zwar eine Fernsehserie, aber die nonchalante Art mit der in 24 gefoltert würde, wäre vor 9/11 undenkbar gewesen. Auch die Brutalität des Horrorfilms nimmt immer weiter zu, Filme wie Saw, Hostel, The Hills have Eyes und etliche andere überbieten sich im Zeigen brutalsten Szenen des Grauens, vollkommen ohne Motivation wird gefoltert und gemordet, der Feind ist skrupellos und kennt keine Gnade. Auch dass in den letzten zwölf Monaten mit Flightplan, Red Eye und Snakes on a Plane gleich drei Thriller starteten, in denen Flugzeuge Schauplatz bedrohlicher Situationen ist, dürfte kein Zufall sein.

Eine andere Tendenz ist ein Wideraufkommen des politisch engagierten Kinos, wie man es seit den 70er Jahren nicht gesehen hat. Im Gegensatz zu jenen Filmen aber, sind aktuelle Filme wie Good Night, and Good Luck, Syriana oder Fahrenheit 911 vor Selbstgefälligkeit kaum zu ertragen. Man weiß sich auf der moralisch „richtigen“ Seite und möchte Bitteschön dafür gelobt werden. Auch Spike Lee war nie ein subtiler Regisseur und so sind auch seine beiden Nach-9/11 Filme 25th Hour und Inside Man alles andere als dezent. Aber gerade der letztere zeigt im Mantel eines Unterhaltungsfilms die zunehmende Paranoia mit der sich arabischstämmige Amerikaner konfrontiert sehen. Hier spürt man ein Maß an Selbstzweifel, an Kritik an den Institutionen, die man meist vergebens sucht. Erstaunlicherweise ist es Steven Spielberg, der in seinen letzten beiden Filmen, das amerikanische Selbstverständnis hinterfragt hat wie kein anderer Hollywood-Regisseur. In War of the Worlds sind es zwar Aliens, von denen die Bedrohung ausgeht, doch die ironische Erkenntnis, dass man diese Eindringlinge nicht mit bloßer Waffengewalt aufhalten kann, lässt sich ganz offensichtlich auch auf die gegenwärtige amerikanische Politik übertragen. Diesen reflektierten Pazifismus führte Spielberg in seinem brillanten Film Munich weiter, der die Folgen des Attentats von München mit einer Komplexität reflektiert, die man im amerikanischen Kino selten findet. Und auch wenn diese unterschwellige Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Ursachen und Folgen von 9/11 nur einen kleinen Teil der jährlichen Hollywood-Produktion ausmacht, zeigt sich darin doch die große Möglichkeit des Mainstreamkinos: Das Aufzeigenvon gesellschaftlichen Stimmungen und Strömungen unter dem Mantel eines Unterhaltungsfilm. Einst war Hollywood darin kaum zu überbieten. Diese Zeiten sind zwar vorbei, gelegentlich kann man aber immer noch einen solchen Film entdecken.

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