Anonymous: Cyberterroristen oder Revolutionäre?

Guy Fawkes ist ihr Symbol –  die Maske des Attentäters auf King James den Ersten, besser gesagt, die Maske des gleichnamigen Comichelden aus „V is for Vendetta“, einem von Alan Moore kreierten Comic über Selbstjustiz, Aufbegehren gegen die herrschenden Mächte und die moralischen Implikationen dessen.

Am Anfang war 4chan

Angeblich soll es sie seit 2003 geben, geboren aus den Foren von 4chan, der legendären Internetcommunity, die nicht nur für witzige Memes zuständig ist, sondern im Laufe der Jahre auch gezielte Aktionen organisiert hatte, die im Netz ausgeführt wurden, nicht immer witzig, nicht immer harmlos, aber auch nicht immer sinnfrei und gerade deshalb idealer Ausgangspunkt für die Anonymous Anhänger.

Texte zur Definition von Anonymous lesen sich ungenau und bildreich, klare Fakten gibt es nicht. „We are Legion“ zitieren sie aus der Bibel, eine Stimme aus Individuen, die in der Gruppe von Anonymous zu einem Ganzen werden. Ein Beitritt hat keine Bedingungen, außer die Anonymität, sowie – so hoffen zumindest die Sprecher der Vereinigung – eine gewisse Einstellung, die denen der anderen Anons (so nennen sich die Mitglieder) ähnelt und die dieselben Ziele verfolgt. Diese sollen vor allem Meinungsfreiheit und eher links gerichtete Ansichten umfassen. Ansonsten sind sie unfassbar, ungeformt und ohne Fixpunkte – eine Legion, wie sie im Buche steht.

Gefährlich ist an so einer Definition genau diese Aufgabe der individuellen Stärke, denn sehr viel einfacher ist es dadurch, auch die Aspekte der Gruppe zu schützen, die keine idealistische Agenda verfolgt.
Hasskampagnen gegen naive Videoblogger und das Veröffentlichen verletzlicher Privatdaten, all das hat es schon gegeben, auch im Namen von Anonymous, selbst wenn es nur einzelne Mitglieder waren, als Legion kann sich diese Gruppe nicht davon lösen.

Mit dieser Tatsache im Hinterkopf sollte man jedoch auch bedenken, dass nicht jedes Anonymous Mitglied solche Dinge getan hat, denn warum diese Gruppe erst in den Medien gelandet ist, liegt wohl eher an den politisierten Aktionen, die in den letzten Monaten die Sicherheitsserver großer Unternehmen angegriffen haben und somit die Stimme der Anons deutlich machten. Gegen Scientology, gegen Staaten, die Meinungsfreiheit zensieren, gegen korrupte Medien – Anonymous verfolgen in ihren Glanzmomenten eine liberale, vorwiegend linke Denkweise, die nach Veränderungen aus ist und durch die Möglichkeiten des Internets erfolgreicher bei der Umsetzung ist, als Sitzgruppen oder eingeworfene Schaufenster auf Demonstrationen.

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Gruppierung ohne Anführer – geht das überhaupt?

Quer durch das Internet verbreiten die Anons, dass es keine Anführer von Anonymous gibt. Für derartig clever geplante Aktionen mag das nur halbwegs wahr sein, immerhin ist es für jede Unternehmung wohl unabdingbar, dass jemand die Zügel in die Hand nimmt, denn so gezielt, wie die Hackingangriffe von statten gingen, wäre es ein Wunder, wenn das ohne richtungsweisende Stimmen geschehen wäre.
Auch kann man schwer davon aus gehen, dass es diverse Mitglieder gibt, deren Entscheidungsgewalt größer ist, als die der anderen, diverse „populäre“ Hacker a la „Sabu“ von „Lulzsec“ (immer mal wieder mit Anonynmous synonym zu verwenden, dann wieder eigenständig) beispielsweise, sind Indiz dafür, dass es auch in einer Community bestimmte Persönlichkeiten gibt, die eine lautere Stimme haben, als andere.

Politisch als auch soziologisch ist eine Gruppierung ohne Anführer wohl der Hauptgrund, warum man sich auch vor Anonymous fürchten könnte, denn wenn es keinen Kopf gibt, den man abschlagen kann, ohne, dass gleich zwei neue nachwachsen, dann hat man es mit einer unkontrollierbaren und anscheinend auch technisch überlegenen Vereinigung zu tun, deren nächste Schritte nicht voraussagbar sind und die man nicht dingfest machen kann. Kein Wunder also, dass die Politiker und auch die Medien langsam Muffensausen kriegen. Letztere auch deshalb, weil es den Jungs und Mädels erst unlängst mal wieder gelungen ist, die Seite der Sun (einem britischen Schmierblatt) zu hacken und die Nachricht zu verbreiten, dass Rupert Murdoch – Kopf der aktuellen Abhörskandale seiner News of the World Seite – Selbstmord begangen hat. Plötzlich berichten die Medien nicht mehr vom Spielfeldrand aus, sondern mitten im Kriegsgetümmel.

Gefährlich für uns?

Die meisten Aktionen von Anonymous sollen nicht den Privatnutzern, sondern den Unternehmen schaden, aber immer öfter ist es bei diesen Aktionen zu Veröffentlichung von Personendaten gekommen, die ein Zeichen setzen sollten und dabei keine Gefangenen gemacht haben. Jede Revolution hat ihre Opfer, doch ob es wirklich nötig ist, dass man Privatpersonen so bloß stellt, vor allem, wenn man diese doch eigentlich vor den großen Konzernen schützen will – es ist ein Balanceakt der Ziele und Wege, die dahin führen. Allgemein kann man jedoch sagen, dass die Panikmache der Medien trotzdessen übertrieben ist und man als Individuum sehr viel sicherer unterwegs ist, als etwa im Outfit eines milliardenschweren Medienmoguls. Und wenn dieser „Hacktivismus“ da als Terrorismus im Internet bezeichnet wird, dann wird – ob der pazifistischen Durchführung aller Aktionen – sicher stark übertrieben, um den Otto-Normalverbraucher gegen die Hacktivisten zu stellen.

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Die Ersten?

Cybergruppen wie Anonymous sind bei weitem nicht die ersten, bereits in den 80ern gab es mit der „Legion of Doom“ und dem deutschen „Chaos Computer Club“ Hackergruppen, die sich gegen staatliche Organisationen richteten und versuchten, mit ihren Hacking-Angriffen Zeichen zu setzen und „die Obrigkeit“ zu beunruhigen. Allerdings dürften Anonymous mit der weltweiten Vernetzung, der viralen Austauschkultur und den panischem Medien die erste Gruppierung seit langem sein, die so sehr in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt ist.

Gut oder böse?

Es ist schwer, eine anonyme Gruppe zu beurteilen, deren Mitglieder auch durch moralisch verwerfliche Aktionen aufgefallen sind, allgemein muss man jedoch sagen, dass Anonymous – ob sie damit nun erfolgreich sind und ob die Mittel moralisch vertretbar sind oder nicht – eine Revolution im Internet hervorgerufen haben, die ihresgleichen sucht und nicht selten an die 68er erinnert. Stimmen, die die Rolle der Gruppe herunter spielen und hinter den Bildschirmen ängstliche Nerds vermuten, unterschätzen ein gemeinsames Bewusstsein, mit diesen Aktionen etwas Grundsätzliches verändern zu können, die Medienrechte zu schützen und selbstsichere Institutionen ins Wanken zu bringen. Noch bleibt abzuwarten, was noch auf dem Schlachtplan der Unbekannten steht und wie weit sie noch gehen werden, aber zu diesem Zeitpunkt ist zumindest ein gesunder Respekt angebracht, der die Panik mancher Klatschblätter jedoch nicht erreichen sollte.

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