Niemand glaubt ihm, wenn er nicht zugleich gut erzählen kann. Denn auf der anderen Seite ist «Glaubwürdigkeit» zu einem hohen Gut in unserer Gesellschaft und Wirtschaft geworden. Heute dies, morgen das – solcher Zynismus kommt in Deutschlands Chefetagen und Personalabteilungen gar nicht mehr gut. Man muss nicht nur Bullshit produzieren, sondern daran auch glauben – das wird heute verlangt. Alles um der Wahrheit willen: Wer heutzutage der Investment-Bank einen «glaubwürdigen Auftritt» verschafft, der gewinnt den Pott – äh, den Pitch. Ebenso hoch im Kurs stehen «Vertrauen», «Authentizität» oder «Partnerschaft» – alles Eigenschaften, die mit der «Wahrheit» in mehr als nur in einem indirekten Zusammenhang stehen.
Bei dem Wörtchen «Wahrheit» sollten wir allerdings nicht mehr an ein absolutes «Dogma» denken: «Gott lebt» ist eine Aussage, die heute nur noch innerhalb einer eng umgrenzten Gruppe als «wahr» gelten würde. Spätestens bei der Frage, welcher Gott, wäre Streit schon unausweichlich. Wir leben heute alle mit einem «relativen Wahrheitsbegriff», was aber noch nicht heißt, dass dadurch alles beliebig wäre. Drei Eigenschaften sind es, die eine «Wahrheit» heute aufweisen muss, um ‚Glaube' zu finden: Korrespondenz, Kohärenz und Konsens.
‚Korrespondenz' bedeutet, dass unsere Wahrheiten, die wir immer ja nur sprachlich verkünden können, mit irgendeiner Realität dort draußen in Zusammenhang stehen müssen. Wer «wahr und verbindlich» verkünden würde, dass in Deutschland überall Linksverkehr herrsche, den würden 100 Meter auf der Autobahn wegen mangelnder Korrespondenz ruckzuck ‚falsifizieren'. Was ihm aber in seinem Zustand vermutlich egal wäre …
‚Kohärenz' wiederum heißt, dass ich nicht mit meinem Nachsatz wieder umreiße, was ich im Vorsatz behauptet habe, sondern beim Thema bleibe: „Lafontaine hat ein Herz für die Armen. Am liebsten isst er italienisch in Luxusrestaurants …" – das wäre irgendwie doch arg inkohärent und deshalb ‚nicht wahr'. Und die Linkspartei sagt das auch …
Und dann gibt es noch den ‚Konsens': Damit das, was wir sagen, auch für andere akzeptabel und nicht ‚völlig afdreit' wirkt. Wir gehen also von geteilten Werten und Ansichten aus. Obwohl natürlich auch Verschwörungstheoretiker in gewissen Zirkeln ‚Konsens' zu finden pflegen. Damit aber wären wir im Bereich der ‚Teilwahrheiten', die uns an dieser Stelle zu weit ins Gestrüpp führen …
Diese drei Aspekte des ‚relativen Wahrheitsbegriffs' sind alle erstaunlicherweise ausschließlich sprachlich fundiert. Ohne Sprache können wir auf dem Gebiet der Wahrheit gar nichts ausrichten. Denn Wahrheit ist keine Eigenschaft, die ‚dort draußen' zu finden wäre. In den Worten des viel zu wenig gelesenen Bischofs Ockham: «Wahrheit ist eine wahre Aussage». Und schon sind wir bei der Literatur.
Wenn wir «wahr», «glaubwürdig», «vertrauensvoll» oder von mir aus auch «authentisch» wirken wollen, dann bedürfen wir der Literatur. Dieses Metier wiederum beherrschen bekanntlich die Literaten am besten. Oder kann mir mal jemand erklären, weshalb sonst wir uns mit einem guten Roman, der auf der stillschweigenden Voraussetzung beruht, dass der Autor ständig dummes Zeug erfindet und uns ‚belügt', dass wir uns also mit einem solchen Text in kürzester Frist wohlig in unseren Sessel kuscheln und dem Autor jedes Wort zu glauben pflegen?
Wer denkt, er könne ohne Literatur – also ohne erzählerische Mittel – wahrhaftig oder authentisch sein, der hat – mit Verlaub! – nicht alle Tassen im Schrank. Dass sei allen Kommunikationsabteilungen in Deutschlands Unternehmen endlich mal gesagt …
