Vom Missbrauch der Disziplin

Besonders gelungen und interessant ist der Beitrag von Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie an der Universität Ulm, der das Erforschen des Lernens an sich in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellt. Er betrachtet den Sachverhalt aus rein neurobiologischer Sicht und schließt daraus, was Kinder und Jugendliche wirklich brauchen. Und was das Lernen komplett hemmt. Verschulte Kindergärten, Angst in der Schule und die Uneinsichtigkeit darüber, dass es beim Lernen nicht um Fakten geht, sondern um Einstellungen und Haltungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, Werte und Ausdauer. Aber auch Freude und eine gewisse Disziplin gehören dazu und vor allem: schließen sich nicht gegenseitig aus – wenn man es richtig anfässt und genau da setzt Spitzers Kritik an Bueb an.

Um eines gleich mal vorweg zu nehmen: In diesem Buch wird nicht sinnlos auf Bernhard Bueb eingehackt und es wird auch nicht mit platten Thesen um sich geschmissen. Im Gegenteil, die Autoren weisen immer wieder darauf hin, dass sie nicht grundsätzlich gegen Buebs Thesen im Allgemeinen sind, sondern dass einfach Einzelfolgerungen aus dem Buch  „Lob der Disziplin", die vor allem durch bestimmte Medien noch gewaltig unterstrichen wurden, komplett daneben sind und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und auch der pädagogischen Erfahrung an sich nichts am Hut haben. Durch das genaue Hinweisen und Widerlegen der Textstellen in Buebs Buch garantieren die Autoren auch dem Nichtkenner von „Lob der Disziplin" einen neutralen Einblick in die Problematik.

Bernhard Bueb wirkt wie ein Hardliner, scheint aber doch eher soft zu sein und oft aus Angst und Unwissen heraus zu handeln – so zumindest Wolfgang Bergmann, Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und integrative Lerntherapie in Hannover. Er ist der Ansicht, Bueb habe „keinen Schimmer von entwicklungspsychologischen Einsichten". Trotzdem: „Dieser Bernhard Bueb ist eigentlich kein unsympathischer Mensch, ein wenig weich vielleicht (…) fast schüchtern, ein bisschen altmodisch-unbeholfen. (…) Buebs Problem, vermute ich, besteht nicht nur darin, dass er diese modernen Kinder einfach nicht begreift, nein, er spricht ihre Sprache nicht. (…) Er konfrontiert Kinder nicht mit seiner Person, seinen Werten, seinen Gefühlen oder sonst was, nein, er will sie in eine entpersonalisierte, bürokratisch festgeschriebene Ordnung zwingen, gegebenenfalls mit Strafen, aus denen jede Spur von Emotion gewichen ist. Anonym und technokratisch, auf ‚Vollzug' einer nicht hinterfragbaren Ordnung ist dieser Mann eingestellt. Sollte sich bestätigen, dass große Teile einer modernen Pädagogengeneration ähnlich empfinden, dann Gnade uns Gott."

Der erstaunliche Medienerfolg von „Lob der Disziplin" kann der Wissenschaft nicht gleichgültig bleiben. Professor Micha Brumlik, der Herausgeber des Buches, weist darauf hin, dass die Beiträge darauf zielen „Bueb und seine Thesen ernst zu nehmen, seine Meinungen genau zu lesen und sich der Tragweite der Folgen bewusst zu werden." Jetzt kann man nur hoffen, dass auch dieses Buch Gehör findet und somit die andere Seite auch in der Öffentlichkeit ausführlich beleuchtet wird. Ich fürchte aber, dass das nicht der Fall sein wird. Denn es ist deutlich einfacher, sich mit einer vorgefertigten Meinung in seiner Rigorosität bestätigt zu fühlen als sich auseinanderzusetzen.

Micha Brumlik (Hrsg.): „Vom Missbrauch der Disziplin – Antworten der Wissenschaft auf Bernhard Bueb", erschienen im Februar 2007 als Taschenbuch bei Beltz, zu haben für EUR 12,90.

6 Meinungen

  1. Interessant wäre auch ein Vergleich der abendländischen und chinesischen Sterrnzeichen, besonders im Hinblick auf deren Deutung. Zunächst finde ich es aber aufschlussreich, wie die chinesischen Tierkreiszeichen entstanden sein sollen, nämlich durch Buddhas Neujahrseinladung an die Tiere. Auch hieran zeigt sich, dass der Buddhismus eine sehr positive Einstellung zu den Tieren hat, die sich fundamental von der im Abendland unterscheidet. Im übrigen nehme ich an, dass man zur tieferen Deutung der chinesischen Sternbilder sich auch mit chinesischer Denkweise beschäftigen muss.

  2. Also, nur um einige Zitate anzuführen, die die angeblich so „wissenschaftliche“ Seite des Buches widerlegen:
    1)“Ich sollte erwähnen, dass ich […] von einer großen deutschen Zeitschrift zu einem kritischen Dialog mit Bueb eingeladen wurde. Das Buch kannte ich gar nicht, mir reichten aber die Auszüge, die das FAZ-Feuilleton vorveröffentlicht hatte.“ (So bereitet man sich also auf eine pädagogische Auseinandersetzung vor, interessant!)
    2)“Dieses Büchlein (Lob der D.) ist konfus. Auf jeder Seite werden zwei, drei Themen wird durcheinander gewirbelt, wie man es keinem Abituraufsatz durchgehen lassen würde.“ (etwas später) „Man mag es drehen wie man will, die Disziplin-These hat keinen Fetzen Ralitätsgehalt.“ (Eine Umgangssprache, die man wohl ebenso keinem Abituraufsatz durchgehen lassen würde und die der Autor mehrmals pro Seite auf extremste Weise anwendet!!!)
    3) W. Bergmann: „Ich verhänge auch keine Strafen und zwar nie – weder in der Familie noch in der Praxis.“ (etwas später) „Wenn 14-jährige einem wohlmeinenden Lehrer oder Psychologen oder sonst wem ihr Wort geben und der vertraut darauf, wenn sie dann ihr Versprechen nicht halten, dann schmeißt man sie raus oder schickt sie nach Hause. Was denn sonst?“ (Weiß der Autor, was er will? Strafen oder nicht strafen, das ist hier wohl die entscheidende Frage!)
    4) … zuerst habe ich gelacht (über Lob der D.). Das ist eine Untertreibung. Ich wäre vor Lachen beinahe aus dem Flugzeug gefallen. Lebensgefährlich, so etwas!“ (Dieser Satz steht für unwissenschaftliches Schreiben schlechthin und bedarf wohl keiner weiteren Kommentierung.)

    Ich könnte noch ewig so weiterzitieren, und es sei bemerkt, dass all diese Zitate auf nur einem einzigen Beitrag stammen! Wer weiß, was im restlichen „Büchlein“ noch zu finden ist!

  3. Also, nur um einige Zitate anzuführen, die die angeblich so „wissenschaftliche“ Seite des Buches widerlegen:
    1)“Ich sollte erwähnen, dass ich […] von einer großen deutschen Zeitschrift zu einem kritischen Dialog mit Bueb eingeladen wurde. Das Buch kannte ich gar nicht, mir reichten aber die Auszüge, die das FAZ-Feuilleton vorveröffentlicht hatte.“ (So bereitet man sich also auf eine pädagogische Auseinandersetzung vor, interessant!)
    2)“Dieses Büchlein (Lob der D.) ist konfus. Auf jeder Seite werden zwei, drei Themen wird durcheinander gewirbelt, wie man es keinem Abituraufsatz durchgehen lassen würde.“ (etwas später) „Man mag es drehen wie man will, die Disziplin-These hat keinen Fetzen Ralitätsgehalt.“ (Eine Umgangssprache, die man wohl ebenso keinem Abituraufsatz durchgehen lassen würde und die der Autor mehrmals pro Seite auf extremste Weise anwendet!!!)
    3) W. Bergmann: „Ich verhänge auch keine Strafen und zwar nie – weder in der Familie noch in der Praxis.“ (etwas später) „Wenn 14-jährige einem wohlmeinenden Lehrer oder Psychologen oder sonst wem ihr Wort geben und der vertraut darauf, wenn sie dann ihr Versprechen nicht halten, dann schmeißt man sie raus oder schickt sie nach Hause. Was denn sonst?“ (Weiß der Autor, was er will? Strafen oder nicht strafen, das ist hier wohl die entscheidende Frage!)
    4) … zuerst habe ich gelacht (über Lob der D.). Das ist eine Untertreibung. Ich wäre vor Lachen beinahe aus dem Flugzeug gefallen. Lebensgefährlich, so etwas!“ (Dieser Satz steht für unwissenschaftliches Schreiben schlechthin und bedarf wohl keiner weiteren Kommentierung.)

    Ich könnte noch ewig so weiterzitieren, und es sei bemerkt, dass all diese Zitate auf nur einem einzigen Beitrag stammen! Wer weiß, was im restlichen „Büchlein“ noch zu finden ist!

  4. Und wann war diese Buddha – Einladung, dieses Neujahrsfest?
    Wann beginnt die Zählung ?

  5. Ein genaues Datum, wann die Sage von der Einladung der Tiere durch den Buddha entstanden ist, lässt sich nicht angeben. Wahrscheinlich stammt diese Geschichte aus der Zeit zwischen 500 und 800 unserer Ztr., denn zu jener Zeit hatte sich der Buddhismus in China entfaltet und wurde zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Lebens. Die Einladung bezieht sich auf das chinesische Neujahrsfest. Dieses ist ein Frühlingsfest, das sich nach dem traditionellen chinesischen Bauernkalender richtet. Beginnend mit dem neuen Mond des ersten Monats des neuen Jahres, liegt es zwischen dem 20. Januar und dem 21. Februar.

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