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    Start » Thylane Lena-Rose Blondeau: Kindermodel als Provokation?
    Kindermode

    Thylane Lena-Rose Blondeau: Kindermodel als Provokation?

    19. August 20116 Minuten Lesezeit

    In der amerikanischen Dokusendung „Toddlers and Tiaras“ werden Eltern samt Kinder vorgestellt, die an Schönheitswettbewerben teil nehmen, besser gesagt, den „Glitz Pageants“, also Wettbewerbe, bei denen Make-Up, Selbstbräuner und glitzernde Kostüme dazu gehören. „Geschmacklos“ finden das viele, da dreijährige wie Teenager aussehen und damit wohl oftmals eher die Kindheitsträume ihrer Mütter erfüllen sollen.

    Kindermodel als Provokation

    Auf einer anderen Ebene, aber dicht am Problem dran, ist die derzeitige Popularität von Thylane Lena-Rose Blondeau, einem Supermodel, das jüngst für die Vogue enfants (also die Kinderausgabe der Fashion Zeitung) abgelichtet wurde, in Stöckelschuhen, roten Lippen und sehr akuraten Modelposen. Dass Thylane gerade einmal 10 Jahre ist, macht die Sache natürlich etwas heikel.

    Während also bei „Toddlers and Tiaras“ keine Frage besteht, dass irgendetwas nicht mit der Gesellschaft stimmt, wenn 3-jährige Brücken tragen müssen, damit die Jury ihre natürlich unregelmäßgen Zähne nicht schlecht bewertet, spalten sich die Lager im Thylane Team.

    Künstlerisch und geschmackvoll nennen es die einen, dicht an Kinderpornografie die anderen.

    Künstlerisch geschmackvoll?

    Natürlich, immerhin ist es die Vogue, fernab jeder Kritik ist die High Fashion Modezeitschrift, wie immer und überall. Pelz, anorexische Models und Sweatshops – in der Welt der Mode ist alles erlaubt. Und mal ehrlich, welches kleine Mädchen hat als Kind nicht die Kleider der Mutter tragen wollen und sich rote Lippen gemalt? Außerdem sind die Fotos ästhetisch und hervorragend editiert, wer kann es den Eltern verübeln, dass sie diese großartige Gelgenheit genutzt haben, Thylane bereits mit 10 Jahren in die glamuröse Welt der Mode einzuführen?

    Dabei sind die Vogue Bilder noch nicht einmal die kontroversesten, immerhin gibt es Thylane auch halbnackt als Hippie verkleidet, wobei ihre Mutter über diese Fotos sagt, dass man schon pädophil sein muss, um diese Fotos als sexualisiert zu betrachten. Nun, mit dieser Totschlagargumentation kann man wohl nicht stand halten.

    Wenn die Fantasie das Rollenverhalten übernimmt

    Aber – ohne als pädophil verdammt zu werden – seien wir ehrlich. Models verkaufen in den meisten Fällen keine Kleidung, Schmuck oder Gebrauchsgegenstände, sie verkaufen Fantasien. Und in den meisten Fällen, vor allem bei weiblichen Models, verkaufen sie sexualisierte Fantasien. Wenn ich dieses Kleid trage, dann werde ich begehrt, dieser Lippenstift macht meine Lippen unwiderstehlich und mit diesem Sportwagen bekommt der Besitzer sicher auch das daneben abgebildete Model, oder etwa nicht? Auch wenn es wahrlich nichts zum Feiern ist, ist eine sexualisierte Modelwelt nichts, was wir nicht schon gewohnt sind. Allerdings ändert sich dieser Fokus, wenn Kinder in die Rolle der Models schlüpfen. Thylane ist ein krasses Beispiel, weil sie mit 10 Jahren und dieser Art von Fotos sicher zu den Ausnahmen gehört, oder?

    Auch 13-jährige werden seit Jahren von Designern als Musen angesehen und zwar nicht für Kinderkleidung, sondern für Kleidungslinien für erwachsene Frauen. Sobald sie also in diese Kleider, auf Leinwänden, Laufstegen und in Modezeitschriften steigen, tragen sie nicht nur diese Kleider, sondern auch die Fantasien, die mit ihnen einher gehen und – ob wir es wollen oder nicht – durch jahrelange Konditionierung sind das in den meisten Fällen eben diese sexualisierten Fantasien, die ansonsten von Erwachsenen verkauft werden. Kein Wunder also, dass es überzogen und surreal aussieht.

    Befürworter vor allem der Vogue Ausgabe fügen jedoch hinzu, dass es sich zumindest im Thylane Fall um Satire handelt, eine drastisch überzogene Darstellung des Jugendwahns, der die Modeindustrie befallen hat. Nun, selbst wenn es so sein sollte, scheint es doch reichlich merkwürdig, dass gerade die Vogue – Sprachrohr eben dieser Industrie – gegen ihre eigenen Trends schießt und im gleichen Atemzug in ihren „Erwachsenenausgaben“ 13-jährige Models posieren lässt.

    Keine Ausnahme, sondern die Regel

    Die oft aufgeworfene Frage ist, ob nun der Betrachter seine Betrachtungsweise ändern sollte, wenn er Thylanes Fotos zu extrem findet, oder ob es eine Grenze geben sollte, wie und unter welchen Umständen Kinderfotografie im kommerziellen oder auch künstlerischen Rahmen verwendet werden darf. Genau bei dieser Frage wird man wohl weiter knabbern müssen, denn nur weil es Leute gibt, die solche Fotos harmlos und natürlich finden, bedeutet das noch lange nicht, dass alle, denen es sauer aufstößt, nur kognitiv verrucht sind.

    Vielmehr sollten wir uns fragen, warum wir es nicht ähnlich verstörend finden, wenn wir 14-jährige Models auf den Laufstegen sehen. Denn nein, Heidi Klum und Tyra Banks sind mittlerweile Ausnahmen, was das Alter angeht (beide haben sehr früh mit dem modeln angefangen), „normale“ Models sind 14-18 und können mit 21 langsam aber sicher einpacken, da ihre Körper und Gesichter nicht mehr dem bevorzugten, erschreckenderweise eben kindlichen Ideal entsprechen. Das mag bei Unterwäsche und Bademode ein wenig anders sein, wo weibliche Kurven im besten Fall bevorzugt werden, aber besonders in der Szene der High Fashion, die sich selbst nicht selten als Kunst sieht, sind kindliche Gesichter und Körper tres chic.

    Das damit natürlich auch unrealistische Körpervorgaben an erwachsene Frauen gemacht werden, ist ein weiteres streitbares Thema, das jedoch hier den Rahmen sprengen würde.

    Die dabei viel zu selten adressierte Frage – vielleicht auch, weil die Diskussion vorwiegend im Rahmen der Modeindustrie stattfindet – ist jedoch die, warum Zeitschriften wie die Vogue, eigentlich jedoch die gesamte Modeindustrie, das Eine sagen und das Andere tun und gerade bei solchen Dingen derartig ungeschoren davon kommen, von der Medienschelte einmal abgesehen.

    Doppelstandard

    Gehen wir doch einmal einen Schritt zurück und sehen wir uns das Bild aus einer weiteren Perspektive an. Wie oft passiert es, dass Magazine wie die Vogue sexy Fotos von fülligen oder sogar mal älteren Frauen, von Models in Kunstpelz, oder ökologisch schonenden Designlinien vorstellen, nur um in der nächsten Ausgabe wieder zu BMI 17, dem Durchschnittsalter von 15 Jahren, Pelz und teuerster Seide zurück zu greifen? Nur, weil man hin und wieder kritisch auf seine eigenen, konstanten Verfehlungen schaut, spricht man sich nicht von ihnen frei, ganz im Gegenteil. Und während viele Models weiterhin freischaffend arbeiten, dadurch wenig Rechtsschutz und keine Gewerkschaft haben, scheint es fast wie Hohn, dass eine Industrie, derartig verstockt und vor dem Recht auch noch unantastbar zu sein scheint, wenn es darum geht, sich zum Besseren zu wandeln.

    Und so ist auch Thylane keine schockierende Ausnahme, sondern nur eine weitere Ehrenrunde der Fashionwelt, die sich damit selbst als provokativ wahrnimmt, leider jedoch nicht mehr als geschmacklos und sehr, sehr traurig ist.

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