The good shepherd – Der gute Hirte: Die Welt als schrecklich paternalisierte Herde

Heute habe ich endlich den Absprung aus der Bezirksliga des Kinos geschafft. Also: Kein Mulitplex, kein deutschsprachiges Kino, egal ob deutsche Produktion oder deutsche Synchronisation – heute war ich im „Cinema“-Kino in München! Das Cinema kenne ich noch aus meiner frühesten Jugend. Seit vielen Jahren gehört dieses Kino in die Topliga der deutschen Filmtheater. Es war das erste Kino in Deutschland, das ein THX-Soundsystem hatte und dessen Innenraum, wie der einer Philharmonie, mit einer komplexen Holzverschalung für perfekten Klang ausgestattet ist. Noch vor 15 Jahren wartete dieses Kino mit Spezialveranstaltungen auf. Da kam für gerade mal zwei Präsentationen zum Beispiel der stellvertretende Chef von „Industrial Light and Magic“, der Special Effects Firma von George Lucas, über den großen Teich, um hier vor ausverkauftem Haus aus dem Nähkästchen zu plaudern. Heutzutage ist das „Making of“ fester Bestandteil jeder DVD. So kommt es nicht mehr zu solchen Begegnungen, und wenn, dann ist es nur Promotion für einen neuen Film. Die einen ziehen die DVD auf dem heimischen Sofa dem Kinobesuch vor, die anderen die südliche Sonne Los Angeles dem relativ kühlen Klima Münchens. Aber die Erinnerung an die goldenen Zeiten dieses bis heute einmaligen Kinos bleibt. Das Cinema ist immer noch etwas besonderes. Es zeigt fast ausschließlich Originalversionen, meist ohne Untertitel, egal ob aus Amerika, Frankreich, Japan oder China. Das Cinema findet sein Publikum vor allem unter Studenten, für die Synchronisation immer einen Mangel an Authentizität bedeutet.

Mein Film heute: „The good shepherd“ – „Der gute Hirte“. Dieser Film ist so aufwendig gemacht, mit so vielen internationalen Top Stars gespickt (auch Martina Gedeck darf sich als Ostagentin erschiessen lassen), dass ein Vergleich mit Filmen wie „Rocky Balboa“ oder „Das wilde Leben“ sich erübrigt. Hier ist absolut klar wer in die Kreisliga und wer auf das Weltpodest gehört. Das Publikum, inklusive mir, ist gebannt. Es stellt sich bei den Zuschauern das verschworene Gefühl ein, nach dem ich schon lange vergeblich gesucht hatte. Hier finde ich es. Jede einzelne Szene, jede Episode hat etwas beschwörendes, das mich immer tiefer in den Film hineinzieht. Der Film ist überhaupt nicht spannend. Er ist ruhig erzählt, mit vielen langen Augen-Blicken der Hauptfigur, gespielt von Matt Damon. Seine Augen, noch vergrößert durch dicke Brillengläser, verraten, welche Abgründe er in seiner Seele mit sich herumträgt, ohne dass er sie anderen Menschen mitteilen kann und darf. In Vorankündigungen hieß es, man sollte sich Datumseinblendungen merken, sonst wäre der Film verwirrend. Meine Empfehlung: Lasst Euch lieber verwirren und seht Euch jede Episode an, als sei sie ein Film für sich. Der Zusammenhang ist gegeben, aber eher unwichtig, denn jede Episode erzählt das Gleiche: Die Einsamkeit eines Mannes, der Macht und Kontrolle will und dafür schwere Opfer bringen muss.

Dieser Film schildert vordergründig ein Stück Weltgeschichte: Zuerst der 2. Weltkrieg gegen die Nazis aus der Sicht von alliierten Geheimdiensten, dann in Folge der Konflikt zwischen Ost und West bis in die 60er Jahre, wieder aus der Sicht der Geheimdienste. Der Geheimdienst wird als Männerbund charakterisiert – die Weltgeschichte entpuppt sich als Welt-Sozialgeschichte. Es geht um eine paternalisierte Welt, in der die Männer über die Informationen herrschen und so ihre Macht, beziehungsweise die Macht ihres Landes vergrößern. Dabei ist jedes Mittel recht. Auch Frauen werden zur psychologischen Kriegsführung eingespannt. Sie verdrehen im Auftrag von Männern anderen Männern den Kopf, um an deren geheime Informationen zu gelangen. In so einer Welt, wo alles nur Geschäft mit der Macht ist, hilft nur die Strategie des von Matt Damon gespielten Protagonisten: Wenig sagen, mehr wissen und keine Emotionen zeigen. Die zwei einzigen Figuren in diesem Film, die emotional sind, sind die Frau des Top Spions, gespielt von Angelina Jolie und ein russischer KGB-Überläufer, der im LSD-Verhör der CIA laut zu singen anfängt. Die eine wird ungewollt schwanger von einem Mann, der ihre Liebe nicht erwiedern kann, der andere stürzt sich aus dem Fenster des Verhörraums auf die Straße.

Fazit: Die Erde ist ein düsterer Ort. Männer verteidigen misstrauisch ihre Macht gegen jeden. Frauen sind nur nettes Beiwerk oder Mittel zum Zweck. Aber – Wer Macht will, muss auf Liebe verzichten. Der Film ist absolut empfehlenswert. Lasst uns nach dem Film Liebe machen!

A bientôt,

Jean Gérard

Eine Meinung

  1. Ergänzend lässt sich noch sagen, dass es im Film um Vertrauen geht. Beim ‚Guten Hirten‘ in der Bibel, wird es einem bekanntlich an nichts mangeln. ‚Dem Guten Hirten‘ kann man blind vertrauen, denn er sorgt sich um seine Herde. Dem von Matt Damon verkörperten Agenten kann niemand trauen. Nicht einmal seine eigene Familie. Und auch er kann keinem trauen. In dieser Vertrauenslosigkeit gibt eine einzige Ausnahme: Die Beziehung Matt Damons zu seinem Pendant beim KGB.

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