Taryn Simon: A Living Man Declared Dead and Other Chapters

18 Kapitel umfasst Taryn Simons Werk, über vier Jahre reiste sie quer durch die Welt und sammelte Geschichten, Dokumente und vor allem Gesichter. Entstanden ist eine Fotodokumentation, die nicht nur Kunst, sondern politisches als auch gesellschaftliches Mahnmal ist, eine Erinnerung, dass die Utopie der Menschlichkeit noch viel Arbeit braucht.

A Living Man Declared Dead And Other Chapters

Betritt man diesen ganz speziellen Flügel der Tate Modern, fällt sofort auf, dass jedes Kapitel aus drei Abschnitten besteht: Links, Portraitfotos, Klein- und Großfamilien reihen sich aneinander, jede Familie hat eine Geschichte. In der Mitte eben diese und die Fakten dahinter. Rechts, Zeitzeugendokumente, Urkunden, Beweise und Symbole dessen, was sich in diesem Kapitel entfaltet hat.

Die Geschichten sind unterschiedlich, zerren jedoch allesamt an dem Bild, das wir uns von der Welt, bzw. uns gemacht haben. Fast leichtherzig ist da eine Aufnahme von hunderten von Karnickeln, der Blick dahinter offenbart, dass es sich um die Tiere handelt, die in Australien illegal eingeführt wurden und nun für eine gefährliche Zerrüttung der ökologischen Balance sorgen. Der Ton verliert das amüsierte Lächeln im letzten Panel, wenn ein Foto von Hasenkadavern zeigt, dass Australien alle Hasen hat töten lassen, um seine Umwelt zu schützen.

Noch nachdenklicher wird es mit dem titelgebenden, ersten Kapitel. Ein Mann aus Indien wird für tot erklärt, nach indischem Gesetz bekommen seine Verwandten sein Haus und sein Land. Aber er ist nicht tot, die Behörden wurden mit nicht mehr als 50$ bestochen, die Todesurkunde auszuschreiben, damit die Verwandten erben konnten und nun versucht der tot Deklarierte seit Jahren, sein Leben auf einem Stück Papier zurück zu erlangen und damit auch sein Recht.

Den Wald vor lauter Bäumen suchen

Ein Kapitel nach dem anderen ist individuell durch die einzelnen Familienschicksale gezeichnet, ihre Gesichter auf den Fotos lassen die Geschichten lebendig werden, die wir sonst höchstens als Fußnoten in Zeitungen lesen und alsbald vergessen würden. So gleich all ihre Positionen in den Portraits auch sind, wer sich die Zeit nimmt, dem werden sie im Gedächtnis bleiben. Fast noch eindrucksvoller sind die Fotos, die leer bleiben, wenn die Familienmitglieder nicht fotografiert werden wollten oder konnten, wenn sie beispielsweise verhaftet oder entführt wurden. Die Fotopanele selbst tragen in sich eine penible Ordnung, werden beispielsweise stetig wiederholt im Fall eines Mannes, der glaubt, er sei die Reinkarnation seines Großvaters.

Gerade weil die Geschichten aus der gesamten Welt von Taryn gesammelt wurden, ist es unmöglich, sich einzureden, umringt von den Gesichtern der Protagonisten, dass es nur an anderen Orten passieren kann, dass Korruption, Aberglaube und Rechtslücken nur woanders statt finden können. Nicht zuletzt steht man doch im Zentrum dieser Geschichten, im Zentrum der Fotos, wenn man Besucher der Ausstellung ist und durch die Räume geht und damit wird man Teil von ihnen. Um die Verbindung dieser Kapitel geht es der Künstlerin, ob sie die auch gefunden hat, oder ob die Suche immer noch inmitten der Narrative statt findet, ist wohl dem Besucher überlassen.

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Taryn Simon – Verbindungen suchen

Taryn Simon wurde 1975 in New York geboren und begann ihre ersten künstlerischen und vor allem kritischen Schritte 2003 mit „The Innocents“, einer dokumentarischen Fotostrecke über zu Unrecht verurteilte Gefängnisinsassen in Amerika. Es folgten andere Fotografie Werke, die in kunstvoll, gleichwohl ehrlichen Bildern die Schatten der Gesellschaft aufdeckten, die wir nur zu gerne in unserem Blickfeld ignorieren. Die blinden Flecke der Rechtssysteme, der politischen Agendas auch fortschrittlicher Länder, die in Anonymität begrabenen Opfer einer Welt, die unverbesserlich die Flickendecke der „Zivilisation“ bis aufs Zerreißen strapaziert.

Auf ihren Touren hängt sich Taryn Simon manchmal unerbittlich an ihre Studien, alleine der organisatorische Aufwand, der hinter ihren Projekten steckt, ist enorm, denn für jedes Foto müssen die Veröffentlichungsrechte eingeholt werden, jedes Dokument muss verifiziert, jede Story nachgeprüft werden. In manchen Fällen ist es erstaunlich, wie weit Trayn Simon kommt, etwa, wenn sie die Kunstgemälde im CIA-Gebäude ablichtet, ein anderes Mal ist es amüsant, dass die schriftliche Absage von Disney (Taryn wollte die Kellergewölbe von Disneyland fotografieren) von der Fotografin anstelle der geplanten Fotos ausgestellt wird.

Wie A Living Man Declared Dead And Other Chapters scheint ihre gesamte Arbeit zu versuchen, ein Netz zu spannen, das Verbindungen kreiert, die etwas über uns aussagen sollen und das Wesen der Menschen, bzw. der Menschen als soziale Gruppentiere. Für manch einen kann besonders die Darstellung kühl, stilisiert und daher befremdend wirken, besonders Simons fast zwanghaftes Verlangen, alles zu organisieren, Gesichter wie wissenschaftliche Proben anzuordnen, verliert genau dann an Wärme, wenn man sich eben nicht die Zeit nimmt, die Individuen in diesen Portraits zu suchen, die jedoch da sind und darauf warten, gesehen zu werden.

Beeindruckend bleibt es dennoch, die Grenze zwischen Kunst und Dokumentation balanciert zwischen ästhetischer Kälte und nahe gehender Schicksale, irgendwo dazwischen finden sich vielleicht die Verbindungen, die Taryn Simon wohl immer noch sucht.

Eine Meinung

  1. Egal, wohin man blickt, Taryn Simon ist offensichtlich derzeit omnipräsent: ob in den Kunst-Werken oder der Neuen Nationalgalerie in Berlin oder eben in der Tate Modern in London. Eine ziemlich interessante Künstlerin; ich bin gespannt, wohin sich ihre Arbeit noch entwickelt!

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