Spannend oder nicht?
Die KrimiZEIT-Bestenliste Oktober 2015 im Check

KrimiZEIT

Zwar hat sich auf den ersten beiden Positionen nichts getan, dafür wartet die KrimiZEIT-Bestenliste mit gleich sechs Neulingen auf. Die Frage ist also: Was davon muss man wirklich lesen – und was eher nicht? Oder sind etwa alle Romane, die von der Jury zu den Krimis des Monats gekürt wurden, ein Lesetipp? Die Literaturexperten von Germanblogs haben sich durch einen Großteil der Bücher gelesen.

1 (1) Friedrich Ani: Der namenlose Tag (Suhrkamp)
2 (2) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens (Zsolnay)
3 (-) William McIlvanney: Fremde Treue (Kunstmann)
4 (-) James Lee Burke: Glut und Asche (Heyne)
5 (-) Åke Edwardson: Marconipark (Ullstein)
6 (-) Antonio Ortuño: Die Verbrannten (Kunstmann)
7 (4) Andreas Kollender: Kolbe (Pendragon)
8 (10) Michael Robotham: Um Leben und Tod (Goldmann)
9 (-) Seamus Smyth: Spielarten der Rache (Pulp Master)
10 (-) Michael Fehr: Simeliberg (Der gesunde Menschenverstand)

Müssen wir noch etwas zu Friedrich Ani auf Platz 1 (xxxx) und Dror Mishani auf der 2 (xxx) sagen? Vielleicht nur so viel: Es sind zwei Romane, die sich eher dem Psychologischen verschrieben haben, mit Kommissaren, die eher zuhören als zuschlagen. Lesenswert sind beide unbedingt, wie die Rezensionen Ani namenlose tag und Dror Mishani bestätigen.

Ebenfalls jemand, der eher die menschliche Psyche erkundet als sich in Schimanski-Manier durch Kneipen prügelt (obwohl er geistige Getränke durchaus schätzt) ist Jack Laidlaw, Ermittler bei der Glasgower Polizei. In „Fremde Treue“ (xxx), dem abschließenden Band seiner Trilogie, schickt William McIlvanney seinen Polizisten aufs Land, wo er den Tod seines Bruders aufklären will. Erstmals (aber nicht auf Deutsch) erschienen ist dieser Roman 1991, hat aber nichts von seiner Gravität verloren. Anfangs irritierend: Laidlaw erzählt erstmals aus der Ich-Perspektive. Ob McIlvanney, inzwischen immerhin 78, das bei seiner geplanten Fortsetzung beibehält?

Nicht einmal zwei Wochen nach McIlvanney, am 5. Dezember, feiert ein anderer Krimi-Gigant seinen 79sten Geburtstag: James Lee Burke, von dem mit „Glut und Asche“ (xxx) jetzt die noch gewaltigere Fortsetzung seines im vergangenen Jahr in Deutschland gefeierten Romans „Regengötter“ vorliegt. Wieder bekommt es der alternde Sheriff Hackberry Holland mit einer Reihe ziemlicher Finsterlinge zu tun, die wie Gespenster durch die Weiten von Südtexas jagen. Ein totgeglaubter alter Bekannter ist übrigens auch dabei. Ein Epos, so überwältigend wie alte Cinemascopefilme. Nettes Detail am Rande: „Glut und Asche“ war auch der Titel eines sehr alten Albums der immer noch aktiven deutschen Band Fehlfarben, deren neue Platte „Über…Menschen“ an dieser Stelle ebenfalls nachdrücklich empfohlen werden soll, auch wenn sie außer dem Namen nichts mit JLBs Roman zu tun hat.

So, wir sind etwas ins Schwadronieren geraten, deshalb jetzt der Rest im Schnelldurchlauf: Åke Edwardson, dessen Roman „Marconipark“ (xx) auf der 5 neu eingestiegen ist, kann man mögen – aber auch als etwas zu betulich abtun. Deutlich ungemütlicher geht es bei Antonio Ortuño zu. Er ist Mexikaner und hat mit „Die Verbrannten“ (xxx) einen knallharten Roman geschrieben, der die Flüchtlingsproblematik aufnimmt. Allerdings in seiner Heimat und nicht im immer noch willkommenstrunkenen Deutschland. Wird hierzulande also gegen Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“ keine Chance haben und untergehen.
Das ist dem Siebtplatzierten zum Glück nicht passiert: Andreas Kollenders „Kolbe“ (xxx), über den gleichnamigen vergessenen WKII-Spion, hat zumindest medial die verdiente Aufmerksamkeit bekommen – für die Bestsellerliste hat es noch nicht gereicht. Okay, war auch nicht zu erwarten…

Leichter verkäuflich sind Romane wie „Um Leben und Tod“ (xxx). Der Australier Michael Robotham hat einen tollen Thriller geschrieben, mit einem entflohenen Häftling, der während seiner Odyssee durch Texas eine Menge honorige Bürger in die Bredouille bringt.

Auf Platz 9 findet sich mit Seamus Smyth ein Ire, dessen harter Rache-Roman „Spielarten der Rache“ noch nicht einmal in seiner Heimat veröffentlicht wurde. Haben wir noch nicht gelesen, aber der Verlag Pulp Master aus Berlin garantiert gewöhnlich beste Noir-Qualität. das bestätigt die Krimi-Bloggerin Sonja Hartl Seamus Smyth: „Mit verschiedenen Perspektiven, die mühelos Zeiten wechseln, entspinnt sich daher in „Spielarten der Rache“ ein Inferno der Rache, das nur wenige überleben werden. Jahre werden in wenigen Sätzen abgehandelt, sogar in vielen Büchern enervierende Anrede des Lesers fügt sich hier hervorragend in den Stil ein.“

Noch obskurer wird es auf Platz 10 – oder haben Sie schon mal von dem Verlag Der gesunde Menschenverstand gehört? Dort ist jedenfalls ein schmales Bändchen mit dem enigmatischen Titel „Simeliberg“ erschienen. Geschrieben hat es der Schweizer Michael Fehr, den auch kaum einer kennt. Außer Tobias Gohlis natürlich, der schwärmt: „Grandioser rhapsodisch neoexpressionistischer Kunstdialekt“.

Legende:
x Zum Einschlafen
xx Kann man machen
xxx Spannung garantiert
xxxx Besser geht’s nicht

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