Roland Barthes: Mythen des Alltags/Chronik

Als repräsentativ begriffen für die beiden von Barthes aufgestellten einander verfeindeten Kategorien der Ideologie und der Poesie, ergänzen sich der Klassiker der inspirierten Semiologie und die erst 2003 bei Merve erschienene „Chronik“ prima. So leicht die Ende der 70er wöchentlich im „Nouvel Observateur“ veröffentlichten Chroniken (kurze, tagebuchartige Texte über Lektüre, Arzt-, Frisörbesuche usw.) im Vergleich zu den bereits 1957 in Buchform gegossenen „Mythologies“ auch erscheinen, so bedeutsam sind sie als Gegenentwurf für Barthes Theorie des Mythos als einer Ideologiekritik und Zeichenlehre für den täglichen Gebrauch: So könnte die „Suche nach dem nicht entfremdbaren Sinn der Dinge“ (so die in den „Mythen“ festgehaltene Definition von Poesie) aussehen. Der gemeinsame Ausgangspunkt beider Textsammlungen ist die „Ungeduld“ des Semiologen angesichts der wirklichkeitschaffenden Macht „der Presse oder der Kunst„. Ging es in den „Mythen“ darum, die suggerierte „Natürlichkeit“ der Ereignisse als zielgerichtetes semiologisches Konstrukt zu enttarnen, ist „Chronik“ der Versuch, dem scheinbar unerschöpflichen Sensationsvorrat der Ereigniskultur die Nebensache, das eher „schwache“ Ereignis entgegenzusetzen. Erklärtes Ziel: „Dass sich die Skala der Intensitäten ändert“. Der Versuch schlägt fehl. Der Band endet mit Barthes Eingeständnis seiner Unfähigkeit, die „Zartheit“ der Ereignisse für sich sprechen zu lassen: „Die Unzulänglichkeit besteht darin, dass ich mich bei jedem geschilderten Zwischenfall veranlasst fühle (durch welche Kraft – oder durch welche Schwäche?), ihm einen (sozialen, moralischen, ästhetischen) Sinn zu verleihen, eine letzte Gegenrede zu geben. Kurz, diese Chroniken laufen ständig Gefahr, ‚Moralitäten‘ zu sein.“ Über einen Umweg erreicht Barthes sein Ziel dennoch. Indem er auf die Gefahr aufmerksam macht, schärft er unseren Blick, das Buch erlangt seine in Zweifel gezogene Gültigkeit.

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