Porträt zeichnen: Schritt für Schritt Tutorial für Anfänger

Porträt zeichnen geht auf einen der wichtigsten Aspekte menschlicher Selbstauffassung zurück. Wie Comiczeichner Scott McCloud sagt, ist der Mensch ein so selbstbezogenes Wesen, dass er sich in allem wiedererkennt: Eine Steckdose, die Front eines Autos, Punkt, Punkt, Komma, Strich – der Smiley ist in der Tat die einfachste Reproduktion des Gesichts auf die wesentlichsten Teile heruntergebrochen.

Beim Porträt zeichnen selbst ist dies dann natürlich nicht mehr ganz so einfach, vor allem, wenn man Personen realistisch darstellen möchte.

Das folgende Tutorial stellt die einzelnen Arbeitsschritte vor, erhebt allerdings keinen Anspruch auf künstlerischen Ausdruck, sondern will vielmehr das Handwerk einmal erläutern – den Kunstaspekt müssen Zeichnerinnen und Zeichner selbst hinzufügen.

Porträt zeichnen: So wird's gemacht!

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Arbeitsweise

Zunächst eine Warnung: Beim Porträt zeichnen sollte man sich Zeit lassen, aber vor allem sich nicht von vornherein in Details versteigen. Man arbeitet besser vom Großen ins Kleine, findet zuerst die Formen und individuellen Merkmale eines Gesichts, bevor man damit beginnt, jede Wimper einzeln zu zeichnen.

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Sehen

Das Wichtigste in diesem Tutorial, kann nur der Hinweis sein, gut hinzusehen. Es mag ungewohnt sein, dem Porträt-Modell ausgiebig ins Gesicht zu starren, doch nur so kann man die Aspekte und Eigenheiten erfassen. Hierbei sollte man üben, einerseits das große Ganze im Blick zu halten und andererseits sehr kleinteilig gucken zu können.

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Formfindungsprozess

Der Formfindungsprozess sieht für Außenstehende oft wie großflächiges Gekrakel aus: Künstlerinnen und Künstler arbeiten aus der typischen, ovalen Kopfform die ganz eigenen Aspekte von Wangen, Kinn, Stirn etc. heraus und scheuen sich auch nicht, viele vielleicht konfuse Striche übereinander zu lagern. Das Auge sucht sich von alleine die Linien, die am besten passen und diese werden später bearbeitet. Gleiches gilt dann übrigens auch später für Auge, Nase, Ohren, Mund und alle anderen Features im Gesicht.

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Anatomie

Der menschliche Körper ist nicht wirklich haargenau symmetrisch, aber die Dopplung der Körperteile auf beiden Seiten lässt einige Verhältnismäßigkeiten zu – das Gesicht ist hierbei keine Ausnahme. Es ist klar, dass die Augen, die Augenbrauen und die Ohren ziemlich auf der gleichen Höhe sein sollten, woran man sich aber ansonsten noch orientieren kann, hier in Kürze:

  • Wenn man das Gesicht mit einem Kreuz mittig unterteilt, erhält man die Position der Augen und der Nase
  • Dort, wo sich diese beiden Linien kreuzen, kann man die Nasenwurzel vermuten
  • Die Ober- und Unterkante der Ohren befindet sich auf gleicher Höhe wie die Nasenspitze und die Augenbrauen
  • Die Pupillen befinden sich auf gleicher, vertikaler Linie wie die Mundwinkel
  • Die Mundwinkel sind etwa auf gleicher, horizontaler Linie wie die Kieferknochen

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Verhältnisse

Der Kopf, inklusive Gesicht und Haaren, beziehungsweise Schädeldecke, kann nicht nur in je zwei Teile (oben/unten und links/rechts) unterteilt werden, sondern auch in vier Abschnitte von nahezu gleicher Größe.

  • Haare bis Haaransatz, beziehungsweise Schädeldecke bis Stirn
  • Stirn bis Augenbrauen
  • Augenbrauen bis Nasenspitze
  • Nasenspitze bis Kinn

Fügt man die Elemente des Gesichts in diese Abschnitte und hält sich an die anatomischen Verhältnismäßigkeiten, hat man zumindest schon einmal eine Konstruktion, die als Gerüst für die weitere Bearbeitung dienen kann und auch schon ansatzweise wie ein Gesicht aussieht.

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Elemente

Wir haben nun beim Porträt zeichnen die Kopfform herausgefunden und die regulären Positionen der Elemente bestimmt – nun müssen wir diese mit unserem Gegenüber, entweder live oder auf einer Fotografie, abgleichen. Im Prinzip ist auch hier nun ein Formfindungsprozess im Gange, denn wir müssen uns sehr genau ansehen, wie die Augen oder die Wangen oder die anderen Elemente bei dieser bestimmten Person funktionieren. Auch hier sollten wir nicht zu detailreich vorgehen, sondern erst einmal gucken, zeichnen, gucken, korrigieren, etc.

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Dreidimensionalität

Hobbykünstler lieben es, Schraffuren und Licht- und Schattenverhältnisse frühzeitig anzubringen, damit das Bild schnell fertig und so „echt“ aussieht – ein grober Fehler, denn bevor man sich dieser Arbeit widmet, muss man überhaupt erst einmal verstehen, wie das, was unter der Haut ist, funktioniert, also Knochen und Muskeln größtenteils. Hierfür hat jeder seine eigene Methode und es gibt auch ZeichnerInnen, die sofort die richtigen Entscheidungen treffen, wahrscheinlicher ist jedoch, dass man sich wieder jeden einzelnen Teil, die Wange, Augenwülste oder die Oberlippe zum Beispiel, sehr genau ansieht und versucht, diesen auch einzeln herauszuarbeiten. Dadurch bekommt das Portrait von alleine eine gewisse Dreidimensionalität, auf der man dann aufbauen kann.

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Ausarbeitung

Sobald das Gesicht von seiner Anatomie her stimmt und sobald die definierenden Eigenschaften des Porträts hinzugefügt wurden, kann man nun endlich auch die Feinheiten ausarbeiten: Wimpern und Pupillen, Fältchen und einzelne Haare und auch die Licht- und Schattenverhältnisse. Beim Schraffieren sollte man darauf achten, nicht mechanisch die Striche zu setzen, sondern wieder sehr genau nachsehen, wie sich die Haut und das Licht und der Schatten darauf zueinander verhalten.

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Üben

Es hilft nichts: Um Porträts zeichnen zu können, muss man viel üben, immer wieder das gleiche Motiv sich vornehmen und mit sich selbst enorm kritisch sein. Zu Beginn geht es vielleicht nicht so sehr darum, dass sich die gezeichneten Personen wirklich ähnlich sehen, es geht erst einmal um die Beherrschung der Arbeitsschritte.

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Übertreibungen

Entscheidet man sich, eine Karikatur anzufertigen, so ist letztlich der beste Kniff, die aufgenommenen Eigenheiten zu übertreiben, zu überziehen und gleichzeitig noch anatomisch korrekt zu bleiben. Man sollte auch aufpassen, mit seiner Witzzeichnung nicht beleidigend zu werden, ansonsten hat man unter Umständen die längste Zeit ein Modell zum Porträt zeichnen gehabt…

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