Platt ist gar nicht platt

Man bemerkt aber auch, dass ich aus einer Stadt stamme, wo Urbanität früh zum Lebensstil gehörte: Chinesen, Portugiesen, Schotten, Brasilianer – ein wildes Völkergemisch bevölkerte die Straßen Bremerhavens. Und nach dem Krieg kamen 40.000 Amerikaner hinzu, von den Auswanderern aus aller Herren Länder gar nicht zu reden. Dementsprechend näherten die Ureinwohner ihr geliebtes regionales Idiom, das Plattdeutsche, dem Wörterbuchdeutschen nach Kräften an, um den Gästen ihre Weltläufigkeit zu zeigen. Mit einem seltsamen Resultat, das unter dem Namen ‚Missingsch' bekannt ist. „Der woar so duhn, der ist schon nach Haus hin tüffelt", hieß es beispielsweise. „Jo, der kann ja auch goar nix mehr ab", lautete eine korrekte der möglichen Antworten. Und zugewanderte Wörter wie ‚Motor' oder ‚Pastor' wurden an der Unterweser grundsätzlich auf der ersten Silbe betont – da war der Bremerhavener ‚stiefköppig'.

Denn hinter seinem Missingsch stand das Plattdeutsche, die Sprache der landwirtschaftlich und handwerklich geprägten Praxis und des gesunden Menschenverstandes rings um Bremerhaven herum. Ihr natürlicher Feind war die Sprache der ‚Studeertn', womit grundsätzlich jeder gemeint war, der einmal ein Gymnasium von innen sah.

Ich liebe diese plattdeutsche Sprache in ihrem Alltagsrealismus. Sie kann mit einem einzigen Wort oft allem hochwissenschaftlichen Täterätä die Luft aus den Reifen lassen. Vor allem aber kann man ‚op platt' herrlich schimpfen, weil die verwendeten Worte eher zum Lachen als zum Zuschlagen reizen. Hier einige meiner Lieblingskraftausdrücke aus einer notwendigerweise unvollständigen Liste:

Quarkbüdel (Nörgler, Kritiker)

Döösbartel (Trottel, Wissenschaftler)

Kloogschnacker (Politiker, Professor – positiv ‚klug' hieße plattdeutsch ‚plietsch')

Kuddelmuddler (Durcheinanderrührer, z. B. ‚Gesundheitsreförmler')

Groffsnuut (Schandmaul, z.B. Dieter Bohlen)

Stummelsteert (kurzatmiger Dröhnschwätzer, bei dem ‚nicht viel nach' kommt)

Schubberjack (Lump, fadenscheiniger Kerl, Spam-Mail-Versender)

Kreihhahn (Öffentlichkeitsarbeiter, Werber)

Ogendeener (Karrierist)

Smeerlappen (Vertreter, Makler, Missionar)

usw.

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