Mein Leben in Träumen…

Es ist fast drei Jahre her. Eine so lange Zeit und doch ging sie an mir vorbei in einer rasanten Geschwindigkeit. Drei Jahre meines Lebens – und ich frage mich, was ich damit angefangen habe. Und ich kann nicht viel finden…

Vor fast drei Jahren trennten sich meine Eltern – meine Mutter zog aus und ließ mich mit meinem Vater allein. Und es wäre untertrieben zu sagen, dass es mir das Herz brach. Bevor ich nach Hamburg kam, lebte ich 1,5 Jahre alleine mit meinem Vater und in dieser Zeit begann es, dass ich mich jeden Tag durch Essen vom Leben, von mir, von der Wirklichkeit, meiner Verlassenheit, meiner Einsamkeit befreit habe. Ich war sehr viel alleine und meine Eltern kümmerten sich eine Weile nur um sich selbst. Ich sperrte mich ein, verschloss mein Herz vor der Welt, vor meinen Freunden. Und so stieg eine Wut in mir auf – habe das Leben zurückgelassen und mich in die Welt der Phantasie, der Träume geflüchtet. Ich war in schmerzlicher Klarheit bei mir und dennoch so unendlich weit von mir entfernt, in einem Zustand, in dem zu verharren unerträglich ist. Aber er ist der Preis für alles, was mir das Leben angetan hat.
Und ich aß, bei der geringsten Traurigkeit, bei der geringsten Berührung mit der Wirklichkeit – immer wenn wieder der Alltag begann, der endlose, öde Tag, die Leere, die Niedergeschlagenheit. Und wenn der Rausch des Essens verflog, grab ich in den Tiefen meiner Seele nach einem verborgenen Schatz – meiner Phantasie. Und ich lebte ein zweites Leben. Nahm es kaum war, wie ich mehr und mehr zunahm, wie mir die Kontrolle darüber entglitt.

Unerträglich schien mir das Leben – doch ich spürte etwas Neues, noch Unbekanntes. Ich wusste es noch nicht zu deuten und dachte nur: Vielleicht ein neues Leben, eine neue Liebe. Und ich fühlte, dass das Neue, was sich ankündigte meine Freiheit ist, meine neue Wirklichkeit, ein zaghaftes neues Ich – unberührt von der Vergangenheit. Doch dieses neue wachsende Ich war nicht für den Alltag gemacht, es ist wie eine Doppelgängerin, um mich von mir selber zu befreien. Und ich glaubte, es sei mein besserer Teil, dort besitze ich den Mut – und ich liebte und fürchtete dieses neue Ich zugleich, aber ich konnte nicht mehr ohne es leben. Dieses zweite Ich kannte niemand außer mir selbst – ich hatte es erschaffen, um mit den Dornen der Welt umzugehen, um meinem Schmerz zu entfliehen.

Und ich erinnere mich, wer ich war, bevor mir dieses Schicksal widerfahren ist: Ich war das brave kleine Mädchen, dass es allen recht machte, das jeder lieb haben muss, weil ich so freudig gehorchte.
Auf allen Fotos strahle ich. Nur tief drinnen, allen Augen verborgen, lebt der Schmerz weiter.

Was bleibt, außer dem konstruierten Ich? Spiegelungen meiner selbst, meiner Träume und ich erschrak, als ich erkannte, dass das Leben die anderen führen, es ist wie ein Film, dem ich zuschaue, und auch ich selbst komme darin vor, doch ich fühle nichts, es bleibt windstill, das Leben kann nicht herein. Es kann nicht herein in meine errichtete Welt, die nur aus Träumen besteht. Ich kann nichts spüren, es bereitet mir einen wütenden Schmerz.
Es ist so furchtbar, so furchtbar was mit mir geschehen ist, ich schaue in den Spiegel und erkenne mich nicht. Bin das wirklich ich? Ich bin dick geworden, keine Leichtfertigkeit mehr in meiner Ausstrahlung, das Lächeln kleinlich, die Augen zerbrechlich. Und ich stehe am Rand mit unbestechlichem Blick und verwandel das Leben in Bilder der Phantasie. Dort habe ich das letzte Wort, dort ist alles gut. Dort bin ich schön.
So lange Zeit habe ich immer wieder die Wirklichkeit vertauscht, immer wieder das Leben vernichtet im Namen der Phantasie. Allein mit meinen Gedanken, meinen Träumen war ich glücklich.

Doch irgendwie bin ich aufgewacht – ich habe erkannt, dass weder meine Seele noch mein Herz allein von Träumen leben kann – ich traf Menschen, die mir das klar machten, einfach durch ihre Art mich anzusehen. Es gibt nichts, was ich ihnen sagen könnte, aber es ist die Liebe, die Freundschaft – die einem das Leben geben. Und so sehr ich mich davor fürchte, so sehr ich angst habe mich in den großen Weiten der Wirklichkeit zu verlieren – weiß ich, dass es der einzige Weg ist.

So stehe ich hier, nach 3 Jahren. Und betrachte mich im Spiegel. Das Lächeln wirkt echter, meine Augen glänzen wieder. Es ist noch ein weiter Weg – aber ich will meine Träume Wirklichkeit werden lassen.
Der erste Schritt war meine Selbsterkenntnis,
nun werde ich beginnen abzunehmen. All die überflüssigen Pfunde, unter denen ich meinen Schmerz verstecke. Und ich weiß, dass mit jedem Kilo weniger ein Stück von dem Schmerz vergehen wird. Ich weiß, dass ich soweit bin. Und ich habe alle Hilfe, die ich brauche. Ein Lächeln meiner Freunde und ich bin zurück in der Wirklichkeit.

Auch wenn das Träumen noch nicht endgültig vorbei ist, kämpfe ich dagegen an. Und mein zweites Ich wird verblassen mit der Zeit. Und dann verschmilzt die Wirklichkeit mit den Träumen.
Es wird lange dauern, das weiß ich. Aber ich habe Zeit. Ich will zu mir zurück finden, ich will wieder leben!

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