Klein und arm ? Kinderarmut in Deutschland

2,5 Millionen Kinder sind in Deutschland von Armut betroffen. Diese Zahl schwirrte vor kurzem erneut durch die Medienlandschaft. Sie wird kaum einen politisch Verantwortlichen richtig bekümmert haben. Wie so häufig. Kinder haben nun mal keine so starke Lobby wie diverse Wirtschaftsbranchen, die Arbeitgeberverbände oder die Gewerkschaften.

Hartz IV habe die Lebenssituation vieler Kinder eindeutig verschlechtert, so Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes. Vor Inkrafttreten der Arbeitsmarktreform haben rund 1,15 Millionen Kinder auf Sozialhilfeniveau gelebt. Gegenwärtig gehören 2,2 Millionen Minderjährige sogenannten Bedarfsgemeinschaften an, leben also in relativer Armut. Hinzuzuzählen sind rund 350.000 Kinder, denen Unterstützung nach dem Asylbewerberleistungsgesetz gewährt wird, sowie die Kinder, die aus „Ein-Euro-Job-Familien“ stammen.

Demnach wäre mindestens jedes sechste Kind in Deutschland arm. Die Dunkelziffer liegt gar bei mehr als drei Millionen Kindern. Drei Millionen Kinder, deren Leben von Armut gezeichnet ist!

Folgerichtig mahnte Heide Simonis, Vorsitzende von UNICEF Deutschland, dann auch letzte Woche auf einem in der Berliner Akademie der Künste abgehaltenen Forum: „Massenhafte Kinderarmut in Deutschland bedeutet massenhafte Ungerechtigkeit und Benachteiligung – in der Schule, bei der Ausbildung, bei Ernährung und Gesundheit. Dies darf nicht länger als unabänderliche Tatsache hingenommen werden.“

Mit seiner Presseerklärung vom 29. August 2006 hat der Deutsche Kinderschutzbund erneut versucht, die öffentliche Aufmerksamkeit auf das bedrückende Problem der Kinderarmut zu lenken. Das Forum „Ausgeschlossen – Kinderarmut in Deutschland“, in dem neben dem Kinderschutzbund auch UNICEF und das Bündnis für Kinder aktiv sind, fordert mehr politisches Engagement bei der Bekämpfung der Kinderarmut. Und das aus gutem Grund. Denn:

Kinder sind häufiger arm als Erwachsene. Unter den Heranwachsenden ist die Armut in den letzten Jahre deutlich schneller gestiegen als allgemein in der Bevölkerung. Von Armut besonders betroffen sind Kinder alleinerziehender Mütter. Fast 40 Prozent von ihnen sind relativ arm.

Kinder, die in Armut aufwachsen, haben weniger Bildungschancen. Geringes Einkommen und niedriger Bildungsstand der Eltern wirken sich ohne Frage auf den Schulerfolg der Kinder aus. Kinder aus benachteiligten Familien werden von ihren Eltern häufig nicht genug gefördert und motiviert, so dass sie gegenüber anderen Kindern in der Leistung zurückfallen und öfter die Schullaufbahn ohne Abschluss beenden.

Kinderarmut exkludiert. Kinder, die unter ökonomisch schwierigen Verhältnissen groß werden, verfügen über sehr viel weniger Möglichkeiten, sich am sozialen und kulturellen Leben zu beteiligen als viele ihrer Altersgenossen aus den „besseren Kreisen“. Ihnen sind viele Freizeitaktivitäten verwehrt. Sie können beim Konsum nicht mithalten, tragen keine Markenkleidung und besitzen keine prestigeträchtigen Elektro-Geräte (Handy, Playstation Portable, iPod und dergleichen). Sie finden daher weniger soziale Anerkennung.

Armut beeinträchtigt die Gesundheit der Kinder. Kinder aus benachteiligten Familien ernähren sich meist schlechter und einseitiger als viele ihrer Altersgenossen. Sie neigen zu hohem Fernsehkonsum, sie treiben weniger Sport und zeigen auffällige Defizite bei Fein- und Grobmotorik sowie in ihrem sprachlichen Ausdrucksvermögen. Aber nicht nur ihre gesamte körperliche und geistige Entwicklung wird beeinträchtigt.

Kinderarmut macht weniger selbstbewusst und zukunftsgläubig. In einem von Wohlstand geprägten Land arm aufzuwachsen ist psychisch sehr belastend. Vieles von dem, was die benachteiligten Kinder tagtäglich vor Augen haben, bleibt für sie unerreichbar. Ihre Eltern stehen ihnen nicht als Vorbilder für eine rosigere Zukunft zur Verfügung. Von ihnen können sie sich nicht abgucken, wie sie ihre persönliche Situation eines Tages zum Besseren wenden könnten. Das Gefühl, minderwertig, gar überflüssig zu sein, macht sich unter ihnen breit.

Was müsste politisch in die Wege geleitet werden, um den zunehmenden sozialen Ausschluss einer großen Anzahl von Kindern und Jugendlichen baldmöglichst zu stoppen? Der Deutsche Kinderschutzbund stellt klare Forderungen an die Politik:

(1) Die Überwindung der Kinderarmut muss genauso wie der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit absolute Priorität haben. Vonnöten ist ein Aktionsplan mit konkreten Zielvorgaben, den die Bundesregierung zu erarbeiten hätte.

(2) Die Kinder- und Familienpolitik muss bei den schwächsten Familien ansetzen. Zu den Maßnahmen gehört die Sicherung eines angemessenen Existenzminimums. Den Kindern wäre demzufolge eine Art Grundsicherung zu gewähren, unabhängig von der Erwerbssituation der Eltern.

(3) Zudem müssen die Betreuungsangebote für alle Kinder weiterentwickelt werden. Eine wirksame Armutsprävention hat zuallererst in den Kindertagesstätten und den Schulen zu greifen: zum Beispiel durch die Schaffung von gebührenfreien Kindergartenplätzen und den Ausbau von Ganztagsschulen. So können armutsbedingte Lern- und Verhaltensschwierigkeiten leichter behoben werden, und Alleinerziehenden wäre es eher möglich, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.

(4) Kinder mit Migrationshintergrund benötigen gezielte Förderung und Unterstützung von klein auf.

Nach einer Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist die Kinderarmut nicht überall gleich hoch. Zwischen einzelnen Städten und Regionen sind gewaltige Unterschiede zu verzeichnen, besonders zwischen dem Osten und dem Westen der Republik. „In Westdeutschland beträgt die Kinderarmutsquote 12,4 Prozent, in Ostdeutschland 23,7 Prozent“, heißt es in der Studie. „In etlichen Städten wird sogar die 30-Prozent-Marke deutlich überschritten. Auch in Westdeutschland sind für einige Städte erschreckende Zahlen zu registrieren. Eklatante Beispiele aus Ost und West sind: Berlin (29,9 Prozent), Schwerin (34,3), Görlitz (35), Halle (34,6), Offenbach am Main (28,7) im bayerischen Hof (20 Prozent), Pirmasens (25,3), Bremerhaven (38,4), Kiel (29,6), Hamburg (20,4).“

20,4 Prozent Armutsquote in Hamburg – das sind 49.800 Kinder, die auf Sozialhilfeniveau leben! Und 29,9 Prozent in Berlin – das sind 126.300 Kinder! Was für unfassbar hohe Zahlen, die viele empören dürften. Aber Maßnahmen gegen die Verarmung werden nicht ergriffen. Wahrscheinlich schließen viele einfach die Augen vor dieser unangenehmen Tatsache oder weigern sich schlichtweg, anzuerkennen, dass die Armut ganz besonders unter Kindern grassiert. Wie der Leiter des christlichen Kinder- und Jugendwerkes „Die Arche“ Bernd Siggelkow in einem Interview mit „Spiegel Online“ sagte, gebe es kaum Verständnis für Armut in unserem Land. Darin dürfte das wahre Problem bestehen.

Man kann Heinz Hilgers vom Deutschen Kinderschutzbund nur zustimmen: Kinderarmut ist eine Schande für Deutschland. Wer indes meint, da werde auf hohem Niveau gejammert, der irrt. In Deutschland arm zu sein ist etwas anderes als in Brasilien, Burkina Faso oder Indonesien zu den Mittellosen zu zählen. Das stimmt schon. Nur erleben Kinder ihre Armut in einem reichen Land besonders schmerzlich. Ständig müssen sie erfahren, dass sie sich nicht so viel leisten können wie andere und dass ihnen so manches unzugänglich und fremd bleibt, das für andere ganz selbstverständlich zum Leben dazugehört. Der soziale Ausschluss führt dazu, dass sich die Kinder als minderwertig empfinden.

Am 20. September ist Weltkindertag. Wie im letzten Jahr vor dem Brandenburger Tor werden auch diesmal wieder viele Kinder „Krach schlagen“. Damit die werten Damen und Herren Volksvertreter endlich aufmerken und sich der Sorgen und Nöte der jüngsten Bürgerinnen und Bürger unseres Staates annehmen. Dann werden sie sich vielleicht in Erinnerung rufen, was ihnen eigentlich klar sein sollte, nämlich, dass die beste Sozialpolitik eine Politik ist, die die Kinder als kleine Erwachsene ernst nimmt, die zu Recht darauf pochen, dass in ihre Zukunft investiert wird.

Eine von der Arbeiterwohlfahrt in Auftrag gegebene Längsschnitt-Studie über die Folgen der Kinderarmut kommt zu dem nachvollziehbaren Schluss: „Was heute Millionen kosten, spart morgen Milliarden.“ Will sagen: Lieber jetzt Millionen gezielt gegen Armut einsetzen, als zukünftig Milliarden für Arbeitsmarktpolitik, medizinisch-psychiatrische Behandlungen, Kriminalitätsbekämpfung und Resozialisierung ausgeben zu müssen.

Arm zu sein heißt arm an vielem zu sein und auf vieles verzichten zu müssen. Arm zu sein bedeutet aber überhaupt nicht, arm an Würde zu sein. Damit gibt es noch ein gewichtigeres Argument als das vorausschauende Kostenkalkül: die Würde der Kleinen, ihr unveräußerliches Recht auf ein Leben in Würde und ein beschütztes Dasein, das ihren besonderen Bedürfnissen gerecht wird und das ihnen von Anbeginn die soziale, ökonomische und kulturelle Teilhabe am gesellschaftlichen Ganzen gestattet.

Eine Meinung

  1. Krasse Gegensätze zeichnen ein Land, das schwerfällig nach seiner Zukunft sucht. Während nach einer aktuellen UNICEF-Studie sich die Anzahl der in Armut lebenden Kinder seit 2004 auf 2,5 Millionen verdoppelt hat, wird der Wehretat für 2007 um 480 Millionen aufgestockt. Ein recht ‚uncooler‘ Vergleich, nicht aus einer Bananenrepublik, sondern mitten aus Deutschland.Arm inmitten des Reichtums

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