Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“: Mehr als das Porträt einer Lehrerin

Vielleicht war es ein Leben in stetiger Anpassung, erst an das System der DDR, dann an den Westen. Vielleicht ist es das Leben in einem vergessenen Winkel von Mecklenburg-Vorpommern. Vielleicht ist es der Versuch, das chaotische Leben zu zähmen.

Herausgekommen ist bei dieser Konstellation jedenfalls Inge Lohmark, eine überkorrekte, strenge, emotionslose und fast prüde Biologie-Lehrerin am Charles-Darwin-Gymnasium.  Sie lebt was sie unterrichtet: das Leben als darwinistischer Überlebenskampf der steten Anpassung. Wer sich nicht anpasst verliert, wer Gefühle zeigt schwächelt. Auch ihre Ehe ist ein Mittel zum Zweck des Überlebens. 

Das Chaos übernimmt oder Der Hals der Giraffe reicht nicht bis zum schmelzenden Gletscher

Doch so kurz vor dem Sommerferien, bei brütendener Hitze, einer schwitzenden Stadt und wilder Vegetation schleicht sich auch nach und nach das Unkontrollierte der Evolution in Inge Lohmarks Leben. Ihre Klassifizierungen halten der überwuchernden Natur nicht mehr Stand und das Chaos beginnt ihr Leben zu bestimmen. Genau dieser Wendepunkt ist es, der einen Autor zum Einknicken verleiten würde. Nicht so Judith Schalansky. Die Autorin, die selbst in Greifswald geboren wurde, hält eisenhart die Perspektive der Biologie-Lehrerin durch und durch diese messerscharfe, schematische, fast klinische Sprache erfasst der Leser nicht nur deren Weltsicht, sondern erlebt mit ihr, wie diese Weltsicht angesichts von Klimawandel, Landflucht und demographischem Wandel nach und nach zerbröckelt. Schmelzende Gletscher, eine alternde Gesellschaft und leere Schulen – Darwins Regeln wirken bei dieser Anti-Evolution wie leere Worthülsen.

Der Hals der Giraffe: der etwas andere Bildungsroman von Judith Schalansky

Worthülsen, die Judith Schalansky übrigens meisterhaft in Worte fassen kann. Wenn sie von den „Schwimmbadaugen“ der Schüler schreibt oder von Klassenarbeiten, die wie „katzenerlegte Mäuse“ aufs Pult gelegt werden, dann erzeugt sie dadurch starke Bilder – eine weitere Interpretation dieses Bildungsromans. Dieser ist aber auch im wahren Wortsinn ein bebilderter Roman, dem Schalansky Illustrationen der Evolutionsgeschichte (Fliegen, Pantoffeltierchen, Quallen) hinzugefügt hat. Sie selbst sagt von sich, dass sie collageartig schreibt, ihre Bilder in Schrift fügt. Nach ihren illustrativen Werken wie „Blau steht dir nicht. Matrosenroman“ oder „Der Atlas der abgelegenen Inseln“ legte sie mit „Der Hals der Giraffe“ in diesem Jahr ihr bisher linearstes Werk vor – und beeindruckte damit nicht nur die Kritiker, sondern schaffte es auch auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. 

Eine Meinung

  1. Das ist sehr stark interpretiert und unglaublich treffend zusammengefasst! Danke!

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