Hubert Fichte: Die zweite Schuld

Fichtes Interviews mit Weggefährten aus der Anfangszeit des literarischen Nachkriegslebens in Berlin, aus der Hexenküche des Literarischen Colloquiums, sind einleuchtende Gegenbeispiele dafür, dass eine Antwort um so sensationeller ist, je draufgängerischer der Frager rangeht, je rücksichtsloser. Anders Fichte. Wenn Elfriede Gerstl am Ende des Gesprächs über eigene sexuelle Fantasien und die Verstocktheit Ingeborg Bachmanns erklärt, mit niemand sonst hätte sie diese Dinge besprochen, weißt du Bescheid. Fichte kann das, Fichte darf das. Mit Walter Höllerer die Kollegen dissen (Grass ("ist im Wohlstand"), Jünger ("ein schlechter Schriftsteller")). Nicht dass Höllerer dazu neigte. Und Hesse Respekt zollen. Das Zuhörergebaren bei Bachmann- oder Celan-Lesungen (bloß nicht husten). Das literarische Leben kriegt sein Fett ab, der akademische Alltag. Das kulturelle Nachkriegsberlin erscheint in dieser sympathischen Mischung aus elitärer Verschrobenheit und Halbwelt, wie sie die Kneipen zwischen Ku'damm und Kantstraße bis heute konserviert haben. Vor diesem Hintergrund zielen Fichtes sehr persönliche Fragen und Aufzeichnungen auf die Deutung der hochsensiblen Machtverhältnisse im literarischen Betrieb, das Selbstverständnis als junger homosexueller Schriftsteller und die Rolle der Literatur im moralischen Bildungsprozess nach 1945.

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