Happy Family

Gerade eben saßen Anne und ich gemeinsam bei ihr vor dem Fernseher. Eigentlich hatte ich ihr nur die Zeitung (TV natürlich!) mit hochbringen wollen. Na ja, und außerdem mal nachhören, was denn auf einmal los ist. Gelandet sind wir aber irgendwie im Nachmittagsprogramm von VOX. Zunächst stehend vom Flur aus, dann gemütlich auf der Couch. Diese himmlische Familie, schon mal reingesehen? Lassen Sie es lieber, es ist eine Katastrophe.

Selten habe ich derart gestelzte Dialoge gehört. Hochkomplex verschachtelte Sätze mit wenigstens vier Kommas aus dem Mund eines höchstens zwölfjährigen Mädels. Wer um Himmels Willen hat das denn geschrieben? Oder aber übersetzt, obwohl ich nicht wirklich glaube, dass es nur daran liegen könnte. Andauernd hängen die Mitglieder dieser himmlischen Familie, deren genauen Zusammenhang ich auf Anhieb nicht durchschaut habe, am Telefon, um einander zu erklären, was sie denken, dass jemand anders denken oder gar tun könnte. Möglicherweise. Wenn nicht alles auch ganz anders sein könnte. Vielleicht. Da muss doch die Syntax durchdrehen. Wir sehen also eine Art Stille Post, Anne und ich. Und es dauert nicht lange, da lachen wir uns tot.

Was soll man auch sonst machen? Vor einem derart perfekten Familienleben? Von soviel moralischer Wucht getroffen? Anne erzählt mir, dass in der himmlischen Welt, derer ich gerade teilhaftig werde, Sex vor der Ehe ein ganz selbstverständliches Tabu ist. Auch bei den Kindern, ganz besonders bei denen. Außerdem sind Alkohol und Nikotin wesentlich schlimmer als richtig harter Stoff. Vermutlich aber nur, weil es letzteren in dieser Welt natürlich gar nicht erst gibt. Und Lügen und Geheimnisse, also das, was eine deftige Familiensaga eigentlich erst ausmacht, sind dummerweise auch total verpönt. Wie furchtbar. Wie langweilig.

Ich sehe also eine Folge, in der ein Kind in einem stecken gebliebenen Aufzug eines Kaufhauses geboren wird. Irgendwie dreht sich die ganze Handlung dann so, dass die komplette Familie sich rechtzeitig zum Empfang des neuen glücklichen Familienmitgliedes zur Stelle ist. Meistens natürlich via Telefon, dieser göttlichen Maschine. So ist es ja auch am einfachsten. Außerdem sind noch eine Menge anderer Leute da, der Opa des Babys ist schließlich Gemeindepastor, wenn ich das richtig verstanden habe. Applaus! Applaus! Wenn das mal kein grandioses Willkommen ist auf dieser Welt.

Das Neugeborene, das schließlich präsentiert wird, ist ganz offensichtlich bereits gebadet und gepudert. Obwohl es gerade aus dem Aufzug kommt. Außerdem ist es vollkommen angezogen, es trägt sogar, als lang erwartetes Mädchen, ein passendes rosa Mützchen. Die dazugehörige frischgebackene Mama ist ebenfalls hübsch frisiert und gar nicht erschöpft oder sonst wie beeinträchtigt. Alle sind glücklich, der Opa, die Oma. Der Papa natürlich, der es noch gerade rechtzeitig in den Aufzug geschafft hat. Und die Geschwister der Kindsmutter machen sich in kompliziert zusammengeschraubten Sätzen Gedanken darüber, ob und wie sie vielleicht auch einmal Kinder zu haben gedenken, wenn sie denn erst einmal verheiratet seien, mit dem richtigen Partner natürlich, irgendwann in der Zukunft, wenn sie denn soweit seien.

Wie komisch. Anne und ich sind uns einig. Das muss Slapstick sein. Was sonst?

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