Handeln oder Nichthandeln?

„Du weißt gar nicht, was ich alles erlebt habe", sagte die Frau meines Cousins oft zu mir, „wenn ich dat allet mal aufschreiben würde, woll, dann wär' dat'n dicket, spannendes Buch". Ähnlich wie sie überschätzen viele, die noch nie geschrieben haben, die Macht der realen Ereignisse und der Handlung. Erzählung ist aber keine Nacherzählung.

Im Grunde lässt sich die erzählende Literatur in zwei Kategorien teilen. 1. In solche, die allein Wert auf die Handlung legt: Von Jerry Cotton über Karl May und den Herrn der Ringe bis hin zu Rosamunde Pilcher. 2. Und in solche, die vor allem die innere Entwicklung (oder die Nichtentwicklung) einer oder mehrerer Personen ins Zentrum stellt. Darauf aufbauend könnte man auch flapsig formulieren: «Handlung ist für Doofe», ist Trivialliteratur. Obwohl es Zwischenformen gibt wie bspw. Henning Mankell, der bei aller Handlung dem Innenleben seines Kommissars Wallander großen Raum gibt, was dann zusammen mit den Schnetzelarien den besonderen Reiz und Erfolg dieser Krimis ausmacht.

Denke ich aber an die „großen Romane", so passiert oft kaum etwas: Im „Zauberberg" liegen die Protagonisten auf den Balkons des Sanatoriums herum und reden, reden, reden. In Hemingways „Fiesta" treibt sich die „Lost Generation" in ununterscheidbaren Pariser Cafés und Nachtbars herum und redet, redet, redet. Am Ende sind sie dann gerade mal bis Pamplona gekommen. In Döblins „Alexanderplatz" dreht sich Franz Biberkopf 500 Seiten lang wie ein Hamster im Rad und will in seiner Blödheit nicht akzeptieren, dass er sich dem Schicksal und dem Zerbrochenwerden beugen muss. In Brochs „Tod des Vergil" stirbt der antike Dichter 24 Stunden lang höchst erbaulich vor sich hin. Die Ludenwelt in Jean Genets „Notre Dame des Fleurs" findet sich zu Anfang im gleichen Knast wie am Schluss des dicken Romans. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen – Tolstois „Krieg und Frieden" etwa oder Entwicklungsromane wie den „Grünen Heinrich", aber im Allgemeinen spielt die Handlung bei den begnadeten Erzählern lange nicht jene Rolle, wie wir sie im naiven Vorverständnis erwarten konnten.

Auch in Blogville gibt es einige Menschen, die sich durchaus „literarisch" betätigen. Sie machen dann meist das, was alle Schriftsteller – im Gegensatz zu den Journalisten – machen: Wo der Journalist nur das zeigt, was die Menschen tun, da zeigt uns der Schriftsteller mehr, nämlich das, was sich im Kopf der Menschen tut. Und zwar so, dass wir es «verstehen» , also empathisch nacherleben können. Bzw. zeigt uns der Autor, wie er aus den Gesten und den Worten der Menschen auf das zurückschließt, was sich im Kopf der Menschen tut. Dann lehrt er uns Menschenkenntnis. Schöne Beispiele dafür finden sich regelmäßig drüben bei der Dame am Tresen der Blogbar …  

4 Meinungen

  1. Selten las ich eine so aussagekräftige Inhaltsangabe wie die über Alexanderplatz von Döblin. Gibt es da eine eigene Rubrik?

  2. Selten las ich eine so aussagekräftige Inhaltsangabe wie die über Alexanderplatz von Döblin. Gibt es da eine eigene Rubrik?

  3. Sollte ich vielleicht mal drüber nachdenken: Inhaltsangaben großer Romane in einem Satz …;-)

  4. Hey, das ist eine echte Marktlücke. Heute sind ja sogar Kondensbücher zu zeitaufwendig. Verschicke deine Buch-in-einem-Satz-Sentenzen über einen kostenpflichtigen SMS-Dienst, und die statushungrigen Partypeople werden dir Millionen einbringen 😉

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