Ex 3, 14 oder: Wie Gott sich selbst zum letzten Grund der Welt erklärt

Die katholische wie auch die nicht-katholische Öffentlichkeit hat Papst Benedikt XVI. als kompromisslosen Theologen kennengelernt. Wie kein anderer Theologe hat er den Wahrheitsanspruch des Christentums gegen die Moderne verteidigt und dort, wo es ihm möglich war, erneuert und bekräftigt.

Als die römisch-katholische Kongregation für die Glaubenslehre im Jahr 2000 die Erklärung Dominus Jesus »Über die Einzigkeit und die Heilsuniversalität Jesu Christi« veröffentlichte, ging seinerzeit ein Aufschrei der Empörung durch die moderne Welt. Diese Erklärung wurden in weiten Teilen der Weltöffentlichkeit als Dokument der Intoleranz und religiösen Arroganz verurteilt.

Doch ihr Präfekt Joseph Kardinal Ratzinger sah keinen Anlass, von dieser Erklärung auch nur einen Deut abzurücken.

In seinem Buch "Glaube – Wahrheit – Toleranz;Das Christentum und die Weltreligionen" – 2003 im Herder Verlag erschienen, erfahren wir auch den Grund hierfür: "Der katholische Christ konnte da nur in aller Demut die Frage stellen, die Martin Buber einmal einem Atheisten gegenüber formuliert hatte: Wenn es aber wahr ist? So zeigt es sich, daß die eigentliche Problematik hinter all den Einzelfragen in der Frage nach der Wahrheit besteht."

Diese Erklärung ist in der Tat von der erfrischender Direktheit!

Und diesen einfach unterstellten Wahrheitsanspruch des Christentums wird Joseph Kardinal Ratzinger bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bietet, proklamieren. In all diesen Proklamationen spielt auch für ihn der Gottesbegriff wie auch die Frage nach der Existenz Gottes eine Schlüsselrolle, nicht zuletzt deswegen weil er sich von seinem theologischen Hintergrund her mit fundamentaltheologischen Fragen intensiv auseinandergesetzt hat. Sie ziehen sich seit fast fünfzig Jahren als roter Faden durch seine wissenschaftliche Tätigkeit als Theologe.

Als er 1959 auf den Lehrstuhl für Fundamentaltheologie in Bonn berufen wird, setzt er sich in seiner Antrittsvorlesung daher keineswegs zufällig mit dem Verhältnis von Vernunft und Glauben auseinander, denn genau dieses Verhältnis ist eines der zentralen Themen der Fundamentaltheologie. Der Titel seiner Vorlesung: "Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen – Ein Beitrag zum Problem der theologia naturalis". Und auch in dieser Vorlesung geht es nicht nur um das Verhältnis zwischen dem biblischen Gott und dem letzten Grund der Wirklichkeit, sondern auch um das Bemühen, eine rational begründbare Beziehung zwischen beidem herzustellen. Wie in Thread Two nachzulesen ist, ist die Etablierung gerade dieser Beziehung außerordentlich schwierig – und es ist sicherlich nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass sie bis heute nicht wirklich rational überzeugend geglückt ist. Und wir werden sehen, dass auch Papst Benedikt XVI bei der Etablierung dieser Beziehung so seine Mühen hatte.

Bereits zu diesem Zeitpunkt – am Beginn seiner Karriere – wird der dynamische, theologische Stil sichtbar, der das gesamte theologische Wirken von Papst Benedikt XVI kennzeichnet: "Der christliche Gottesglaube nimmt die philosophische Gotteslehre in sich auf und vollendet sie. (…) Der Gott des Aristoteles [der Gott der Philosophen] und der Gott Jesu Christi [der Gott des Glaubens] ist ein und derselbe. Aristoteles hat den wahren Gott erkannt , denn wir im Glauben tiefer und reiner erfassen dürfen…"

Für jemanden, der ein gewisses Problembewusstsein für Fragen der Philosophie entwickelt hat, ist dieses eine ungeheuere Behauptung, denn sie verbindet zwei Gottesbilder, die eigentlich unvereinbar miteinander sind.

Welche Unvereinbarkeit ist das?

Es ist in Kürze diese: Der Gott des Glaubens hat einen Namen – er ist eine Person, die angerufen werden kann. Der Gott der Philosophen hingegen ist apersonal: Er ist das Absolute – der letzte Grund der Welt. Wie also kann man rational begründen, dass das Absolute der Absolute ist?

In dem II. Teil seiner Vorlesung legt der Papst eine ungewöhnliche Lösung für dieses Problem vor; ein Problem, von dessen Untiefen er sehr wohl Kenntnis hat. Beurteilen Sie selbst, ob Sie die päpstliche Lösung überzeugend finden.

"… das Wesen des Monotheismus besteht .. darin, dass er es wagt, das Absolute selbst als den Absoluten anzusprechen, als Gott, der zugleich das Absolute an sich und des Menschen Gott ist."

Vielleicht werden Sie sich jetzt verwundert fragen, worin denn nun die eigentliche Begründung besteht. Die Begründung lieferte in der Tat Gott selbst, indem er sich uns als genau diese Einheit "offenbarte". Papst Benedikt XVI bezieht sich hierbei auf eine spezifische Textstelle aus der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel: der sogen. Septuaginta. Es ist nur ein ganz kurzer Textstring, aber theologisch offenbar von einer unerhörten Tragweite: Während die hebräische Bibel den Gottesnamen JAHWE mit den Worten – Ich bin, der Ich-bin übersetzt – setzt die griechische Übersetzung – die Septuaginta – anstelle der zweimaligen Aktivform im zweiten Fall das Partizip; aus dem Ich-bin wird so der Seiende. (Ex 3, 14)

Damit war, wie Papst Benedikt XVI seiner Vorlesung erklärt, eine Entscheidung von unabsehbarer Tragweite getroffen, denn mit dieser Übersetzung war die Synthese von griechischem und biblischem Gottesbild ein entscheidender Ansatz geliefert. Der Umstand, dass Gott sich selbst als den Seienden bezeichnet, verbürgt seiner Meinung nach die Einheit von Schrift und Philosophie und wird zu einer der wichtigsten Klammern, die beides verbindet.

Kurzum: Es ist genau diese ‚zentrale Selbstaussage des biblischen Gottes‘, die es dem Christen erlaubt, das Absolute als den Absoluten aufzufassen. Da es Gott selbst war, der uns dies hat wissen lassen, können wir es wagen, diese Beziehung anzunehmen. [O-ton von Papst Benedikt XVI: "Und freilich kann er solches nur wagen, weil er sich eben von diesem Gott zuerst angesprochen weiß." ] Es gibt also in einem strengen Sinne gar keine rationale Begründung für diese Beziehung. Die Existenz dieser Beziehung legitimiert sich allein aus der gemutmaßten Autorität Gottes – eine Legitimation, die dann und nur dann trägt, wenn man die Bibel als die von Gott selbst geoffenbarte Wahrheit auffasst.

Nächste Woche: Ist die Enzyklika "Fides et Ratio" wirklich der Ruf nach einer modernen Metaphysik?

3 Meinungen

  1. Natürlich. Wenn man nämlich der Bibel Gotteserkenntnis abspricht, die sich letztlich darin – so der christliche Glaube – in besonderer Weise zeigt, dass Gott in Jesus selbst eine Aussage über sein Wesen und den Zugang zu diesem Wesen trifft, dann steckt man in der ratio fest und letztlich wieder in dem Versuch, durch Gottesbeweise sich an die transzendente Seinsweise Gottes anzunähern. Man ist dann in der Gefahr, eigene Wünsche in ein aufgeblähtes Gottesbild hineinzuprojezieren. Denn mit der ratio allein tut man sich schwer, Gott zu erkennen. Ob alles jedoch von einer einzigen Bibelstelle abhängig gemacht werden kann, ist zu hinterfragen. Vielmehr scheint es um die Gesamtheit der Aussagen zu gehen.

  2. Es geht in diesem Fall um das Gottesverständnis der römisch-katholischen Kirche – und die reflektiert ausdrücklich auf die zentrale Bedeutung der ratio.Papst Johannes Paul II. hat in seiner Enzyklika FIDES et RATIO ausdrücklich den Fideismus kritisiert – also die Beschränkung auf den Glauben. Was die Gottesbeweise anbelangt, auch in diesem Fall hat die römisch-katholische Kirche eine dezidierte Position: Sie vertritt die Auffassung, dass die Existenz Gottes durch das natürliche Licht der Vernunft erkannt und bewiesen werden kann. Auch in diesem Punkt sind die Texte, wie z.B. der katholische Katechismus oder das Buch von Papst Johannes Paul II – Die Schwelle überschreiten – ebenda: Existiert Gott? – eindeutig.Und ich spreche an dieser Stelle ausdrücklich von Position der römisch-katholischen Kirche. Christen anderer Konfessionen mögen in dem angesprochenen Punkt eine andere Auffassung haben. Ich verstehe meine Kommentare nicht so sehr als Urteile für oder wider gewisse theologische Positionen, sondern lediglich als das Offenlegen und das Transparentmachen dieser Positionen.

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