Der Prophet und sein Land

„Ich, der ich immer so ein guter Deutscher war, habe am Ende dieses deutschen Sommers beschlossen, aus Deutschland wegzugehen", lässt er uns wissen und holt zum Rundumschlag aus. „100 Zeilen Hass" heißt die wiederbelebte Kolumne, in der Herr Biller sich müht, mit Hilfe „klassischer" Aufmerksamkeits-Erzeugungs-Begriffe („Israel", „Hitler", „Juden", „Nazis") Funken sprühen zu lassen. Die Fahnenschwinger bei der Fußball-WM stoßen ihm genauso auf wie die Günter-Grass-Diskussion und die Berichterstattung vom Libanon-Krieg. Die ihm wohl logisch erscheinende Konsequenz: "Ich werde dorthin ziehen, wo Autobusse in die Luft fliegen und Katjuschas vom Himmel regnen".

Was steckt dahinter? Das schlechte Wetter? Oder ist er etwa enttäuscht von der deutschen Rechtsprechung? Braucht sein Image als Reizfigur neue Polemik-Nahrung? Oder ist das am Ende doch alles nur Teil des aufgeblasenen und ach so berufsjugendlich-provokativenen TEMPO-relaunch-Marketings?

5 Meinungen

  1. Hallo Frau Naster,eine Frage: Haben Sie den Text Billers gelesen? Komplett? Klingt nicht so. Sie zitieren nur die Stellen, die auch ich aus der Pressemitteilung kenne. Wäre ja eine Information wert, klar. Aber ein Urteil wie „Polemik-Nahrung“ sollte doch auf einem etwas breiterem Fundament stehen. Ich finde, man darf nur über gelesene Texte urteilen. Vielleicht haben Sie recht, glaube ich nicht, aber weiß ich nicht. Habe Billers Stück noch nicht gelesen. Nur die Auszüge, die auch Sie zitierten. Kleinigkeiten: Den Vorwurf „enttäuscht von der deutschen Rechtsprechung“ finde billig und schäbig und die Überschrift „Der Prophet und sein Land“ ist geschmacklos. Soll wohl eine Anspielung sein, auf das gelobte Land, hmmm? „sein Land“? Mann, Mann, Mann.

  2. Natürlich habe ich nicht den ganzen Text gelesen. Mir fehlen die Connections, ihn bereits komplett vorliegen zu haben. Klar, es ist immer ein schnell erhobener Einwand, den ganzen Text nicht gekannt zu haben. Auch einer, der nicht von der Hand zu weisen ist. Aber es ist wohl ein Unterschied, ob man den Umfang der bereits frei gegebenen Stellen aus einem 100-Zeilen-Text beurteilt oder aus 100.000 Zeilen. Mit anderen Worten: Wie anders soll die Kolumne im Ganzen sein, wenn schon so viel davon bekannt ist und alles in eine ähnliche Richtung geht? So viel mehr als die bereits erfolgten Rundumschläge kann man in einer 100-Zeilen-Kolumne dann auch nicht untergebracht haben. -Und wenn man Auszüge einer Kolumne vorab frei gibt, hat man die Wahl der Textstellen auch nicht ganz unbewusst getroffen. Es geht doch wohl um eine Portion Provokation und das Aufgreifen der geschickt lancierten Meldung „Maxim Biller wandert aus“ in anderen Medien. Hat ja auch geklappt. Dass M.Biller gern polemisch schreibt (besonders in TEMPO-Kolumnen), ist ja wohl nicht neu. Dass er im Rahmen seines Esra-Prozesses auf ein anders Urteil gehofft hat, ist eine wertfreie Feststellung, die man nicht ernsthaft zu widerlegen versuchen kann… -Ich finde es einfach reichlich platt, alles in Deutschland doof zu finden, ohne an einer Veränderung konstruktiv mitzuarbeiten, und frage mich, was wohl dahinter stecken mag. Eine eigene Meinung und auch ein wenig Polemik nehme ich mir dabei ‚raus, denn die nämliche scheint mir bei einem Maxim Biller nicht allzu fern. Wahrscheinlich kann er damit besser umgehen als einige seiner Verteidiger. – P.S. Die Überschrift bezieht sich auf ein Sprichwort, wonach der Prophet im eigenen Land am wenigsten gilt. Und ich denke, dass es nicht zuletzt mit dem einem Autoren eigenem Ego zu tun hat, wenn er derart über sein Land mault.

  3. Klar, bei den Stellen und 100 Zeilen ist ein Urteil nicht ganz so gewagt wie bei ein paar Stellen aus einem Roman.Wie auch immer: Vielleicht steckt gar nichts „dahinter“. Weder das „schlechte Wetter“, die „deutsche Rechtsprechung“, das „Image als Reizfigur“ oder „TEMPO-relaunch-Marketings“. Vielleicht fühlt er sich in diesem Land als Jude einfach nicht wohl. Das steht ja eigentlich in den zitierten Sätzen. Und woran das genau liegt, könnte in dem kompletten Beitrag stehen.

  4. Woran das liegt, können Sie bei Spiegel Online nachlesen. Klar, Biller schreibt Meinung. Spiegel Online Hintergrund:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,453133,00.htmlJüdische Schüler fliehen vor Nazis und aggressiven MuslimenVon Jan Friedmann und Björn HengstRechtsextreme Jugendliche und junge Muslime kultivieren einen Hass, der in Deutschland jahrzehntelang für undenkbar gehalten wurde: Sie machen Jagd auf jüdische Mitschüler. Politische Appelle verhallen an vielen Schulen ungehört. „Jude“ wird zum Mode-Schimpfwort.

  5. Ja, das bringt einem das Grauen in Herz und Kopf. -Aber wird sich irgend etwas ändern, wenn man einfach aufsteht und geht?- Und alles von Fußball-Patriotismus über Hitler bis Günter Grass in einen Topf zu mischen und umzurühren halte ich für eher kontraproduktiv.- Vielleicht sind es gerade die Menschen, die im Sommer Fahnen geschwenkt haben, die -einmal aufgerüttelt- solchen Verirrten und Verbrechern wirksam die Stirn bieten können. Aber wenn man wirklich etwas ändern will und es einem um die Sache geht, dann sollte man das Thema gewiss sachlicher angehen. – Daher meine Zweifel und die Gedanken, dass es sich eher um persönliche Gründe handelt. – Aber ich werde (morgen?) gespannt auch die GANZE Kolumne lesen und lasse mich dann gern auch vom Gegenteil überzeugen…

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