Der mit dem Wurm dreht

Vor allem Frauen sind von diesen Strapazen betroffen, sodass sie selber bei einfachen Szenarien wie diesem viel zu schnell in Hektik verfallen könnten: Sie hat gerade mal eine dreiviertel Stunde verschlafen und ihr wird gekündigt, wenn sie noch einmal zu spät kommt, dann will das Balg was zu essen und der defekte Toaster gerät in Brand, die Zeugen Jehovas sind arbeitslos und kommen schon Werktags, sowie der Nachbar von unten, der bemerken will das Wasser durch seine Decke tropft, dort wo ihr Badezimmer mit dem verstopften Abfluß und dem aufgedrehten Wasserhahn liegen müsste, dann klopft der Mann vom Stromwerk wegen vermuteter Zählermanipulation, der Ehemann hat seinen Kater nicht auskuriert und ihm ist ziemlich schlecht, außerdem ruft die Affäre an und die Freundin aus dem Yogakurs will sich die Sado-Maso-Handschellen ausleihen. Fünf Minuten später haben die Zeugen Jehovas den Nachbarn bekehrt, das Stromwerk hat den Hahn zugedreht, das Wasser läuft immer noch, der Ehemann hat in den Toaster gekotzt, die Freundin telefoniert mit der Affäre und das Kind hat in Handschellen sowie andere gewisse Gegenstände gefunden. Nur das Zuspät-Kommen hat sich erledigt, weil die Firma pleite gegangen ist. Ein typisches Beispiel für viel vergeudete Aufregung.

Und was hat es am Ende gebracht? Nur gesundheitliche Nachteile, welche in unserem Leben früh genug auftreten, denn dass es eine Form schon Schlaganfall schon bei Kleinkindern gibt, ist bereits bekannt, wird allerdings nicht als wirkliches Problem wahrgenommen, da gelähmte Babys durchschnittlich und irgendwie auch zwangsläufig weniger Schreien. Füttern muss man sie sowieso, da macht nicht den Unterschied und wenn sie nicht mehr Laufen können, fällt es kaum auf, weil sie es bis dato gar nicht konnten. Doch nicht alles, was für die Kleinen gut ist, wirkt genauso fördernd bei durchschnittlichen Mittvierzigern. Denn zu viel Hektik verursachte nur schnellere Alterung und das verursacht nur ein erhöhtes Risiko auf einen Herzinfarkt. Das ist ein nicht ungefährlicher Kreislauf, da es nicht ungefährlich für den Kreislauf ist.

Doch man darf nicht glauben, wenn man den Kreis ausgelaufen hat und er ausgelaufen ist (da gibt es verschiedene Theorien…), dann wäre die Sache gegessen. Hat man denn nun auch all das überstanden und sich anstandsgerecht den Mund mit Grünzeug und ein wenig Erde vollgestopft, hört es noch längst nicht auf. Denn Dank allgemeiner Dekadenz sowie sonstiger Verwahrlosung der gesellschaftlichen Sitten kommt es auf deutschen Friedhöfen zu dem Phänomen, dass sich die größtenteils ungeschändeten Leichen im Grabe umdrehen. Und wer selbst dann noch unnötige Hektik verbreitet, macht sich auch nach dem Leben nicht gerade viele Freunde in seiner neuen Einzimmererdgeschoßwohnung. Schnell beschweren sich die seit 200-Jahren-Toten über die jungen Spunde der frisch gestorbenen 94-Jährigen und deren jugendlicher Störung der Totenruhe. Von wegen „Schlafen kann man, wenn man tot ist", wie soll das auch gehen bei derartigem Rotationslärm?

Erst Recht sollte man keine wertvollen Herzschläge an die unverständlicher Weise Mitte Dezember herrschende ‚Weihnachtshektik' vergeuden, denn mit einem Herzinfarkt unter dem Tannenbaum zu liegen reicht als Geschenk nur für die Schwiegermutter und für den Rest ist es zwar eine Bescherung, aber keine unbedingt gute, und außerdem begäbe man sich durch den Liegeplatz entsorgungstechnisch auf eine Stufe mit dem Baum. Und wenn der erst Mitte Februar weggeworfen wird hat er zwar in der Zwischenzeit viele unangenehme grüne Pieksdinger verloren, aber so eine Leiche riecht dann doch schon sehr wie die grünlichen Fleischware aus der untersten Schicht des Supermarktkühlregals. Sollten zudem auch noch die häuslichen Mitbewohner mit der langen Schnauze und den zwei großen Zähnen sich in der Zwischenzeit des Gammelfleisches angenommen und den vormaligen Ehegatten und die vormalige Ehefrau abgenagt haben, dann bringt man nur mal schnell die Knochen auf den Müll und schon schreit wieder gleich jeder von Leichenschändung, weil niemand wissen kann, dass hier lediglich Schwiegermutters Geschenk weggeworfen wird, wie eben jedes andere Jahr auch. Also lieber keinen Streß: Weihnachten ist schließlich jedes Jahr. Leider.

Keine Meinungen

  1. Hat man Ihnen die Illusion geraubt, den Glauben an die Ehrlichkeit einer Institution und deren Vertreter? Fallen Sie nicht mehr auf den schönen Schein herein? Kalte Geldgier und Erfolg um jeden Preis, egal, was das Publikum empfindet, wenn es hinter die aufgedeckten Kulissen blicken muss? Das ist denen scheißegal, denn die wissen, es geht ja trotzdem immer weiter, weil es genügend Leute gibt, die sich dennoch halbwegs begeistert zeigen und zuschauen, hinlaufen und zahlen, weil diese es sich persönlich, ohne das, was ihnen bisher so viel gegeben hat, nicht vorstellen können, und sie daher keine deutlichen Konsequenzen zu ziehen und dem Ganzen eine deutliche Absage zu erteilen in der Lage sind. Und weil die Institutionen wissen, wie schnell die Betrogenen vergessen, wird sich nichts ändern, nicht in der Politik, nicht im Sport, nicht in der Kirchengeschichte. Sehen Sie, genau so ging es mir eben mit der Institution Kirche, ihrer Geschichte, ihren Vertretern und ihrem äußeren Schein. Pfui Teufel, wenn man hinter die Kulissen blickt und nur nackte Gier auf Macht, Geld und Einfluss in eigener Sache übrigbleibt.Willkommen in der nüchternen Realität, Herr Conrads, aber ich glaube kaum, dass ein Mann sich ganz von selbst den Schleier vom Gesicht ziehen kann, der allen Ernstes sagt, der Glaube erhebe den Anspruch, die Welt und ihre Zusammenhänge widerspruchsfrei erklären zu können. Diesen Schleier, ach, was sage ich, dieser dicke Schafspelz muss Ihnen wahrscheinlich schon gewaltsam vom Gesicht gerissen werden bei so viel hartnäckiger Verdrängung und Festhalten an der Glaubensillusion eines personifizierten guten Gottes. Aber ich bin ja auch noch da, gell !!

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