Der Macht-Mief ist dem Kunstmotiv sein Brot: AMAZON-NOIR

Witzige Aktion. Könnte man meinen. Der große Bücherklau. Hihi. Selbsternannte Gauner machen viel Spaß und haben ja meist auch ein gutes Herz. Jetzt kann es David Goliath mal wieder so richtig zeigen. Sherwood Forest im WWW. Wer so was doof findet, ist schnell der Spielverderber vom Dienst. Denn die hinter dem Amazon-noir-Coup steckenden Leute von uebermorgen.com aktionieren auch gegen die Übermacht von Google, deren tatsächliche Konsequenzen wir bislang nur mit viel Mühe erahnen können. Das kann man doch nur gut finden. Oder?

Ähnlich wie Google hat auch Amazon zu viel Macht und das kommt einem faktischen Monopol gefährlich nahe. Was Gefahren birgt. Wer nicht nach ihren Regeln spielt, könnte aus dem Programm fliegen und das schnell mal am Girokonto merken. Dazu schnüffeln sie uns ständig hinterher, nerven mit Werbemails und sichern sich Trivialpatente („1-click") und daraus folgende Prozesse gegen Konkurrenten.
Zwischen der Positionierung innerhalb der andauernden großen Internet-Übernahmeblase und kurz vor dem so wichtigen Weihnachtsgeschäft müssen sie sich nun also auch noch mit einem Kunstprojekt beschäftigen, das ihnen von schräg unten ans Bein pinkeln will. Mit dem Geld (10.000€) eines Stipendiums im Rücken soll „the big book crime" starten und unter gewiefter Ausnutzung der search-inside-Funktion ganze Bücher kopieren, um sie dann (offizieller Aktionsstart: 15.11.06) auf der Aktionsseite pdf-„gebunden" zur allgemeinen und (natürlich!) kostenlosen Verfügung zu stellen.
Plastisch gesagt geht also ein Schurke in einen Buchladen, kopiert dort Seite für Seite eines Exemplars und bindet dann unzählige Duplikate. Um sich schließlich vor dem Buchladen damit zu breit zu machen, um sie an die vorbeigehenden Leute auszuteilen. Kann es dafür gute Motive geben?
Okay, es ist Kunst. (Genau wie die Bücherinhalte, die „geraubt" werden.) Es kratzt an brennenden Themen der Zeit und das tut eben manchmal weh. Und kann ein Riesenkonzern wie Amazon nicht einfach darüber lachen? Können wir es? Oder muss es hier ums Prinzip gehen?

Provokation? Ironie? Politischer Feldzug? Kritik? Diskussionsanschub?

Das Internet als rechtsfreier Raum gammelt schon lange auf dem vielzitierten Müllhaufen der Geschichte. Mit Recht. Keine Frage, der Bücherklau impliziert ein lupenreines Copyright-Problem. Aber vielleicht bringt er auch mal wieder etwas Schwung ins Netz. Unabhängig von der relativ klaren Rechtslage bleibt für mich eine moralisch entscheidende Frage: Wem wird damit geschadet?

Zunächst natürlich dem Bücherversandhaus. -Zugegeben, an dieser Stelle kommen mir noch keine Tränen.

Dann der Moral. -Immer schwer messbar, aber nicht völlig zu vernachlässigen. Denn ich bin naiv und glaube noch an so was. Geiz ist nicht immer geil. (Andererseits kann letztlich auch jede Aktion gegen Großkonzerne dieser Art bestens mit Moral-Argumenten begründet werden.)

Aber am Ende des Tages schadet es den Autoren. -Den Bestseller-Schnöseln, aber auch „echten"(?) Künstlern wie es die Urheber der Bücherraub-Aktion wohl selbst sein wollen sind. Und gerade für die „kleineren" Künstler ist das Urheberrecht so wichtig. Und damit auch für uns und unseren Wunsch nach einem möglichst breit gefächerten Bücherangebot.
Natürlich wird der Schaden verschwindend gering sein. Natürlich sind Dinge wie Urheberrecht oder Buchpreisbindung für den Konsumenten auf den ersten Blick nie besonders sexy. Und natürlich darf Kunst alles Grenzen ausloten und dabei auch mal überschreiten.
Doch um blanke Anarchie-Meutereien ekstatisch zu begrüßen, bin ich wohl trotzdem zu alt.

Also fällt es mir schwer nach dem Lesen des kleinen Manifests unserer Gauner-Freunde vom „Big Book Crime" meine revolutionäre Faust in die Luft zu recken und in einen Hurra!-Chor einzustimmen. Aber vielleicht kann ich es leise flüstern und ein spielverderberisches Aber! hinterherschicken.

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