Christian Kracht: New Wave (Teil 1)

Ingo Niermann las. Christian Kracht hockte auf dem Boden und hörte zu. In einer unbequemen Position, fand ich. Seine Kleidung schien eine Spur zu leicht für die Jahreszeit. Rainald Goetz machte unentwegt Fotos. Die Wohnungsgalerie von Ingeborg Wiensowski war gut gefüllt, es gab ein üppiges Buffet. Eine Spur zu üppig für eine Buchvorstellung. Später sah ich Christian Kracht, wie er die Zigarette zwischen den Fingerspitzen balancierte, am äußersten Ende, sehr elegant. Eine Weile habe ich das imitiert. Nachdem mir die Zigarette in Gesellschaft ein paar Mal aus den Fingern gerutscht war, habe ich es gelassen. Fortan rauchte ich wie Michel Houellebecq, die Fluppe locker zwischen Mittel- und Ringfinger geklemmt. Auf der Lesung traf ich einen Bekannten, der mir von Kracht schwärmte. Ein Freund von ihm, sagte er, würde sonst was geben, heute Abend hier dabei zu sein. Ich wußte nicht, was er meinte. Ich fand es quälend. Alexander von Schönburg streichelte seine Verlobte, die Verlobte streichelte einen winzigen Hund, der auf ihrem Schoß saß. Beim Lesen seines Textes (über Bruckner, glaube ich) stockte Schönburg, weil er nicht wußte, wie er das Wort „Scherzo“ aussprechen sollte, das er in den Text hineingeschrieben hatte. Ich schäumte. Vor lauter Aufregung aschte ich in mein halbvolles Weinglas und leerte es dann in einem Zug. Es war grotesk. Krachts Debütroman, den mir eine delikate Freundin aus Freiburg geschenkt hatte, hatte ich bereits Jahre zuvor halb mit Vorsatz, halb aus Schusseligkeit in der Berliner U-Bahn liegen lassen. Erst als mir klar wurde, dass Kracht den meisten Leuten, mit denen er sich umgab, künstlerisch weit überlegen war, habe ich es bereut.

Teil 2 folgt

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