Casper: Hip Hop mit Köpfchen oder überhebliches Hipstergetue?

In Deutschland geboren, in den USA aufgewachsen, nutzte Benjamin Griffey Stift und Notizbuch, um seine Deutschkenntnisse als 11-jähriger Steppke aufzubessern, als es zurück ins Geburtsland ging. Daraus wurde schnell eine Liebe zum Wort, so dass es nicht lang dauerte, bis er zusammen mit Gleichgesinnten die ersten Hip Hop Bands gründete.

Casper – früh übt sich

Um 2006 veröffentlichte er sein Mixtape „Die Welt hört mich“, es folgten Touren durch Deutschland und mehr und mehr Zusammenschlüsse mit den „Guten“ des Hip Hop, etwa Prinz Pi, Shiml und einem exklusiven Auftritt auf Bonusmaterial von Curses Spezialedition zum Album „Freiheit“. Mit seinem Debütalbum „Hin zur Sonne“ aus dem Jahr 2008, damals unterm Label 667 – One more than the devil, gab es von der Hip Hop Vereinigung MZEE (die vor allem den Independent Hip Hop unterstützen) den Preis zum besten Album des Jahres, 2009 folgte der Labelwechsel zu Selfmade Records und 2010 dann die dicken Fische: Four Music nahm sich des Nachwuchskünstlers an, der ehrlich gestanden schon viel zu lange als Musiker unterwegs war, um so betitelt zu werden.

Seit Juli 2011 redet nun ganz Deutschland von Casper, denn das zweite Studioalbum „XOXO“ wurde – dank Majorlabel – gut beworben, vor lauter Interviews, Spezialstories und Festivalauftritten konnte sich Herr Griffey gar nicht mehr retten, die Internetcommunity sowieso nicht, als „neue Generation“ wird er bezeichnet, als jemand, der nicht dem Klischee entspricht. Aber stimmt das wirklich?

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Gefühlvoll und Persönlich – ist das jetzt Emo?

Besonders die sehr persönlichen Texte Caspers werden immer wieder hervor gehoben, wenn er als Rettung des Hip Hop genannt wird, kein Gangsta-Gehabe, wenn dann höchstens ironisch angehaucht, sich selbst bewusst, dass da mehr geht, als nur Bling Bling und egomanische Selbstbeweihräucherung. Mit Songs wie „Der Druck steigt/Blut sehen“ wird er auch gerne mal als „Emo Rapper “ beschimpft, Curse musste sich sowas nie anhören, woran liegt's?

Nun, wer sich durch die Interviews wühlt, der merkt schnell, dass Casper schon in Stimmung sein muss, um ehrlich und vor allem ernsthaft zu antworten, so artet manch ein Interview in Gedaller aus, was natürlich unterhaltsam ist, aber auch mal arrogant herüber kommen kann. Hat deutscher Hip Hop mit Casper den ersten Hipster abgekriegt?

[youtube 5hW1-BdciYo]

Nein, dafür macht er sich zuviele Gedanken, Casper reflektiert sich und seine Szene ist vielleicht auch deshalb „Emo“, weil er eben nicht alles macht, um cool zu sein, sondern vielmehr die Ursprünge des Rap aufnimmt, Selbstreflektion, Innen- und Außenschau, dazu noch Skinny Fit und allzu Dance-bezogene Electrountermalung – der Baggypants-Hopper geht da schnell mal in die Defensive, denn wie sagt man so schön: „Was der Bauer Hopper nicht kennt…“ Da wird auch schnell mal das inflationär missbrauchte „Emo“ herhalten müssen, um das Unverständnis gegenüber den viel zu poppigen Songs in schlechte Worte zu fassen.

[youtube xeMLX5gvscg]

Mauern einreißen

Das Althergebrachte wollte Casper auf „XOXO“ konsequent vermeiden, so dass er Rap-Klischees und müde Crossover-Geschichten kategorisch verbot, stattdessen Indielectro gemischt mit nachdenklichen Raps. Neu erfunden wird hier zwar nicht alles (Audiolith-Fans werden das bestätigen können und auch das Curse Album im Plattenschrank weiß, dass Casper kein Wegbereiter des nachdenklichen Rap ist), aber den Anspruch muss man als Hörer auch nicht an Casper stellen. Es reicht, dass es ehrlich klingt, ambitioniert ist und wenigstens ein paar Mauern einreißen will. So ganz Stellung bezieht er zwar nie, als Politikrapper sieht er sich nicht, dafür weiß er sehr wohl, wo er nicht stehen möchte: keine frauen- oder schwulenfeindlichen Attitüden, keine extremistischen Ansichten, keine überzogenen Gangsterposen. Stattdessen immer öfter mal in Interviews ein wenig zu schnippisch, ob das nun Arroganz oder Überdruss der schlecht vorbereiteten Journalisten ist, solange es nicht Überhand nimmt und am Ende die Inhalte über die Form siegen, kann man zuversichtlich sein, was er sonst noch so mit dem Genre anfängt, dass eigentlich nie tot war, aber immer mal wieder neuen Input vertragen kann.

[youtube JIGM2dZX0CY]

5 Meinungen

  1. Scheint mir mehr auf der neuen neuen deutschen Welle zu reiten als auf hip hop. Klar… ist das irgendwie Sprechgesang, die musikalische Untermalung hingegen ist ziemlich eindeutig vom neuen Deutschen Pop geprägt… Kann mir kaum vorstellen das der von der Klassischen Hip Hop Klientel irgendwie ernst genommen wird… Vergleiche mit Kool Savas erübrigen sich jedenfalls… Dazu ist Casper bei aller Wortgewallt viel zu lieb (und seine Beats zwei Stufen zu Melodisch).

  2. yoooooooo! das is guter rap!!!!

  3. Schön das selbstgeknippste Bild in anderen Blogs zu sehen 🙂

  4. Hi Michel,

    Ich hoffe, das ist ok, wir haben es unter Creative Commons gefunden. Wenn nicht, gib uns Bescheid, dann tauschen wir es auch gerne aus.

    Beste Grüße,

    Juliane

  5. Ich finde bei Musikern/Künstlern wird in vielerlei Hinsicht schlicht vergessen, was sie ausmacht. In Caspers Fall nämlich – wie oben beschrieben – kein überzogenes Rapper Getue, kein arrogantes Gangster-Gequatsche, sondern ein hoher Grad an eigenen Geschichten, eigenen Gefühlen, die er in jeden Song mit einfließen lässt. Probleme aus dem Alltag, die jeder Mensch kennt, aber auch eigene, persönliche Dinge, die er sowohl direkt als auch abstrakt in seinen Songs zeigt. Casper bringt vieles zum Ausdruck, was manch anderer sich nicht zu sagen traut. Noch kein anderer Musiker konnte mich mit seiner Musik so sehr begeistern und mit jeden einzelnen Song eine Palette verschiedenster Gefühle in mir hervorrufen.Das fasziniert mich an Casper und deswegen ist er für mich der beste deutsche Rapper, nicht wegen Punchlines oder irgendwelchen heftigen Beats.

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