Bachmann-Preis 2007: Teil I

Knapp 9 Uhr, das Alpenpanorama auf 3sat wandelt sich langsam in einen Schnitt ins Paralleluniversum Klagenfurt, wo schon jede Menge unausgeschlafene Experten darauf warten, dass es losgeht. Bevor die erste Teilnehmerin beginnt noch schnell eine Frage der Moderatorin an den Fachmann, der ja auch schon mal dabei war: „Wie fühlt man sich in diesem Moment?" Seine Antwort: „Sehr aufgeregt."

Das kann Jagoda Marinic aber ganz gut verbergen. Nach einem leicht angeschrägten Vorstellungsfilm, beginnt sie recht souverän vorzulesen. Ihre Frisur erfordert es, dass sie dabei oft die Haare aus dem Gesicht streichen muss. Es geht um eine verbitterte Bibliothekarin, die ein Plot-freies Leben führt und immer alles weltbewegende verpasst, wie sie sagt. Als sie mal vor die Tür darf, weiten sich natürlich ihre Lungen und sie sieht in Baumkronen hinauf. Es gibt deutschen Regen und Berliner Grau. Sprachlich im Ganzen nicht so richtig schlecht, aber auch überhaupt nicht begeisternd, insgesamt nur flaue Zivilisationskritik, die mich gähnen lässt. Auch die Juroren können sich weder begeistern noch in irgendeiner anderen Richtung ereifern.

Es folgt Christian Bernhardt, der mir zunächst etwas nervöser erscheint. Ein durchaus gut aussehender Mann, der im Porträt, wie auch in seinem Text recht ambitioniert rüberkommt. Wiederum eine Art Zivilisationskritik, diesmal aber politischer. Aber: Absolute Gleichgültigkeit den Figuren gegenüber. Mir ist das alles etwas zu bedeutsam und angestrengt symbolisch. Wenig Interpretationsmöglichkeit, alles ist genau erklärt und alles ist genau so und so gemeint. Also noch mal Durchschnitt. Aber wenigstens die Jury ist zum ersten Mal ein bisschen in Fahrt gekommen.

Dann aber Hoffnung in Gestalt von Jochen Schmidt. Ein erfrischend unprätentiöser Vorstellungsfilm (Autor vor Bücherregal). Beim Text bemerkt man den Vielschreiber, der Freude am Formulieren hat, an Komposition und an wohldosierter Absurdität. Zum ersten Mal dieses Jahr etwas Humor, aber vielleicht winkt hier und da auch mal eine Pointe zu viel. Jedenfalls sind wir im Weltraum und die Liebe ist irgendwie mitgeflogen. Und schon nach kurzer Zeit klingeln die Kathrin-Passig-Glocken. Handwerklich (wie man so schön sagt) ist das ziemlich toll, und es gelingt ihm, das Vorjahressieger-Ding auf ein neues Niveau zu heben. Denn am Ende wird es geradezu anrührend und traut sich, die Distanz auch mal aufzugeben. Ein erster Favorit! Das findet dann auch die Jury.

„Hübsch.", denke ich, als das Vorstellungsfilmchen von Andrea Grill läuft. Auch hier kein übermäßig künstlerisches Bla Bla, sondern ein angenehm altmodisches Porträt. Leider habe ich mit ihrem Text meine Probleme. Zu viel Psycho. Und ich kriege die Person(en) nicht sortiert, was mich vom Wirken-Lassen abhält. Ist es der beeindruckende Lebenslauf der Autorin, der dazu führt, dass ich denke, dass das an mir liegt? Auch die Jury kann mir nicht helfen, sie verreißen den Text, betonen aber teilweise, wie leid ihnen das tut.

Insgesamt ist es mir alles noch zu brav. Nur weil ich diesen Wettbewerb nicht so ernst nehme, erwarte ich noch lange nicht, dass die AutorInnen es mir gleich tun. Im Gegenteil. Sie sollten bitteschön ihr Innerstes nach Außen kehren, statt sich hinter diesem modernen Distanz-Ton zu verstecken, um nur ja nicht persönlich angreifbar zu sein. Auch wenn das derzeit überall so angesagt ist.

Es geht weiter…

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