Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag

Ungarn, Rumänien, Moldawien, Kroatien, die Slowakei, die Ukraine, Albanien. Stasiuk kennt sein Europa, den Teil, wo „das Unbewußte unseres Kontinents“ untergebracht ist, „die Angst, die nachts das schlafende Paris, London und Frankfurt am Main heimsucht“. Die 160 Stempel in seinem Paß und die Ergebnisse seiner kindlichen Knipserei, die er von seinen fluchtartigen Reisen mitbringt und auf denen nie Menschen zu sehen sind, vielleicht eine Katze oder ein paar albanische Pferde, vor allem aber jede Menge unbelebte Materie – sie sagen ihm nichts mehr, ist er erst wieder zu Hause. Um sich der Existenz von Kaffs wie Gönc, Gjirokastra, Comrat in Gagausien, Sfîntu Gheorghe im Donaudelta, Abony oder dem „transsilvanischen Eldorado“ Baia Mare zu versichern, fährt er dann wieder los. Besessen von der Idee, irgendwo, auf einer vom Vieh zugeschissenen Straße, in einem Gästezimmer, wo ihn die Wanzen beißen, oder einem ephemeren Zigeunerlager am Ende aller Wege könnte sich ihm endlich ein dauerhafter Zusammenhang offenbaren all der flüchtigen Erscheinungen, denen er auf seinen Reisen hinterherjagt: der runzeligen Babuschkas, der verstaubten, melancholischen Bars und jämmerlichen Reste einer qualvollen Vergangenheit, „eine sinnvolle Geschichte„, die sich aufschreiben ließe. Nichts davon. Es bleiben dem Autor die „Gier auf das Konkrete“ und uns die Schnappschüsse einer reinen, vollendeten Gegenwart und immer wieder „die Berührung des Unwirklichen, von dem man weiß, dass es stärker ist als jede Wirklichkeit“. Die Beobachtung ist immer die gleiche: Diese Orte sind eigentlich nicht, kaum, dass sie Kontur erlangen, wenn man dort ist, verschwinden sie, sobald man sie aus dem Blickfeld läßt. Und die Vergangenheit, die in ihnen lebt, ist einerseits frisch, nicht wie die nahe antike Kultur Griechenlands, die Stasiuk „nicht die Bohne“ interessiert, andererseits ist sie viel älter und bleibender als die Menschen hier und alles, was sie erschaffen. Stasiuks „perverse Liebe zu allem, was zerfällt und zugrunde geht“, ist ein Gewinn für jeden, der auf diesen Aspekt der Wirklichkeit auf Reisen gern verzichtet oder zu bequem ist, sich selbst auf den Weg zu machen. Seine Beschreibungs- und Vergleichswut ist unermüdlich. Sein Blick ist unpathetisch und dennoch bestimmt von einer wilden Neigung für das, was er sieht. Lesend erfahren lässt sich das am besten mit balkanischer Langsamkeit. Dem hektischen Leser werden die Formeln, mit denen Stasiuk seinen Kosmos beschwört, bald inflationär vorkommen. Auch abseits der Pauschaltouristik, wird er vielleicht denken, findet der Reisende gern das vor, wonach er auf der Suche ist.

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