Thomas Meinecke: Feldforschung

Transgender, Gott ja. Martin gähnt: “Ist das nicht lange durch?” Auf einmal ist mir auch so. Dann ist Thomas Meinecke allerdings fähig, das irgendwie zeitgemäß rüberzubringen. “Irgendwas, äh, Aktuelles wird schon dran sein”, sage ich. “Schließlich sind Anthony and the Johnsons ja auch ziemlich angesagt momentan.” Meinecke kenn ich um ein paar Ecken sogar beinahe persönlich. Eine ehemalige Freundin war mit seiner Frau oder Bandpartnerin, ich weiß nicht mehr, gut bekannt, in München damals: Wenn Du mir mal was Geschriebenes mitgeben willst für den Thomas … Oh, danke. Plötzlich kommt mir diese Freundin doch sehr androgyn vor, die hatte so eine irre tiefe Stimme, und hatte die nicht auch einen Damenbart … Quatsch. Doch eins steht mal fest: Da gibt es noch viel zu entdecken. Die Mitbewohnerin eines Freundes, die mir beim Einkaufen manchmal über den Weg läuft, macht diverse Putzjobs, eigentlich aber ist sie Drag Queen. Hab ich gedacht. Nach der Lektüre von Meineckes Erzählungen bin ich mir da nicht mehr so sicher. In “Kings & Queens” montiert Meinecke die Beiträge eines Online-Forums zu Thema Transgender-Terminologie. Die vielen Sicht- und Deutungsweisen bezeugen a) die Komplexität der Problematik und b) warum mir akademische Lese- und Diskussionszirkel immer im Arsch wehtun. So authentisch diese Texte über “historische Kippmomente der sexuellen Kulturen” gehalten sind (oder sind es wirklich Montagen? Man erfährt es nicht), so gut durchdacht sind sie. “Femme Couteau” zum Beispiel kreuzt verschiedene Erzählebenen (über die Bildhauerin Louise Bourgeois, über den Erzähler und die Beziehung zu seiner Freundin Jorinde und über den haarsträubenden Mordfall Shanda Sharer). Beim Lesen schieben sie sich sanft übereinander und zeigen, dass es bei aller Unterschiedlichkeit der Themen im wesentlichen um das Eine geht: Die Selbst- und Fremdbestimmung über das Geschlecht und seine Aus- und Überblendungen.

Der Band erscheint begleitend zur Ausstellung “Das achte Feld – Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960” im Museum Ludwig Köln (19. August bis 12. November)

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