Wie weit geht Freundschaft?

Babette und ich gackern seit der 9. Klasse miteinander. Wir ritten fast
täglich auf unseren Pflegeponys nebeneinander durch den Wald. Später
schminkten wir uns
gegenseitig, tanzten die Nächte in Discos dahin und weinten abwechselnd
im Arm
der anderen den Liebeskummer kleiner. Wir schwitzten uns durchs Abitur,
stritten
über Kinofilme, fuhren gemeinsam in den Urlaub und schmiedeten
Zukunftspläne. Vor
allem aber schworen wir uns ewige Freundschaft.

Heute, rund 20 Jahre später, stelle ich Babette neuen
Bekannten als meine „liebste, älteste und beste Freundin“ vor. Wir haben beide respektable
berufliche Karrieren hingelegt, geheiratet und Kinder bekommen. Aber als vor
fünf Jahren Babettes Mann auf der Bildfläche erschien, da ging unser Mädelsbund
fast in die Grütze. Wochenlang hatte ich Schwärmereien über Thomas gehört, bis
ich ihn endlich kennen lernte. Nach zwei Stunden brauste es panisch in meinem
Kopf: Der Langweiler ist der Falsche, war mein einziger Gedanke. Doch
Babettchen wollte nichts hören, war verliebt bis über beide Ohren, komplett
beratungsresistent. Sie schwor ihm ewige Treue und ich bemühte mich ernsthaft
um ein nettes Verhältnis zu Thomas.

Er ruft mich an, wenn ihr Geburtstag naht und er wieder kein
Geschenk weiß. Ich bin der Babysitter-Joker, wenn er sie mit Theaterkarten
überraschen will. Dafür rückt er jederzeit mit der Bohrmaschine an oder vermittelt
meinen Söhnen sein Pfadfinderwissen. Als Thomas seinen Job verlor, half mein
Mann ihm bei der Suche nach einem neuen. Kurzum: Wir haben uns arrangiert,
alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Bis gestern Abend. Alle verfolgen gebannt das WM-Spiel der Deutschen
gegen die Polen. Spannung pur. Auf das, was kommt, bin ich nicht vorbereitet,
als das Telefon in der Halbzeitpause klingelt. Es ist Babette, nuschelnd, atemlos:
„Ich bin bei Ralf. Im Bett. Frag jetzt
nichts, ich erkläre alles später. Thomas denkt, ich sei bei Dir. Falls er
anruft, lass Dir was einfallen. Ich muss Schluss machen. Ciao“. Wie in einem ganz, ganz miesen Film.

Der gehörnte Ehemann meldete sich nicht. Ich musste keine
Märchen erfinden und den Menschen, den ich so mühsam in mein Herz geschlossen
habe, eiskalt belügen. Auf Babette bin ich stinksauer. Und natürlich gespannt
auf ihre Story. Wer ist Ralf? Kein Fußballfan jedenfalls – oder ernsthaft
vernarrt in Babettchen. Trotzdem: Das Alibi für einen Seitensprung zu liefern,
geht mir zu weit. Dafür muss sie jemand anderen einspannen. Bin ich deshalb eine schlechte Freundin?

Schreiben Sie Ihre Meinung

Ihre Email-Adresse wird Mehrere Felder wurden markiert *

*

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.