Von der VDI-Tagung Fahrzeugsicherheit 2019

Anlässlich der VDI-Tagung Fahrzeugsicherheit 2019 wurde zum Pressegespräch im kleinen Kreis unter Moderation von Dipl.-Ing. Christof Kerkhoff (VDI FVT) eingeladen. Thema: die von EU und Bundesregierung angestrebte Halbierung der Verkehrstoten bis zum Jahr 2030.

Dass dieses Ziel erreicht wird, schien den Referenten Prof. Dr.-Ing. Rodolfo Schöneburg (Daimler AG), Prof. Dr.-Ing. Steffen Müller (TU Berlin), Dipl.-Ing. Jürgen Bönninger, (Fahrzeugsystemdaten GmbH) indes wenig wahrscheinlich. Zwar sind seit 2010 rund 500 weniger Tote zu verzeichnen, doch stagniert die Zahl der jetzigen cirka 3.200 Toten seither. Die nach dem EU-Beschluss von Valetta angestrebte Halbierung der Verkehrstoten und -schwerverletzten ist 2019 mit 3.059 Toten in Deutschland um gut 800 verfehlt worden. Prof. Müller verwies diesbezüglich auf sich scheinbar nivellierende Effekte: Einerseits verhindern Assistenzsysteme und automatisiertes Fahren zwar etliche Unfälle oder lindern zumindest deren Folgen, andererseits satteln viele ältere Verkehrsteilnehmer auf Pedelecs um, deren Beherrschung sie nicht gewachsen sind.

Über die ungeliebte Gurtpflicht

Größtes Problem ist nach wie vor der Mensch am Steuer: Ablenkung und zu schnelles Fahren sind Faktoren, deren Abstellung den Automobilherstellern weder obliegt noch zugeschrieben werden kann. Auch die Missachtung der Gurtpflicht trage massiv zur Totenzahl bei, schilderte Prof. Schöneburg: Fünf Prozent der Insassen seien nicht angegurtet, stellten aber 25 Prozent der Toten. Hier könne die Wiedereinführung des in den Staaten einst gescheiterten Interlocks, das Geschwindigkeiten oberhalb typischer Manövrier- und Einparktempi bei nicht angelegtem Gurt verhindert, für Abhilfe sorgen. Der damalige Trick, das System durch einen schon vor der Einnahme des Sitzes eingerasteten Gurt zu übertölpeln, ließe sich unkompliziert durch eine Kamerakontrolle eliminieren – kein Problem in Zeiten von kameragestützter Gestensteuerung des Infotainmentsystems.

Verkauft sich aufgezwungene Fahrzeugsicherheit?

Zudem ließe sich womöglich mit einem Belohnungseffekt für Besserung sorgen, etwa dadurch, dass ein USB-Port im Gurtschloss erst dann Strom für mobile Endgeräte liefere, wenn der Gurt ordnungsgemäß benutzt wird. Auch wäre es durchaus im Rahmen des Machbaren, anhand der bereits in zahlreichen Modellen verbauten Müdigkeitserkennung, abgelenkte Handynutzer zu bemerken und zu reagieren. Ebenso ließen sich nicht nüchterne Fahrer anhand der Fahrdynamikdaten erkennen und entsprechende Schritte einleiten. Allerdings stelle sich bei all diesen Neuerungen die kaufmännisch bedeutsame Frage, ob derlei Systeme potentielle Autokäufer am Ende vom Erwerb abhielten. Da war er wieder, der Faktor Mensch, Wackelkandidat Nummer eins in Sachen Fahrzeugsicherheit.

Immer diese ungeschützten Verkehrsteilnehmer!

Zu den angesprochenen Problemen mit E-Scootern und ihren oft sich und andere gefährdenden Nutzern wiegelten die Redner ab – als Ingenieure könnten sie hier schlicht nichts tun. Als Empfehlung gaben sie allerdings mit, dass eher Kommunen und nicht der Bund entscheiden sollten, wo welche Fahrzeuge zu fahren hätten. Zudem wäre eine verschärfte Verfolgung auch bei jeglichen ungeschützten Verkehrsteilnehmern angebracht, wenn diese zu schnell oder anderweitig regelwidrig unterwegs seien. Ebenfalls keine Herausforderung an die Fahrzeugsicherheit, sondern an den Verstand sei das Befahren von Straßen mit eingelassenen Straßenbahnschienen: Hängt der Radler erst mal drin, ist ein Sturz oft unausweichlich. Mit voluminöseren Pneus, deren erhöhter Rollwiderstand durch Pedelecs problemlos kompensiert werden könne, wäre dieser infrastrukturelle Sorgenfall vom Tisch. Blöd nur, wenn der Trend zu ultraschmal bereiften Rennrädern gehe… Mit diesen Erkenntnissen war das Pressegespräch aber nicht abgeschlossen – weitere Punkte folgen.

Bild: ©Arild Eichbaum


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