The Mars Volta in der Review: ‚Noctourniquet‘ gibt sich konzentriert anstrengend

Nur weil sich der Progressive Rock zurück hält, klingt „Noctourniquet“ nämlich bei weitem nicht kommerziell, so ist bereits der Opener „Whip Hand“ sperrig und ungemütlich, mit dickem Elektro Beat und beißenden Vocals, die „that's when I disconnect from you“ tönen und vielleicht passiert genau das beim Hören, eine merkwürdige Distanz, die anziehend zugleich ist.

„Noctourniquet“: Kondensiertes Unwohlsein

Die gigantischen Progsongs sucht man größtenteils vergebens, daher scheint es fast, als hätten sie sich etwas zurück genommen. Aber der Schein trügt gewaltig. Wenn man nicht gerade Mike Patton Fan ist, wird auch „Noctourniquet“ mit verzweigter Komplexität aufwarten, die das entspannte Nebenbei Hören unmöglich macht. Dafür gibt es kondensiertes Unwohlsein mit instrumentalen Höhenflügen.

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Während Songs wie „Empty Vessels make the loudest sounds“ auf ruhiger Ebene sehr an die „klassischen“ The Mars Volta erinnern und dabei wohl am ehesten als Argument geboten werden können, wenn es darum geht, zu behaupten, das neue Album sei „Hörerfreundlicher“; scheint „The Malkin Jewel“ fast schon an Tom Waits zu schrammen, nicht zuletzt, wegen des unbequemen Texts, der in düstere Kellerräume einlädt und fast so klingt wie die Liebeserklärung eines Wahnsinnigen, wenn es heißt „because all the traps in the cellar go clickety clack because you know I always set them for you“. Zum Ende hin können die Jungs dann doch nicht an sich halten und zwirbeln den Song in ein manisches King Crimson Gestöber.

The Mars Volta geben sich weiterhin lyrisch kryptisch

Es mag daran liegen, dass die Sounds von Synthies und anderen Elektrospielereien das Album durchziehen, aber das Gefühl eines Science Fiction Specials der Twilight Zone, das auf sepia-farbenen Wüstenplaneten spielt, will einen nicht verlassen.
Religiös durchtränkte Symbolik taucht das Album zudem in ein bedrohlich mystisches Gewand, denn in Bixler-Zavalas Texten findet sich alles, nur keine Klarheit, so dass man sich beinahe hilflos in den vielen Andeutungen fühlt.

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Thematisch finden sich die Songs oftmals in einem mythologisch-religiösen Rahmen („Zed and Two Naughts“, „In Absentia“, „Dyslexicon“), der üble Auswüchse zu haben scheint, keine Erlösung durch Bibeltreue, vielmehr Verwirrung und Isolation.

Inspiriert wurde die Band angeblich unter Anderem vom Schlaflied „Solomond Grundy“, sowie der griechischen Sage des Hyazinth, im Interview nannten Bixler-Zavalas und Rodriguéz-Lopéz jedoch auch den 14. Zusatzartikel der Vereinigten Staaten (dass jeder Bürger ungeachtet seiner Herkunft, Rasse und Religion das Recht auf Freiheit, Leben und Eigentum hat und dass dieses Recht nur unter ganz besonderen Umständen verletzt werden darf) sowie die Bibel und ihre teils ambivalente Auslegung aufgrund von linguistischen Besonderheiten in den verschiedenen Übersetzungen.

Mehr zu den Textinhalten muss man sich dann aber schon mühsam selbst erarbeiten, denn trotz des Versuches des Songwriters, etwas mehr Stringenz einzubringen, bleiben diese kryptisch und eher symbolhaft, was angesichts der ähnlich vielfältigen musikalischen Fülle nur zu gut zu passen scheint.

Auf den Punkt gebrachtes Chaos

Interessanterweise schafft es die Band, auf sehr viel kürzeren Zeitspannen ähnlich eindrucksvolle Sounds zu erschaffen wie sonst auf 15 Minütigen Songs. Das fast schon Radio-tauglich kurze „Molochwalker“ (3:32) mit treibenden Drums und Funk-Gitarre wirkt daher wie ein Wettlauf zwischen Rockmonster und Proggigant, während einige Songs („The Malkin Jewel“) sogar ein wenig Punk in sich tragen.

Zum Ende wird es fast wieder traditionell, „Zed and Two Naughts“ geht in gewundenen Wegen zu Bixler-Zavalas übernatürlichen Vocals, während sich die flimmernden Gitarren an den Drums entlang hangeln, die – das sollte hier noch einmal erwähnt werden – Zappa-esque sicher von Deantoni Parks eingespielt wurden, der im gesamten Album ein Tempo vorlegt, das den Puls aus dem Takt bringen kann.

„Noctourniquet“ ist sicher nicht ruhiger oder gemütlicher als die The Mars Volta Vorgänger, sondern bedient sich nur einem engeren Zeitrahmen um die Ideen der Band umzusetzen, was sicherlich für weniger konfuse Ausflüge in die Weiten des Prog sorgt, dafür aber eine innere Unruhe verbreitet, die sich mit den Collagen einer pathologischen Gefühlswelt von Bixler-Zavalas Texten zu einem durchrüttelnden Albumerlebnis verbindet.

01. The Whip Hand
02. Aegis
03. Dyslexicon
04. Empty Vessels Make the Loudest Sound
05. The Malkin Jewel
06. Lapochka
07. In Absentia
08. Imago
09. Molochwalker
10. Trinkets Pale of Moon
11. Vedamalady
12. Noctourniquet
13. Zed and Two Naughts

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