The Cult of Less: Leben mit nur 100 Gegenständen

Eine minimalistische Lebensart entsagt auf den ersten Blick vor allem dem Drang nach Konsum und damit verbundenen Statussymbolen. Das gerade in der Zeit der Wirtschafts- und Europakrise dieser Trend vermehrt verfolgt wird, scheint nur logisch. Die „Generation Praktikum“ verdient wenig und schaut auf Grund der aktuellen Arbeitslage skeptisch in die Zukunft. Viel Geld für ein exzessives Leben bleibt dabei nicht übrig. Warum nicht eine neue Lebensart erschaffen, die wenig Besitz hip macht? Doch dieser Eindruck trügt.

Die Philosophie des Cult of Less

Ein Einfluss der aktuellen Lage auf die Entwicklung hin zur minimalistischen Lebensführung lässt sich nicht abstreiten. Ebenso wie von der anhaltenden Depression wird unser Leben gleichermaßen, wenn nicht sogar mehr, von dem digitalen Zeitalter bestimmt. Heutzutage ist es möglich alles zu digitalisieren, selbst Erinnerungen scheinen digital greifbarer als auf alten, entwickelten Fotos, die in einer verstaubten Kiste in der hintersten Ecke des Schrankes in der Abstellkammer verrotten. Musik haben wir als MP3, nicht mehr als CD, Filme schauen wir online auf On-Demand-Videoportalen, zu Lesen gibt es nur noch E-Books oder Online-Nachrichten. Kurzum – alles was wir brauchen ist ein Computer.

Unnötigen Ballast loszuwerden und platzverschwendende Originale zu verkaufen oder zu verschenken müsste da doch ein Leichtes sein. Beim neuen Minimalismus geht es jedoch um mehr als nur das Aufräumen und Entrümpeln. Das Verabschieden von alten Gegenständen, die man selten oder gar nicht benutzt, setzt den Anfang, um Ordnung im eigenen Leben zu schaffen. The Cult of Less ist mehr ein Synonym für die Konzentration auf Wesentliches, für das Definieren von persönlichen Zielen und das Ausrotten aller Hindernisse, die davon abhalten und ablenken können. Und das ist nur richtig, zeigt eine Studie von eBay aus dem Jahre 2008 doch, dass wir 80 Prozent der Dinge, die wir besitzen gar nicht benutzen. Warum also daran festhalten, wenn diese uns offensichtlich nicht viel bedeuten?

Der neu geschaffene Raum, die neu gewonnene Zeit sollte jedoch sinnvoll gefüllt werden, ansonsten wünscht man sich die entfernten Lückenbüßer nur allzu schnell zurück. Das ist die eigentliche Herausforderung am minimalistischen Lifestyle – die Kraft aufzubringen und keine Mühen zu scheuen, lang gehegten Leidenschaften nachzugehen, sich Träume und Ziele zu erfüllen und neuen oder alten Hobbys zu frönen, die abseits von Fernseher und Spielkonsole liegen. Eine Definition von „Zurück zum wirklich Wichtigen“ beschreibt in diesem Fall das Loslösen von allgemeinen Vorstellungen was Richtig sei, das Entsagen der Konsumkultur, die versucht vorzuschreiben was im Trend ist und gekauft werden sollte und damit die Befreiung von gefährlichem Druck und Stress. Wir haben in der heutigen Gesellschaft oft verlernt nach unseren eigenen Bedürfnissen zu schauen und nachzufragen, ob wir etwas wirklich brauchen, da die Nachfrage nicht mehr vom Bedarf oder einer Notwendigkeit bestimmt wird, sondern vom ständig wechselnden Angebot.

The 100 Thing Challenge: Der Versuch sich zu reduzieren

Extrem-Minimalisten beschränken sich auf den Besitz von 15 Dingen: Neben einem Computer und Kleidung (Hose, Shirt, Pullover, Jacke, Mütze, Schuhe, 2 Paar Unterwäsche und 2 Paar Socken) nennen sie noch Messer, Gabel, Löffel und einen Teller ihr Eigen. So zu Überleben bedeutet allerdings auch, viel Geld dafür auszugeben, sich außer Haus zu ernähren und viel Zeit damit zu verbringen, täglich Wäsche zu waschen, um für saubere Klamotten zu sorgen. Ob man sich dabei noch auf andere Sachen konzentrieren kann, bleibt fragwürdig. Der oft vertretene Ansatz für mehr Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, der versucht mit weniger Hab und Gut seinen ökologischen Fußabdruck zu verringern, wird auf diese Art und Weise ganz sicher nicht verfolgt.

Moderate Minimalisten hingegen versuchen ihr Eigentum lediglich zu beschränken. Wie viel Jeder noch behält, ist dabei abhängig von ganz individuellen Vorstellungen und Einschätzungen. So hängt jemand an seiner Gitarre, um auf ihr aktiver zu spielen, während andere ihre ohne Probleme weggeben konnten, da sie meist nur Staubfänger waren. Der Verzicht ist immer sehr subjektiv und daher kann es keine allgemein gültige Anleitung dazu geben. Bewährt hat sich der Versuch alle seine Sachen in ein anderes Zimmer zu packen oder im Keller zu verstauen und nur das wieder herauszuholen, was wirklich gebraucht wird. Auf diese Weise lässt sich einfach feststellen, welche Gegenstände über die Woche verteilt benutzt werden. Alle übrig gebliebenen Objekte unterzieht man dann einer kritischen Betrachtung, ob nicht vielleicht auch ohne einen Großteil davon ein Weiterleben möglich wäre.

Viele Minimalisten versuchen ihre Besitztümer auf unter 100 zu beschränken. Sie sehen es als Herausforderung, täglich aufs Neue „The 100 Thing Challenge“ zu bestreiten und dem Wunsch nach neuem Konsum weitestgehend zu entsagen oder ihn zumindest gründlich zu hinterfragen. Auch der Freundeskreis, besonders in der digitalen Welt, kann solch einer Verkleinerung zum Opfer fallen. Nicht alle Vertreter dieser Lebensart sehen das allerdings so streng. Viele besitzen darüber hinaus Objekte und führen dennoch ein minimalistisches Leben. Für sie ist das Verfolgen der Philosophie wichtiger als das Reduzieren um jeden Preis. Schließlich geht es doch vor allem um die Steigerung der Lebensqualität und das Erlangen von mehr Lebensfreude. Warum da weiteren Druck erzeugen durch eine totale Einschränkung?

Der Wandel zum Tech-Nomaden

Der Trend sich immer weiter von realen Dingen zu lösen und alles nur noch digital zu besitzen, wird sich mit oder ohne den Minimalismus-Lifestyle weiter verbreiten. Vielleicht zeichnet der Cult of Less nur den Wandel in ein neues Zeitalter ab. Minimalisten leben zwar mit wenig, aber dies ist und muss meist hochwertig sein. So sind iPad und neuste Laptops oder Netbooks unter den Verfechtern nicht selten und ein Verzicht auf den Computer wird fast einstimmig ausgeschlossen. PC und Internet können alles ersetzen und verbinden unterschiedlichste Medien besonders benutzerfreundlich und praktisch auf einem Gerät. Aber was passiert, wenn diese letzte Instanz verloren geht, die externe Festplatte den Geist aufgibt und unsere Cloud einem großen Daten-Crash zum Opfer fällt? Dann bleibt nur noch die Erinnerung. Aber vielleicht sehen Extrem-Minimalisten dies als weiteren Schritt hin zur vollkommenen Unabhängigkeit.

Hier findet ihr den passenden Welt der Wunder Bericht dazu.

Mr. Minimalist, den bekanntesten deutschen Verfechter dieser Bewegung, findet ihr hier.

Zur Homepage der Bewegung geht es hier entlang.

Eine Meinung

  1. Danke für diesen Artikel. In dem Zusammenhang möchte ich gern noch die zumindest im englischsprachigen Raum bekannte Abkürzung LOVOS erwähnen, „Lifestyle Of VOluntary Simplicity“, oder zu deutsch „Lebensstil der freiwilligen Einfachheit“. Wie das geht und warum sich dies auch hierzulande mehr und mehr zum Trend entwickelt, kann man zum Beispiel nachlesen auf der Webseite http://www.simpleliving.de nachlesen.

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