The Airborne Toxic Event im Interview: Muppets, Politik und Songwriting

Der Großteil der Band sitzt noch im Studio von flux.fm, währenddessen unterhalte ich mich wartend im Vorraum über Verrückte aus Amerika, die alle vorbeigehenden Leute anschreien und fragen, ob sie wie Elvis aussehen. Viel zu viele Verrückte, meint Noah, Bassist der Band, das gibt es dank der Grundversorgung in Deutschland nicht, meint er, hier werden auch keine Irrenanstalten und Gefängnisse geschlossen und die Insassen auf die Straße entlassen, weil sonst kein Platz für sie ist. Verwunderlich, aber selbst bei diesem Thema bleibt die Unterhaltung humorvoll, Noah gibt zu, dass er den Elvistypen vermisst, seit er umgezogen ist.

Als der Rest der Band aus dem Studio kommt – sicherlich wurden dort nicht halbwegs so interessante Themen besprochen – pflanzt sich Mikel dazu und wir beginnen das Interview.

The Airborne Toxic Event – Medienschelte und Fanrückhalt

3 Jahre ist es her seit dem Debüt, während die Musikfans es liebten, war die Presse weniger gnädig, teilweise wohl aus einem Kritiker-Pflichtgefühl heraus ritten Medien wie Pitchfork oder die VISIONS auf der Ähnlichkeit mit Arcade Fire herum, die tatsächlich nur in wenigen Songs zu hören ist, da diese Band rauer, erdiger klingt, so als hätte man sie gerade von der Landstraße geholt. Aber es ist wohl zu leicht, diese Band zu hassen, denn sie halten nicht mit den emotional heraus gesungenen Refrains zurück, scheuen sich nicht vor langen Balladen und könnten daher automatisch als uncool bewertet werden, vor allem, wenn man sich nicht die Mühe gibt, ihre Alben wirklich zu hören.

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Genau diesen Sound – der sehr wohl Charme und Anziehungskraft ausübt – wurde auf dem neuen Album ausgearbeitet, viele Ideen finden sich auf „All At Once“ wieder, auch Electrospielereien oder fast schon hymnische Protestsongs. Der Akustik-Song „The Graveyard near the house“ sollte gar nicht auf das Album, weil er zu sehr aus dem Rahmen fiel, aber das Feedback von Freunden und Fans war so überwältigend, dass er es doch schaffte, mittlerweile ist er sogar in die Heavy Rotation diverser Radiosender übergegangen.

Schreibprozeß

The Airborne Toxic Event gehören nicht zu den Bands, die mal eben ins Studio gehen und dort spontan 10 Songs schreiben, Mikel ist Schriftsteller durch und durch, weshalb er unentwegt Ideen für Songs notiert und ausarbeitet, eine Pause nach langem Touren gibt es daher nicht wirklich.

Mikel: Immer wenn ich nur eine Sekunde frei habe, schreibe ich, wenn ein Tag ohne Schreiben vergeht, komme ich mir komisch vor. Noah ist so mit Musik, sobald er zuhause ist, trifft er sich erstmal mit allen und dann hat er plötzlich 10 Demos von Garage-Bands in der Hand. Und irgendwie ist es auch so, dass du zuhause bist, da ist das eben, was du so machst. Wenn ich nicht in dieser Band wäre, würde ich trotzdem schreiben.

Noah: Bevor wir als Band angefangen hatten, hatte Mikel hunderte an Songs (Mikel: wirklich schreckliche Songs) und man gewöhnt sich das einfach an, weil es das ist, was man macht, wenn man zuhause ist. Und wenn man nicht tourt, dann weiß man ansonsten nichts mit sich anzufangen und schreibt halt Musik.

Mikel: Ich bin es bei diesem Album aber anders angegangen, ich wollte keine 500 Songs schreiben und hab daher versucht, gezielter zu schreiben und um ein bestimmtes Ideenkonzept herum zu arbeiten.

Mit erhobener Faust

Dieses Konzept hat – ähnlich dem Debüt – viel mit Verlust zu tun, das Thema der Sterblichkeit lugt immer wieder um die Ecke, sei es in „The Kids are ready to die“ oder in „The Graveyard near the house“, ähnliches findet sich auch in einer veröffentlichten Kurzgeschichte, die Mikel vor einigen Jahren schrieb und in der ein paar schwerkranke Mittzwanziger das Beste aus ihrer Situation machen, indem sie in einer eigenen Fantasiewelt leben. Parallelen zu „All at Once“ lassen sich zumindest von der Stimmung her ziehen.

Mikel: Man befindet sich mental an einem bestimmten Ort im Kopf und ich glaube – ob nun bewusst oder nicht – dass es sich in der Kunst reflektiert, und in der Geschichte, geht es um Freundschaft, Liebe und Tod, die Arten, auf die der Tod das Leben vitaler erscheinen lässt, darüber habe ich Songs geschrieben, weil es mich zu der Zeit sehr beschäftigt hat. Ich glaube, auf dem nächsten Album wird es allerdings weniger davon geben.

Mit einem Album, das politisch ist, sich über Sterblichkeit Gedanken macht und generell nicht selten eine zynische Sichtweise zur Schau stellt, ist es erstaunlich, wie angriffslustig die Songs klingen. Keine Kapitulation, keine Apathie, vielmehr stampfende Füße, eine Defensive, die fast therapeutisch ist.

Mikel: Ich glaube, zu einem gewissen Grad ist Katharsis ein Schlüsselpunkt vieler Songs, ein wenig wie die griechische Tragödie, bei der man dem Helden beim Versagen zusieht und einerseits ist es furchtbar und es wird einem das Herz heraus gerissen, aber am Ende fühlt man sich gut und man weiß nicht direkt, warum, aber irgendwas am gemeinsamen Leiden vermittelt einem das Gefühl, dass man weniger auf sich gestellt ist. Schreiben hat viel mit Einsamkeit zu tun und diese Ideen mit anderen in diesem Moment zu teilen, ist gut.

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Noah: Wenn du Musik, bzw. ein Album hast, dass sehr ruhige und auch sehr aggressive Momente hat, dann haben die Songs auch Einfluss aufeinander, so dass ruhige Songs viel ruhiger klingen, wenn sie nach einem sehr aggressiven Song kommen.

Mittlerweile sind The Airborne Toxic Event in den Staaten hoch angesehen, auf dem Muppets Soundtrack haben sie sich an einem Gonzo Song ausgetobt und ihn völlig neu interpretiert (der Lieblingsmuppet der Band ist jedoch Dr. Teeth, Frontmann von Electric Mayhem), unlängst spielten sie als „Liveband“ in der Hitserie „Gossip Girl“, ein Erlebnis, das für die Band vielleicht nicht weltbewegend war, aber zumindest ein paar Flirts mit den – ich zitiere – „heißen“ Mädels am Set gebracht hatte. Sogar in Seminaren für kreatives Schreiben fanden sich schon ihre Songs auf dem Lehrplan, kulturell scheint die Band überall zu greifen, mit Vorbildern wie The Clash oder Bruce Springsteen ist das wohl auch ein Ziel, dass sie weiter verfolgen wollen.

Was haben The Airborne Toxic Event mit Bruce Springsteen gemein?

Mikel: Diese Ideologie, dass er für seine Fans gearbeitet hat, das gilt auch für uns. Die andere große Rockband, die wir lieben sind The Clash und diese beiden Bands haben sich als Dienstleister für die Leute gesehen, für die sie gespielt haben. Es gibt auch eine andere Vorgehensweise, wenn man sich als Idole versteht, die verehrt werden müssen oder als Band, die zu sehen ein Luxus ist. Aber es ist ein Privileg für uns. Wenn du denkst, du bist großartig, dann liegst du falsch, wenn du nicht gerade die Beatles oder Bruce Springsteen bist oder seit 20 Jahren als Musiker Karriere in diversen Genres und Stilen gemacht und 20 großartige Songs geschrieben hast, ist es albern, sich selbst zu wichtig zu finden.

Noah: Es ist sehr einfach (nicht abzuheben). Es gibt Momente, in denen man sich groß fühlt und andere Momente, in denen man sich sehr klein fühlt. Wir touren so viel und verbringen so viel Zeit bei der Arbeit, dass diese Ideen, dass wir Rock'n Roll Stars sind, nicht wirklich zu uns passen, weil wir immer noch dieselben 5 Leute in der Band sind und wir uns schon kennen, seit wir Shows vor einer moderaten Anzahl von Leuten gespielt haben und wir waren da, bei jedem einzelnen Schritt, den wir brauchten, auch wenn der manchmal rückwärts ging.

Außerdem, so Mikel, sind sie noch lange nicht da angelangt, wo sie hinwollen, auch das, die Ambition, immer wieder etwas besseres zu kreieren, hält sie wohl davon ab, sich sortierte M&Ms auf den Rider zu schreiben.

„All At Once“, alles auf einmal, eine Hommage an das Leben, das manchmal zu viel, zu stürmisch auf uns einstürzt, in dem Verlust und Niederlagen dazu gehören, in dem aber gleichwohl Vertrauen und Liebe dazu motivieren, sich nicht einfach hin zu legen und aufzugeben.

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