Respekt!

Draußen vor dem Walmart – ja, so etwas gibt es hier in Bremen zur Zeit noch – bedrängen drei Jugendliche einen vierten. Alle tragen Kniekehlenhosen mit zahllosen Taschen, Baseball-Caps und seltsame Jacken, die wohl cool wirken sollen. Sie stecken mitten in einer «Diskussion». Derjenige der den Anführer mimt, vermutlich deshalb, weil ihm am Kinn schon erste Haare wachsen, verkündet unter Knuffen und Puffen dem vierten gerade: «Ej, wenn du hascht Räschpäkt, was kommssu dann noch hierher?». Als ich frage, ob es Probleme gibt, löst sich das Quartett in Wohlgefallen auf, der Obermotz disst über die Schulter zurück: «Die Probleme machsde nur du, Alder!». Tscha – 1,93 m und 115 Kilo sorgen auch in fortgeschrittenerem Alter für viel «Respekt».

Das aber ist es eben: So wie das Wort in der Jugendszene verwendet wird, meint es einfach nur Angst vor jemandem zu haben. Eine Person, der ich «Respekt» zollen soll, ist jemand, vor dem ich mich zu Recht fürchte. Weil ich sonst «was vors Maul» bekäme oder abgezogen würde. In dieser falschen Verwendungsweise ist das Wort «Respekt» ein Terrorbegriff, der gut in eine Zeit zunehmender Gewaltbereitschaft passt. Der aber verwendet wird, als ob es sich um einen ethischen oder moralischen Wert handele.

Etymologisch leitet sich dieses Fremdwort, das sich von seinen Wurzeln völlig entfremdet hat, vom lateinischen «respicere» ab: vom «Zurückblicken» oder «Rücksicht nehmen». «Respekt» in diesem ursprünglichen Sinn wäre dann eher ein Pfadfinderbegriff: Dass ich alte Omas mit ihrem Hackenporsche in Ruhe über die Fußgängerampel wackeln lasse, obwohl ich als Autofahrer längst grün habe. Damit zeige ich bspw. Respekt oder «Rücksicht». Oder dass ich die Herkunft eines Zitates aus Achtung vor der geistigen Leistung anderer korrekt belege. Auch das ist Respekt. Respekt erwerbe ich mir aber nicht, wenn alle Leute vor mir die Straßenseite wechseln, obwohl ich noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss habe. Damit verbreite ich nur blanke Angst.

Gönnen wir diesen hirnlosen Muckimännern einfach nicht das Ehrenwort «Respekt». Vor ihnen muss niemand Respekt haben, allenfalls berechtigte Angst. Anbiedern an einen vermeintlichen Jugend-Slang sollten wir uns mit dem Wörtchen schon mal gar nicht. …

7 Meinungen

  1. Tatsächlich ist „Respekt“ eigentlich ein sehr rares Gut und wird nur sehr sparsam verteilt. Bekommt man ihn aber, kann es eine starke Triebfeder sein. Viel nachhaltiger als z.B. „Aufmerksamkeit“, welche ja sehr flüchtig ist und welche immer wieder erzeugt werden muss, meist durch viel Krawall. Respekt hingegen ist viel stärker und schwerer zu erreichen, daher fast eine ideelle Währung.Ich werde weiterhin Respekt Leuten zollen, wenn sie ihn sich – im wahrsten Sinne des Wortes – verdient haben.MfG

  2. In diesem Beitrag – ich hoffe, das wurde deutlich – habe ich mich nur gegen den falschen und inflationären Gebrauch des Wortes gewandt, gegen diesen angstbetriebenen Jedermann-Respekt, den jeder Vorstadt-Coolio auf Grund seiner Rücksichts- und damit Respektlosigkeit einfordern zu können meint. Der Text richtet sich gegen jene Szenen also, wo «Respekt» heute so gebraucht wird, wie das Wort «Ehre» in Mafiakreisen zur Zeit der Prohibition. Dass jede echte Leistung, jedes wirkliche Können, jeder echte Charakter Respekt verdient, das bleibt davon unberührt …

  3. Hallo, Herr Jarchow,erlauben Sie mir bitte eine Anmerkung: In den ansonsten ganz nett geschrieben Artikel passt dieser Ausrutscher überhaupt nicht: „So wie das Wort in der Jugendszene verwendet wird, meint es einfach nur Angst vor jemandem zu haben.“ — Was ich meine? Ich meine, dass ein Wort nichts meinen kann! Ein Wort kann etwas bedeuten, aber eine eigene Meinung hat bisher noch kein Wort gehabt. Offenbar sind Sie auf einen Anglizismus hereingefallen. Siehe auch: „Was meint eigentlich Halloween?“, http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,443346,00.htmlAch, und noch eine Winzigkeit: „Es gibt Worte …“ — „Worte“ wird eher im Sinne von „Gedanken“ oder „Äußerung“ gebraucht, z. B. „Das sind wahre Worte.“ In Ihrem Artikel geht es hingegen um ein einzelnes, konkretes Wort. Kurzum: „Es gibt Wörter, die sind so dumm, …“ — passt auch besser in den Artikel, finde ich.Gruß aus KarlsruheMarcel Saft

  4. 1. Den Gebrauch von „meinen“ anstelle von „bedeuten“ bitte ich zu entschuldigen. Das ist tatsächlich ein grottenschlechter Anglizismus, der im Deutschen nichts zu suchen haben sollte. 2. Zur Frage von „Worten“ und Wörtern“: Diesen Unterschied zähle ich zum „Deutschlehrer-Feinsinn“. So wie mir damals der Unterschied beigebimst wurde, gilt die Bezeichnung „Wörter“ für längere sinntragende Einheiten, für Sätze also – siehe bspw. das „Sprichwörter-Lexikon“, das ja gerade nicht „Sprichworte-Lexikon“ heißt. Ihr Beispiel mit den „wahren Worten“ wiederum zeigt, wie uneinheitlich der Gebrauch faktisch doch ist. Für beide Verwendungsweisen gibt es „korrekte“ Belege. Ich neige dazu, „Worte“ und „Wörter“ je nach meinem Klangbedürfnis zu verwenden – und dort, wo es die Klarheit erfordert, weitere „Hilfspolizisten“ zu rekrutieren: „Spruch“, „Satz“, „Vers“ usw. Und damit produziere ich dann meine „Worte über Wörter“ …

  5. 1. Den Gebrauch von „meinen“ anstelle von „bedeuten“ bitte ich zu entschuldigen. Das ist tatsächlich ein grottenschlechter Anglizismus, der im Deutschen nichts zu suchen haben sollte. 2. Zur Frage von „Worten“ und Wörtern“: Diesen Unterschied zähle ich zum „Deutschlehrer-Feinsinn“. So wie mir damals der Unterschied beigebimst wurde, gilt die Bezeichnung „Wörter“ für längere sinntragende Einheiten, für Sätze also – siehe bspw. das „Sprichwörter-Lexikon“, das ja gerade nicht „Sprichworte-Lexikon“ heißt. Ihr Beispiel mit den „wahren Worten“ wiederum zeigt, wie uneinheitlich der Gebrauch faktisch doch ist. Für beide Verwendungsweisen gibt es „korrekte“ Belege. Ich neige dazu, „Worte“ und „Wörter“ je nach meinem Klangbedürfnis zu verwenden – und dort, wo es die Klarheit erfordert, weitere „Hilfspolizisten“ zu rekrutieren: „Spruch“, „Satz“, „Vers“ usw. Und damit produziere ich dann meine „Worte über Wörter“ …Nachtrag: Hier noch ein bedenkenswerter Link zu Bastian Sicks Rechthabereien …Bastian Sick ist über die Deutschen gekommen wie ein Wahlkampf oder eine Werbekampagne.

  6. zu 1) Oh bitte, Sie brauchen sich doch dafür nicht zu entschuldigen ;o)zu 2) Interessante „Gegendarstellung“. Und den Artikel über Bastian Sick kenne ich schon; ich weiß nicht genau, wie der Autor einzuordnen ist, aber mehr sprachliche Kompetenz als Sick hat er vermutlich nicht. (Siehe Portrait C. Seidl, FAZ) Sicher ist auch Sick nicht fehlerfrei, aber er hat unserer Sprache einen großen Dienst erwiesen.

  7. „Sprachpäpste“ – auch „angehende“ wie der Sick – wollen immer die absolute Kommunikationshoheit. Ein Erfolg allerdings ist ihnen kaum beschieden, das weiß ich auch. Die Haltung eines „Rufers in der Wüste“ aber gehört zum Geschäft. Der „Gewinn“ übertriebener Beckmesserei besteht halt darin, dass die Leute auch den Verkehrslotsen Sick schon bald an seiner Ampel stehenlassen werden, und stattdessen der Straße der Sprachentwicklung folgen. Vor allem dann, wenn er beginnt, auch noch seine privaten Steckenpferde zu reiten, wie es ihm der erwähnte Artikel bei aller Polemik doch nachweist. Kleine Hinweise geben, ein wenig stupsen, sagen: guck mal! – das alles halte ich für wesentlich wirkungsvoller als das Einreißen sprachlicher Augiasställe, wo auch ich nur Stallknecht bin. Schließlich habe ich im Alltag gar nicht die Zeit, alles „perfekt“ zu machen. Ein wenig besser wäre schon viel …

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