Public Viewing

In unserem 100.000 Einwohnerstädtchen  (100 TEinwohner sagt man jetzt) waren
Menschenmassen im Rathaus mit der Planung des „Public Viewing“ beschäftigt. Zum
Glück erst seit gut einem Jahr vor Beginn der WM. Sonst wären noch mehr
Steuergelder dafür verblasen worden.

In den einschlägigen Ministerien in NRW wurde ein
Förderprojekt „Public-Viewing-Festival“ aufgelegt. Die 50- bis 65-Jährigen
Entscheider wollten sich wohl in besonderer Weise polyglott und weltmännisch
präsentieren. Eigens wurde eine Broschüre zum Thema teuer produziert. Die darin
enthaltenen Infos sind aber durchweg so oberflächlich, dass  die Broschüren in den Ausgabestellen mangels
Interesse vergammeln.

Die Bundesregierung hat rund 2,5 Millionen Euro Steuergelder
verblasen, um die WM angemessen zu promoten. Dabei ging schon über eine Million
in die Produktion irgendeiner Website. Der Steuerzahler hat´s ja.

Zurück zu meinem Städtchen. 5.000 zusätzliche Übernachtungen
bringe das Public Viewing der heimischen Hotellerie. Wohnmobil-Stellplätze wurden
ausgewiesen und sogar die Belegung von Turnhallen als Schlafgelegenheiten wurde
angedacht und projektiert. Die heimischen Gewerbetreibenden sollten 600 Euro
zahlen, um das Recht zu erwerben, in der Innenstadt vor ihren Läden zusätzliche
Tapeziertische mit Waren aufzubauen. Gastronomen sollten per se 600 Euro
zahlen, weil sie ja angeblich die geborenen Profiteure der gesamten Veranstaltung
seien. Im WM-Dorf, dem eigentlichen Public-Viewing-Bereich wurden sogenannte
VIP-Bereiche überdacht, die man überteuert anmieten konnte.

Und damit das Ganze auch noch einen seriösen Überbau
erhielt, wurde ein kulturelles Programm zusammengestrickt. Vor und zwischen den
Spielen treten heimische und ausländische Künstler auf und geben ihre jeweilige
Kunst, in der Regel Musik, zum Besten. Selbst Expertentalkrunden wurden
anberaumt.

Kurz vor der Angst, also zur Jahreswende 2005/2006 stieß man
dann im Rathaus auf das Problem der Akquisition im Ausland. Wiederum  aus der la main wurde ein sogenanntes
Welcome-Poster entwickelt, welches heimische Gewerbetreibende per Email an ihre
ausländischen Kontakte schicken sollten, um denen Appetit auf einen Aufenthalt
in unserem Städtchen zu machen. Das dieses „Poster“ fast 4 Megabyte groß und
damit eher nicht so recht Email-geeignet war, wurde von den professionellen
Planern übersehen; vom Inhalt gar nicht zu reden.
Mit Beginn des „Festivals“ wurde eben dieses in unserer
hiesigen Presse als supertoll hochgelobt. Zwischen den Zeilen konnte man recht
frühzeitig lesen, dass eigentlich kaum Erwachsene zum Public Viewing gehen.
Aber die Jugendlichen, die fänden das Festival ganz toll. Bis zu 2.500 bei
einem Deutschlandspiel  werden
verzeichnet. Gut, während und nach den Spielen gibt es teils heftige
Prügeleien, bei denen Polizei und Notarzt einschreiten müssen. Aber insgesamt:
Top!

Am Wochenende veröffentlichte der Bürgermeister dann
überraschenderweise einen öffentlichen Appell an die Eltern im Stadtgebiet.
Jugendliche besaufen sich am Rande des Festivals derart heftig,  dass die „Qualität“ dieses „Leuchtturms“ in
der Umgebung gefährdet wird. Außerhalb des „WM-Dorfes“ werden Alkoholdepots
angelegt und frequentiert, die jedem Barkeeper die Tränen in die Augen schießen
lassen. Von Erwachsenen höre ich, dass man zum Public Viewing gar nicht mehr zu
gehen braucht. Es sei denn, man wolle besoffene 15-Jährige in Aktion erleben.

Dennoch wird in der heimischen Presse weiterhin das Hohelied
des Public Viewing gesungen. Ein besoffener 15-Jähriger hat sich bereits von einer
Brücke gestürzt  und musste mit einem
Rettungshubschrauber abtransportiert werden. Im Zeitungsbericht hieß es jedoch
nicht, dass sich ein besoffener 15-Jähriger von einer Brücke gestürzt hätte.
Das Adjektiv ließ man, ganz im Sinne einer Hofberichterstattung, tunlichst weg.

Von den 5.000 avisierten Übernachtungen sind bisher 80
tatsächlich eingetreten. Die Wohnmobilstellplätze und die Turnhallen-Schlafplätze
sind bisher nicht genutzt worden. Die Gastronomen klagen darüber, dass ihnen
das Public Viewing, sowie private Grillfeiern das Publikum entzieht. Der
Einzelhandel klagt über rückläufige Umsätze, obwohl der ja  nach den behördlichen Planungen einen Sprung
nach vorne tun sollte. Die Fanmeile mit den drei  oder vier Büdchen wird so gut wie gar nicht
besucht. Das kulturelle Rahmenprogramm interessiert regelmäßig ein gutes
Dutzend Zuschauer. Eine Expertentalkrunde musste durch Umschalten aufs ZDF abgebrochen
werden, weil sich nun aber auch wirklich keiner dafür interessierte. Der
VIP-Bereich wurde für alle freigegeben, soweit und solange dort keine Buchungen
vorliegen; also praktisch auf Dauer. Die Einsatzkräfte des Ordnungsamtes und
der Polizei mussten verstärkt und durch sozialpädagogische Streetworker ergänzt
werden, um der jugendlichen Problematik Herr zu werden.

Aber! Das Public Viewing übertrifft nach offizieller
Darstellung alle Erwartungen und ist ein voller Erfolg weit über die Grenzen
unseres Städtchens hinaus. So lügt man sich die Wahrheit zurecht. Und wir
älteren Mitbürger stehen da, haben es von Anfang an geahnt und wundern uns über
den kollektiven Realitätsverlust ganzer Generationen innerhalb und außerhalb
des städtischen Rathauses…

Keine Meinungen

  1. So kann manchmal eine Reise ein Leben verändern. Bei mir war das mit einer Indienreise so. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal nach Indien fahre und bin ein halbes Jahr geblieben.

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