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    Public Viewing

    30. Juni 20064 Minuten Lesezeit

    In unserem 100.000 Einwohnerstädtchen  (100 TEinwohner sagt man jetzt) waren
    Menschenmassen im Rathaus mit der Planung des „Public Viewing“ beschäftigt. Zum
    Glück erst seit gut einem Jahr vor Beginn der WM. Sonst wären noch mehr
    Steuergelder dafür verblasen worden.

    In den einschlägigen Ministerien in NRW wurde ein
    Förderprojekt „Public-Viewing-Festival“ aufgelegt. Die 50- bis 65-Jährigen
    Entscheider wollten sich wohl in besonderer Weise polyglott und weltmännisch
    präsentieren. Eigens wurde eine Broschüre zum Thema teuer produziert. Die darin
    enthaltenen Infos sind aber durchweg so oberflächlich, dass  die Broschüren in den Ausgabestellen mangels
    Interesse vergammeln.

    Die Bundesregierung hat rund 2,5 Millionen Euro Steuergelder
    verblasen, um die WM angemessen zu promoten. Dabei ging schon über eine Million
    in die Produktion irgendeiner Website. Der Steuerzahler hat´s ja.

    Zurück zu meinem Städtchen. 5.000 zusätzliche Übernachtungen
    bringe das Public Viewing der heimischen Hotellerie. Wohnmobil-Stellplätze wurden
    ausgewiesen und sogar die Belegung von Turnhallen als Schlafgelegenheiten wurde
    angedacht und projektiert. Die heimischen Gewerbetreibenden sollten 600 Euro
    zahlen, um das Recht zu erwerben, in der Innenstadt vor ihren Läden zusätzliche
    Tapeziertische mit Waren aufzubauen. Gastronomen sollten per se 600 Euro
    zahlen, weil sie ja angeblich die geborenen Profiteure der gesamten Veranstaltung
    seien. Im WM-Dorf, dem eigentlichen Public-Viewing-Bereich wurden sogenannte
    VIP-Bereiche überdacht, die man überteuert anmieten konnte.

    Und damit das Ganze auch noch einen seriösen Überbau
    erhielt, wurde ein kulturelles Programm zusammengestrickt. Vor und zwischen den
    Spielen treten heimische und ausländische Künstler auf und geben ihre jeweilige
    Kunst, in der Regel Musik, zum Besten. Selbst Expertentalkrunden wurden
    anberaumt.

    Kurz vor der Angst, also zur Jahreswende 2005/2006 stieß man
    dann im Rathaus auf das Problem der Akquisition im Ausland. Wiederum  aus der la main wurde ein sogenanntes
    Welcome-Poster entwickelt, welches heimische Gewerbetreibende per Email an ihre
    ausländischen Kontakte schicken sollten, um denen Appetit auf einen Aufenthalt
    in unserem Städtchen zu machen. Das dieses „Poster“ fast 4 Megabyte groß und
    damit eher nicht so recht Email-geeignet war, wurde von den professionellen
    Planern übersehen; vom Inhalt gar nicht zu reden.
    Mit Beginn des „Festivals“ wurde eben dieses in unserer
    hiesigen Presse als supertoll hochgelobt. Zwischen den Zeilen konnte man recht
    frühzeitig lesen, dass eigentlich kaum Erwachsene zum Public Viewing gehen.
    Aber die Jugendlichen, die fänden das Festival ganz toll. Bis zu 2.500 bei
    einem Deutschlandspiel  werden
    verzeichnet. Gut, während und nach den Spielen gibt es teils heftige
    Prügeleien, bei denen Polizei und Notarzt einschreiten müssen. Aber insgesamt:
    Top!

    Am Wochenende veröffentlichte der Bürgermeister dann
    überraschenderweise einen öffentlichen Appell an die Eltern im Stadtgebiet.
    Jugendliche besaufen sich am Rande des Festivals derart heftig,  dass die „Qualität“ dieses „Leuchtturms“ in
    der Umgebung gefährdet wird. Außerhalb des „WM-Dorfes“ werden Alkoholdepots
    angelegt und frequentiert, die jedem Barkeeper die Tränen in die Augen schießen
    lassen. Von Erwachsenen höre ich, dass man zum Public Viewing gar nicht mehr zu
    gehen braucht. Es sei denn, man wolle besoffene 15-Jährige in Aktion erleben.

    Dennoch wird in der heimischen Presse weiterhin das Hohelied
    des Public Viewing gesungen. Ein besoffener 15-Jähriger hat sich bereits von einer
    Brücke gestürzt  und musste mit einem
    Rettungshubschrauber abtransportiert werden. Im Zeitungsbericht hieß es jedoch
    nicht, dass sich ein besoffener 15-Jähriger von einer Brücke gestürzt hätte.
    Das Adjektiv ließ man, ganz im Sinne einer Hofberichterstattung, tunlichst weg.

    Von den 5.000 avisierten Übernachtungen sind bisher 80
    tatsächlich eingetreten. Die Wohnmobilstellplätze und die Turnhallen-Schlafplätze
    sind bisher nicht genutzt worden. Die Gastronomen klagen darüber, dass ihnen
    das Public Viewing, sowie private Grillfeiern das Publikum entzieht. Der
    Einzelhandel klagt über rückläufige Umsätze, obwohl der ja  nach den behördlichen Planungen einen Sprung
    nach vorne tun sollte. Die Fanmeile mit den drei  oder vier Büdchen wird so gut wie gar nicht
    besucht. Das kulturelle Rahmenprogramm interessiert regelmäßig ein gutes
    Dutzend Zuschauer. Eine Expertentalkrunde musste durch Umschalten aufs ZDF abgebrochen
    werden, weil sich nun aber auch wirklich keiner dafür interessierte. Der
    VIP-Bereich wurde für alle freigegeben, soweit und solange dort keine Buchungen
    vorliegen; also praktisch auf Dauer. Die Einsatzkräfte des Ordnungsamtes und
    der Polizei mussten verstärkt und durch sozialpädagogische Streetworker ergänzt
    werden, um der jugendlichen Problematik Herr zu werden.

    Aber! Das Public Viewing übertrifft nach offizieller
    Darstellung alle Erwartungen und ist ein voller Erfolg weit über die Grenzen
    unseres Städtchens hinaus. So lügt man sich die Wahrheit zurecht. Und wir
    älteren Mitbürger stehen da, haben es von Anfang an geahnt und wundern uns über
    den kollektiven Realitätsverlust ganzer Generationen innerhalb und außerhalb
    des städtischen Rathauses…

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