PowerPoint-Karaoke: Rhetorik für Fortgeschrittene – Vom Pferd erzählen aus dem Stegreif!

Wenn Herr Meyer aus der PR-Abteilung einen Vortrag hält, verlässt er sich traditionell auf diesen gähnkrampferregenden, ja überhaupt hassenswertesten Auswurf aus dem Hause Microsoft seit der Erfindung der Windows Cliparts. Die Rede ist von Powerpoint. Sie wissen schon, jene omnipräsente Software zur überdimensionierten Projektion der eigenen Inkompetenz auf gnadenlos überfrachtete Leinwand. Herr Meyer kratzt sich hinter'm linken Ohr: „Wir kommen nun zum vielleicht wichtigsten Punkt der heutigen Agenda: Egal ob Return on Investment oder Eternal Rate of Return, oder ähm, naja jedenfalls um Enterprise Application Integration zu machen, ist es wichtig, dass…“family: Arial,Verdana,sans-serif“>

Powernap mit Powerpoint: Weniger sagen mit mehr Folien

Pro Tag werden weltweit mehrere Millionen Powerpoint-Präsentationen erstellt. Ob beruflich oder privat, bei Referaten für die Schule und Uni, auf Silberhochzeiten, Meetings, Tagungen und Konferenzen: Powerpoint-Präsentationen sind allgegenwärtig. Sie gehören gewissermaßen zum Standard heutiger Vortragskultur. Dabei ist das Programm nicht nur ewig gestrig, sondern es ermuntert Vortragende geradewegs zu einem Kanon der wirren Stilblüten und müden Punchlines. Genau an diesem Punkt setzt Powerpoint-Karaoke an.

Jeder hasst Powerpoint. Trotzdem benutzen es alle.

Vom BWL-Studenten bis zur Marketingchefin: So gut wie jeder hasst das Präsentationsprogramm, mit dem willkürliche Bullshitpunchlines und scheinobjektive Stichpunktkonglomerate überhaupt erst salonfähig wurden. Powerpoint ist der eitle Stiefzwilling des Spickzettels. Mit anderen Worten: Wenn du keine Ahnung hast, wovon du gleich redest, bastle dir auf die Schnelle ein paar hübsche Folien, schon fühlst du dich souveräner. Wobei hübsch im Auge des Betrachters liegt, und Souveränität üblicherweise ein Blender ist. Fairer Bullenpunkt: Mit jeder Folie gewinnen Referenten den Freifahrtsschein für vier Minuten pseudowissenschaftliche Verbalexpertise. Derweil schlafen die Kollegen mit offenen Augen, angefixt höchstens von lustig animierten Zwischenüberschriften.

Schlechte Powerpoint-Präsentationen: So wird's gemacht

Wir wir alle wissen, ist das Internet eine wahre Fundgrube herrlicher Gruseligkeiten. Immer wieder stößt man bei der Themenrecherche im Netz so auch auf die pseudowissenschaftlichsten Ergüsse im Folienformat. Manche von ihnen sind besonders haarsträubend und wahre Kleinode der Wissenskonstruktion. Andere sind faktisch zwar haltbar, aber führen den fachmännischen Tunnelblick ad absurdum. Zum Beispiel der BWLer-Goldstandard „Strategische und operative Steuerung durch Balanced-Scorecard-basierte Führungsinformationssysteme„. Oder die Rede vom „Erfolgsfaktor Dienstleistung für Dentallabore„. Aber auch die optisch schön aufbereitete „Innovative Verfahrenstechnik im chemischen Reinigungsprozess“ sorgt für einige spannende Momente. Solche Momente der Erkenntnis hatte wohl auch die Zentrale Intelligenz Agentur in Berlin angehäuft, als sie in 2006 auf die Idee kam, mit dem kreativen Eventkonzept „Powerpoint Karaoke“ an den Start zu gehen.

Powerpoint-Karaoke: Was ist das?

Beim Powerpoint-Karaoke werden mutige Teilnehmer aus den Zuschauerreihen rekrutiert, die dann mithilfe absurder ppt-Dateien aus dem Netz Spontanvorträge halten. Der Witz: Ebenso wie das Publikum haben auch die Referenten die entsprechenden Folien nie zuvor gesehen. Also ist Improvisation und Rhetorik gefragt. Wie man hier sehen kann, wird in der Folge munter aus dem Stegreif vom Pferd erzählt. Bei langatmigen Passagen intervenieren die Jury und das unbestechliche Publikum mit direktem Feedback. Eloquenz, Erfindungsgeist und Esprit hingegen werden mit frenetischem Applaus belohnt und am Ende mit einer Siegerkürung geadelt. Durchgeführt werden die PowerPoint-Karaoke-Events sporadisch an Hochschulen sowie in Cafés, Clubs und Kneipen. Um keine der raren Veranstaltungen zu verpassen, lohnt sich definitiv ein Newsletter-Abonnement oder ein wenig engagierte Kultur-Spionage auf Facebook.

Herr Meyer pointing at Bullshit: Die 7 Bulletpoints zum Erfolg

  1. Weltweit werden täglich mehrere Millionen Powerpoint-Präsentationen erstellt.
  2. Bestandsaufnahme: Manchmal ist die Realität der beste Witz.
  3. Trend: Eine dröge Powerpoint-Folie à sieben Stichpunkte ergibt mehr als sieben gute Witze!
  4. Konklusion: Miese Powerpoints taugen zumindest als Realsatire.
  5. Hintergrund: Die gängigen Office-Cliparts sind schlimmer als weiße Socken in Sandalen.
  6. Das Dilemma der Scheinobjektivität: Folien-Fetischismus ist auch keine Lösung.
  7. Aussicht: PowerPoint-Karaoke zeigt neue Wege aus der Krise. („irony„-clipart)

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