Nur ausgedacht?

Im gesamten Schreibprozess ist wohl das Erfinden, die ‚Imagination', der schwerste Part. Dadurch, dass ich mir ‚alles aus den Fingern saugen' muss, habe ich es ja keineswegs leichter. Während im realen Leben, wenn ich bloß von ‚wirklichen' Ereignissen berichte, die handelnden Menschen ihre Glaubwürdigkeit immer schon an Bord ihres Charakters mitbringen, weil sie ja draußen wirklich so herumlaufen, da muss ich, sobald ich frei erfinde, diese Glaubwürdigkeit erst herstellen. Eine Figur wie Dieter Bohlen ließe mir das Publikum auf dem Gebiet der Literatur sicherlich nicht durchgehen: Zusammengeleimt, klischeehaft, unglaubwürdig, Plastik-Figur, Comic-Charakter – so oder ähnlich würde die Kritik allgemein lauten.

Glaubwürdige Charaktere sind in der Realität also kein Thema, da laufen die unwahrscheinlichsten Figuren frei herum. Wohl aber auf dem Gebiet der Literatur. Ich kann das zwar für ungerecht halten, muss aber trotzdem eine überzeugende und generelle Vorstellung davon haben, was hinter der Stirn anderer Menschen vorgehen würde, wenn sie endlich mal konsequent handeln würden – und was sie dann so und so handeln macht. Ich bastele also Motive, die unter wirklichen Menschen auch lange nicht jene Rolle spielen, welche die Polizei ihnen in ihren Verhören zuschreibt. Dieses literarische Handeln muss zu meiner Schablone eines Charakters passen, was es im wirklichen Leben gar nicht muss. Ich handele in gewisser Weise wie in einem Godlike-Spiel, nur dass die Charaktere mir hier nicht vom Programmierer vorgefertigt werden, sondern meinem Hirnkasten entstammen. Wenn sich Dero Göttlichkeit, der Autor, hier vergreift, steigt der Leser aus.

Ähnliches gilt auch für die Handlung. Wer jemals lügen musste und erlebt hat, welche Anforderungen eine einzige Lüge an sein Gedächtnis stellt, welche Kette von Folgelügen produziert werden müssen, damit die Chose nicht auffliegt, der hat einen Begriff davon, welche Anstrengung es mit sich bringt, eine komplette Rahmenhandlung über viele, viele Seiten hinweg plausibel und widerspruchsfrei zu halten.

Kurzum, wenn mich noch einmal jemand fragt, ob ich dies oder das ‚nur' erfunden hätte, dann raste ich aus …

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