Namensfindung

In den Blogs herrscht oft das (gekonnte) Cliché – «Lulu» heißt die menschenkundige Drinkmixerin an der Blogbar, «Modeste» die Meisterin der Melancholie, «Netbitch» schimpft sich die Frau mit der Punk-Attitude. Einige Schriftsteller, übrigens ein ewig namensverlegenes Volk, behalfen sich schlicht mit der Realität oder dem Telefonbuch. So bezog Döblin die Familiennamen zu seinem Alexanderplatz weitgehend aus dem Fundus seiner Nervenarztpraxis, Oskar Maria Graf griff zu Adressverzeichnissen und Todesanzeigen.

Doch Vorsicht: Auch solche Anzeigen treffen bereits Festlegungen. Würden wir heute unsere fiktive Heldin Dörte, Roswitha, Waltraud oder Anneli nennen, dann wüsste jeder Leser, dass wir es hier mit einer Altersheimbesatzung aus der Generation 60 plus zu tun haben, dazu noch mit einer aus dem eher kleinbürgerlichen Milieu. Bei Tanja, Sonja oder Sandra erfahren wir ohne weitere Nachfrage, dass hier die 80er Jahre am Beginn ihrer Berufskarrieren stehen, die männlichen Gegenstücke aus der Zeit heißen Tobias, Oliver oder Sascha. Während eher biblische Klänge wie Sarah, Maria oder Jakob auf ein bildungsbürgerliches Alternativmilieu gleichen Alters hindeuten. Kurzum – Vornamen unterliegen Moden, schon mit ihnen packen wir unsere Helden in eine Generationsschublade. Und wer heute noch seine Tochter Brunhilde nennt oder seinen Sohn Gernot, nach dessen politischer Ausrichtung müssen wir nicht lange fragen.

Schreiber haben immer gern zu «symbolischen Namen» gegriffen. Besonders penetrant in dieser Hinsicht war bspw. Hermann Hesse, dem wir so schöne Wandervogel-Namen wie «Demian», «Narziss» oder «Goldmund» verdanken. Aber auch der Zusammenklang von Germanismus und Hässlichkeit bei «Dietrich Hessling» aus Heinrich Manns «Untertan» macht uns von Anfang an klar, wo der Hammer des Symbolismus hängt. Ebenso beim zugewanderten Juden «Türkheimer» aus dem «wilden Osten» im «Schlaraffenland»-Roman des gleichen Verfassers. Manche Romanfiguren wurden sogar real sprichwörtlich, wie der «Veitel Itzig» aus Gustav Freytags «Soll und Haben». Es ist also oft gar nicht wahr, wenn wir solche Gestalten «Kunstfiguren» nennen. Sie wirken aus der Geisterwelt weit in das wirkliche Leben hinein.

Auch andere Schriftsteller beherrschten das Symbol-Spiel virtuos: da ist die «Modeste Mignon» bei Balzac oder der «Adrian Leverkühn» bei Thomas Mann, der sich – kühn und ein wenig mittelalterlich lebend – mit Haut und Kunst dem Teufel verschreibt. Die «Siebenscheins» in Doderers «Dämonen» verweisen natürlich auf den siebenarmigen Leuchter – und ebenda muss der Vulkan oder Schlackenberg «Kajetan Schlaggenberg» natürlich das Alter Ego des Autors sein.

«Wir erfinden für ihn den Namen Broubek. So sah er aus», schreibt derselbe Schriftsteller in den «Wasserfällen von Slunj». Auch deshalb sollten wir mit der Namensgebung unseres Blogpersonals vorsichtig sein, denn die Figuren können niemals über ihren Taufnamen hinauswachsen. Irgendwann sehen sie sogar so aus und benehmen sich so, wie wir sie tauften. Nach einer diskutierenswerten Theorie wäre uns sogar der Führer unter dem angestammten Namen «Adolf Schicklgruber» erspart geblieben.

Auch mit unseren eigenen «noms de guerre» in der Blogosphäre müssen wir wählerisch umgehen. Wenn wir uns «Didi Dünnpfiff» nennen, wird niemals mit uns jemals ernsthaft argumentieren wollen.           

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