Musiktherapie: Mit der richtigen Melodie die Schmerzen bekämpfen

Florian ist Autist. Er ist autoaggressiv, verletzt sich oft selbst, spricht nicht und ist sehr unruhig. Dann beginnt er mit einer Musiktherapie. Schnell ist zu erkennen, dass er sich Melodien sehr gut merken kann, er entwickelt Spaß am Spielen mit den Instrumenten, er lernt, seine Gefühle durch die Musik zum Ausdruck zu bringen. Nach einigen Monaten hat er aufgehört, sich selbst zu verletzten; stattdessen tritt er durch Laute viel mehr mit seiner Umwelt in Kontakt.

Die erfolgreichen Methoden der Musiktherapie

In den letzten Jahren wird zunehmend die positive Wirkung von Musik auf Kranke wiederentdeckt. Schon in der Frühzeit der Menschheit war die heilende Wirkung von Musik bekannt, z.B. tanzten sich die Menschen in Trance. Nachdem die moderne Schulmedizin jedoch alles ablehnte, dem es an wissenschaftlicher Fundiertheit fehlte, geriet dieses „Wundermittel“ in Vergessenheit.

Definiert wird Musiktherapie als Wiederherstellung, Entfaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit, in enger Wechselwirkung mit Medizin, Gesellschaftswissenschaften, Psychologie, Musikwissenschaft und Pädagogik. Grundsätzlich werden zwei Arten unterschieden: Rezeptive und Aktive Therapie, die sowohl in Gruppen- als auch in Einzeltherapie praktiziert werden können.

Rezeptive Therapie bedeutet, dass der Patient nur hört. Sie wird zumeist angewendet bei Patienten, die aus physischen oder psychischen Gründen nicht in der Lage sind, sich selbst aktiv zu beteiligen z.B. bei präfinalen oder komatösen Patienten, Autisten oder Frühgeborenen. Aktive Therapie heißt, dass der Patient auch selbst Musik macht, dafür ist es jedoch nicht notwendig, ein Instrument zu spielen oder Noten lesen zu können, zumeist wird improvisiert, getanzt oder gesungen.

Arbeitsfelder der Musiktherapie

  • Psychiatrie: in den psychiatrischen Einrichtungen Deutschlands wird diese Methode immer populärer. Gerade bei Menschen, die sich schwertun, ihre Gefühle in Worte zu fassen, kann sie große Fortschritte bewirken.
  • Heilpädagogik: Der Grundgedanke der Heilpädagogik beinhaltet die „Ganzheitlichkeit“, d.h. es wird nicht ausschließlich eine Verletzung oder Störung behandelt, sondern der gesamte Mensch mit all seinen Aspekten, wie z.B. Fähigkeiten, Probleme oder soziales Umfeld wird therapiert. Für eine derartige Problembehandlung lässt sich besonders gut die Musiktherapie nutzen: Ein Patient drückt durch sein Spiel viele Wünsche und Gefühle aus, die sich möglicherweise gar nicht in Worte fassen lassen. Der Therapeut wiederum kann diese auf eine nonverbale Art verstehen und behandeln, z.B. in dem er durch Melodien antwortet. So entsteht ein Dialog zwischen Therapeut und Patient, der zu einer Stärkung und Beruhigung der gesamten Persönlichkeit führt.
  • Neonatologie: Ab der Mitte einer Schwangerschaft kann ein Fetus akkustische Signale wahrnehmen. Ein zu frühgeborenes Baby ist einer Vielzahl von Reizen ausgesetzt, für die es noch gar nicht reif genug ist und verliert früh die enge Bindung zu seiner Mutter. Daraus resultiert, zusätzlich zu den sowieso vorhandenen Entwicklungsdefiziten, großer Stress für das Neugeborene. Dies versucht die Therapie abzumildern, sowie die Beziehung (durch ihre Einbeziehung) zwischen Mutter und Kind zu intensivieren.
  • Psychosomatische Medizin: Typische Krankheitsbilder sind Kontakt- und Beziehungsschwierigkeiten zu anderen und zu sich selbst. Da ihre Entstehung in präverbalen und präödipalen Stadien vermutet wird, lassen sie sich durch verbale Therapien nur bedingt behandeln, während eine Therapie, in der Musik als Medium verwendet wird, äußerst gut anschlägt.
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie: Es lassen sich zu ihr ähnliche Aussagen treffen wie zu der Psychiatrie, Heilpädagogik und psychosomatischer Medizin.
  • Neurologische Rehabilitation: Sie wird bei Komapatienten, in Rehabilitationskliniken und Pflegeheimen angewendet. Anders gesagt, bei Krankheiten, die durch eine Schädigung des Zentralen Nervensystems, verursacht worden sind. Leider lassen sich die physischen Folgen nicht durch die Musik heilen. Der Ansatz ist, dass die psychischen Verletzungen, Trauer um das Leben davor, Sinnverlust etc., gelindert werden.
  • Schlaganfall: Die häufigsten Symptome eines Schlaganfalls sind Sprach-, Bewegungs-, Hör- und Wahrnehmungsverlust sowie Antriebsschwäche. Nahezu alle lassen sich durch Musik nachweislich lindern, v.a. die Beweglichkeit sowie die sprachliche Ausdrucksfähigkeit werden durch Tanz, Singen und Rhythmusempfinden trainiert, dies wiederum führt zu einem Motivationsschub durch Erfolgserlebnisse, der sich in einer ganzheitlichen Stärkung der Persönlichkeit widerspiegelt.
  • Aphasie (Sprachverlust): Je nachdem wie stark die Aphasie ist, müssen unterschiedliche Wege gefunden werden. Die Therapie versucht ein Reaktivieren von Sprachpotential, basierend darauf, dass der Einsatz der Stimme in einem musikalischen Kontext einfacher ist, als in einem grammatikalisch, inhaltlichen Kontext.
  • Wachkoma: Das am längsten funktionsfähige Organ, das Gehör, funktioniert auch bei Wachkoma-Patienten und ist der einzige Weg mit ihnen eine Kommunikation zu schaffen. Der Patient, der durchaus registriert, dass er sich in einer lebensbedrohlichen und ungewissen Situation befindet, fühlt sich angesprochen, wahrgenommen und beruhigt. Des Weiteren werden auf diesem Wege vorhandene Potentiale aktiviert und gefördert.
  • Tinnitus: Zur Behandlung des Tinnitus mithilfe von Akkustik wurde das „Heidelberger Modell zur Behandlung von chronischem Tinnitus“ entwickelt, dessen Wirksamkeit bei 80 % der Betroffenen nachgewiesen werden konnte.
  • Schmerzen: Die Therapie hilft besonders bei psychischen/eingebildeten Schmerzen, kann aber auch bei physischen wirken. Wichtig ist zumeist, dass es ein interdisziplinäres Therapiekonzept gibt zwischen den betreuenden Ärzten und dem Psychotherapeut. Ziel ist das Wiederentdecken von guten Gefühlen und positiven Gedanken sowie die Aufweichung festgefahrener negativer Denkmuster. Langfristig führt dies zu einem positiven Umgang mit dem Schmerz.
  • Geriatrie: Die Methode eignet sich besonders zur Behandlung von Altersdemenz und Depressionen. Die emotionalisierende Wirkung von Musik löst die Gefühlsstarre und durch ihre erinnernde Fähigkeit können positive Erlebnisse als Flashbacks wiederbelebt werden.
  • Onkologie (Lehre vom Krebs): Für einen Krebserkrankten gibt es folgende Belastungskriterien: Die „Todesdrohung“ durch die Krankheit, Verletzung der Unversehrtheit, Autonomieverlust, Verlust von Aktivitäten, soziale Isolierung, Stigmatisierungsängste, Bedrohung der sozialen Identität und des Selbstwertgefühls. Durch die Therapie konnten verschiedene positive Effekte festgestellt werden: fördert die Entspanntheit, hilft bei Einschlafstörungen, Reduzierung von Ängsten und Depression, Erfolgserlebnis und Steigerung des Selbstwertgefühls, Unterstützung der medizinischen Schmerztherapie, Patient hat weniger Übelkeit und Schwindel, Reduzierung der Krankheits- oder therapiebedingten Isolation, Anregung der Komunikation unter den Patienten bzw. mit der Familie, Möglichkeit des Erlebens von Hoffnung und Trost, Sterbebegleitung, Förderung der emotionalen, verbalen und nonverbalen Kommunikation, Mobilisierung von Ressourcen und Fähigkeiten sowie soziale Unterstützung. 

Keine Meinungen

  1. Hallo,
    ja, völlig richtig. Wer krankhafte Symptome zeigt und leidet, dem muss geholfen werden. Ob die Probleme nun wirklich körperlicher Natur sind oder „nur“ psychisch bedingt, ist doch zweitrangig. Kein Hypochonder hat sich vorgenommen: So, nun will ich aber krank werden. Letztendlich ist Hypochondrie ein Zeichen, dass etwas falsch läuft. Ein „Stell dich nicht so an, das bildest du dir ein“ macht es nicht einfacher.

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