Metaphernkönige

Der Gebrauch des Bildes im Text gehört zu den schwersten Übungen. Die Metapher, das Sprachbild also, das einen Gedanken «illustriert», soll in sich stimmig sein, es darf die Motive nicht wechseln wie andere Leute das Taschentuch, und es muss dem Gegenstand auch noch angemessen sein. In den meisten Fällen «öffentlicher Kommunikation» aber werden alle drei Prinzipien meist ignoriert, weil ein Verfasser zu Instant-Phrasen greift, um sich möglichst schnell vom Texten ab- und sinnvolleren Dingen zuzuwenden.

Im Internet lese ich gern bei media coffee, um mich über den Zustand der «Kommunikation» in Deutschland zu informieren: Dies ist nämlich der selbstgezimmerte Unterstand der Mietkommunikation in Deutschland: von der GPRA über die PR-Fachmagazine bis hin zu den CEOs der bedeutenden Werbe- und PR-Agenturen treffen sich hier ausschließlich «Großkommunikatoren» der Republik, um zu fachsimpeln und um ein Gefühl für das «neue Medium» des Bloggens zu entwickeln. Was sprachlich dort geschieht, erhebt sich auf dem immer gleichen Niveau. Zu illustrativen Zwecken greife ich einfach einmal einen Text von Dietrich Schulze van Loon heraus, immerhin der GPRA-Chef, dessen Interessenverband die großen Werbe- und PR-Agenturen in dieser Republik vertritt. Es hätte aber auch jeden anderen treffen können.

Schulze van Loon schreibt: «Nach dem WM-Sommerhoch 2006 ist Deutschland wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Doch diese stimmen den Betrachter … wenigstens vorsichtig optimistisch. Der Grundstein dafür wurde in diesem Jahr gelegt».

Diese in meinen Augen recht abenteuerliche Fotosafari beginnt also mit einem Hoch, einem meteorologischen Gebiet hohen Luftdrucks, von dem Schulze van Loon meint, wohl vom Wortklang verführt, dass ein Hoch imstande gewesen sei, ein ganzes Land nach oben zu reißen. Anders ist die folgende Rückkehr auf den «Boden der Tatsachen» bildlogisch kaum zu deuten. Physikalisch aber, schließlich gelten die Gesetze der Physik auch im Sprachbild, hat ein Hoch eher den gegenteiligen Effekt: Bei hohem Druck ist mehr Luft über jedem Quadratzentimeter Fläche vorhanden, die drückt mit ihrer Masse auf die Dinge. Und die Tiefs sind ja unter anderem deshalb so stürmisch, weil überschüssige Luft aus den Hochdruckgebieten mit Macht in die unterversorgten Gebiete einströmt. Positiv in Hochdruckzeiten ist also vor allem, dass wir «mehr Luft» und damit Sauerstoff bekommen. Gut, aber man muss ja nicht alles wissen …

Jedenfalls ist die Republik glücklich wieder auf dem «Boden der Tatsachen» gelandet. Die Fakten bilden also so etwas wie ein festes Pflaster, auf dem sich ein Schreiber sicher bewegen kann, sie formen so etwas wie eine Fläche aus lauter Gehwegplatten der Realität. Die allerdings die einzigartige Fähigkeit besitzen, Stimmung zu verbreiten, in diesem Fall vorzugsweise eine «optimistische». Zugleich stellt sich der Schreiber diesen flachen Boden der Tatsachen wie eine Art Bauwerk vor, wo unter der ebenen Fläche ein noch grundlegenderer «Grundstein» zu legen wäre. Jeder Fliesenleger könnte hier für den notwendigen handwerklichen Bezug zum «Boden der Tatsachen» sorgen, weil er nämlich in seiner zweidimensionalen Welt gar keine Grundsteine kennt.

Wie kommen all diese schrägen Bildwelten zustande, die uns aus einem wirbelnden Sommerhoch plötzlich auf den harten Boden der Tatsachen schleudern, wo uns unversehens auch noch ein solider Grundstein in die kurzen Rippen fliegt? Zwischen dem Schreiben und dem Nachdenken – das ist jedenfalls meine begründete Vermutung – ist längst jeder Bezug verloren gegangen. Es regiert schlicht die fehlende Vorstellungskraft, ein Schreiben ohne Imagination, die Sprache zündet nicht mehr, die verbliebenen Dörr-Metaphern sind nur noch eine Art rhetorischer «Glasperlen» für den Handel mit den Eingeborenen, aber längst jeder Bildlichkeit entkleidet: Wer sich darunter noch etwas vorstellt, der hat letztlich selber schuld! Mit einem Wort: Es sind Phrasen. Erstarrte, mumifizierte Bilder, die gar nichts mehr «meinen», sondern nur noch die Mühle am Klappern halten.

Dass dies ausgerechnet unter unseren Kommunikationsexperten so häufig geschieht, ist natürlich ein interessantes Phänomen. Vielleicht liegt es ja daran, dass hier besonders viel geklappert werden muss, was die oben erwähnten Ermüdungserscheinungen zur Folge hätte …

6 Meinungen

  1. Vielleicht hat Schulze van Loon den Artikel mit einem auf Erinnerungen an die WM basierten Hochgefuehl begonnen, das jedoch ebensoschnell zum Tiefdruckgebiet verblasste, wie der Sommer im August. Und wie Du schon richtig erwaehnt hast ist Tiefdruck ein Unterdruck, der im Hirn des unkonzentrierten Autors schon mal zum Vakuum mutiert. Wie aber fuellt man ein Vakuum am schnellsten?Genau! (Gase haben die Eigenschaft, bei hoeheren Temperaturen mehr Raum einzunemen.) Mit heisser Luft.Und die gehoert bei PR-Schaffenden zum Handwerkszeug, wie das Taschentuch zum Onanist – oder so aehnlich.-m*sh-

  2. Ich glaube, die Sachlage ist schlimmer: Du unterstellst immerhin ein „Gedacht-Haben“, auch wenn dies regelmäßig zu kurz springt. Meine Befürchtung ist dagegen, dass unsere Purzels alles Schreiben längst «mechanisch» betreiben, während sie an ganz andere Dinge denken …

  3. Doch nicht etwa an Taschentuecher? :-]-m*sh-

  4. Mechanisch klingt gewissermaßen veraltet – mechatronisch wäre richtiger. Schon wegen des Notebooks, was er sicher benutzt hat, mit einer Tastatur, die vom vielen Behämmern schon ganz schlabbrig geworden ist.

  5. Das bewirkt der kommunikatorische Fehlschluss: „Ich tippe, also bin ich wichtig“.

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