Natürlich ist es so, dass diejenigen Blogs, die die Charts anführen, nur in sehr eingeschränktem Umfang 'literarisch' sind. In dem Sinne nämlich, dass man zwar 'gut schreiben' können muss (whatever that is), um in Kleinbloggersdorf Erfolg zu haben. Das gilt dann für das 'BildBlog' in den Kategorien 'Ironie' und 'Sarkasmus' ebenso wie für die BlogBar in Sachen 'Neologismen im Schimpfwortbereich', für Thomas Knüwer im Bereich 'längst vergessen geglaubte Qualitäten des Journalismus' oder für den Monarchen in seinem 'Wortreich' der Sprachkritik. In diesem Sinne sind fast alle erfolgreichen Blogs eben auch notwendigerweise 'literarisch'.
Es gibt aber auch Blogs, die – allein oder untereinander vernetzt – ein 'literarisches Web' im Web 2.0 bilden. Wo also die Formensprache der Literatur gepflegt und ausgebaut wird, wo fiktionale Personen auf erfundenem Terrain ihre Taten und Untaten begehen. Ich nenne einfach einmal ein paar meiner Lieblinge, jeder kann über deren Blogroll dann ewig weiterverzweigen und seine eigenen Entdeckungen machen. Die Blogosphäre in Deutschland besteht eben nicht aus 200.000 oder 500.000 Blogs, sie ist – zur Verzweiflung aller, die sie 'in den Griff bekommen' möchten – wahrhaft ein unendlicher Raum:
– Da wäre zum Beispiel der 'Wörterberg' – harte Großstadtreportagen, ein wenig angelehnt an Hunter S. Thompson, kleine Anlässe, große Worte, derbe Wortwahl, das Grauen jedes arrivierten Chefredakteurs, aber das Entzücken (fast) jeden Lesers.
– Reflektiert und ewig sich selbst beobachtend schreibt bomec von ich.com über sein Leben als Großstadtschwuler, sehr direkt, aber nie obszön. Und mit allen Worten, die ihm zu Gebote stehe. Und das sind eine Menge …
– Der Dirk Schröder von hor.de widmet sich gestalterischen Aspekten, die breiige Prosa knetet er so lange, bis sie zur Lyrik wurde. Vor allem aber findet sich hier ein Verzweigungsbahnhof zu allen möglichen anderen, auch nichtdeutschen Blogs, den ich mir bisher keineswegs ganz erschlossen habe.
– Das Tag um Tag-Blog von Klaus Dieter Diedrich ist mir manchmal zu gedämpft, pessimistisch, textlich ausufernd und auch grau, das aber sind Geschmacksfragen. Dann aber gibt es wieder erinnerungsträchtige Momente, wie den hier verlinkten Text über ein 'Sauf- und Fickfest' in der Provinz: den Biberacher Schützenzug.
– Ein Gemeinschaftsblog muss notwendigerweise uneinheitlich sein. So auch 'der Goldene Fisch'. Trotzdem wurde ich da noch nie enttäuscht: Etwas ist ja immer …
So weit erst einmal. Es gibt auf den verlinkten Seiten genügend Links zu finden, die 'weiterführend' sind. Wer auch einmal etwas zum Lachen haben möchte, der darf gern Die Literarische Zukunft Deutschlands besuchen. Die Jungs dort freuen sich über jeden Klick. Sie handeln allerdings eher in Umkehrung des alten Schopenhauer'schen Stilgesetzes: Sie versuchen mit ungewöhnlichen Worten Gewöhnliches zu sagen. Und das ist bekanntlich 'gar keine Literatur' – und selbst die versemmeln sie auch …
